FAZ 05.10.2026
08:51 Uhr

Gazakrieg: Wie viele tote Zivilisten sind zulässig?


Der Dokumentarfilm „Naza“ hat in Israel zu einer aufgeheizten Stimmung geführt. Ehemalige Soldaten berichten der F.A.Z. von den Einsätzen, um die es geht.

Gazakrieg: Wie viele tote Zivilisten sind zulässig?

Der Dokumentarfilm „Naza“ hat die Debatten über die Vorgehensweise der israelischen Armee im Gazastreifen neuerlich befeuert. Dabei geht es vor allem um menschliche „Kollateralschäden“ – um die Frage, wie viele tote Zivilisten bei einem Angriff auf Hamas-Kämpfer für zulässig befunden wurden. Anonym interviewte ehemalige Soldaten sprechen in „Naza“ von Hunderten, einer sogar von 500 Zivilisten in einem Fall. Die Armee hat diese wie auch andere Angaben aus dem Film kategorisch zurückgewiesen. Ehemalige Soldaten bekräftigen gegenüber der F.A.Z. aber einige der Behauptungen. Zugleich zeichnen sie ein differenzierteres Bild der Abläufe. In Israel ist der Film nicht zu sehen, und es bleibt ungewiss, ob es öffentliche Vorführungen geben wird. Die Stimmung ist aufgeheizt, seit „Naza“ im September bei den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Die beiden Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor erhalten seither Morddrohungen, es gab Demonstrationen vor dem Haus von Szors Eltern in Israel und Forderungen, sie als Verräter hinzurichten. Netanjahu vergleicht den Film mit einem Raketenangriff Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat erklärt, dass er den beiden Filmemachern die Staatsbürgerschaft entziehen lassen will. „Naza“ sei, „als würden Dutzende von ballistischen Raketen auf uns abgefeuert“, sagte er kürzlich in einem Interview. Regisseur Yuval Abraham sagte, angesichts dieser Reaktionen sei er vor allem um die 24 Geheimdienstoffiziere und Soldaten besorgt, die mit ihm und Szor gesprochen haben und anonymisiert im Film zu sehen sind. Auch die drei in diesem Artikel zitierten ehemaligen Soldaten erklärten sich aus Angst um ihre Sicherheit nur unter der Bedingung der Anonymität zu Gesprächen mit einer kleinen Zahl ausländischer Journalisten bereit, darunter der F.A.Z. Vermittelt wurden die Interviews von Breaking the Silence, einer israelischen Organisation, die seit rund zwanzig Jahren Aussagen von Militärangehörigen sammelt, auswertet und veröffentlicht. Breaking the Silence sagt, die Angaben der drei Israelis seien überprüft und mit weiteren Aussagen abgeglichen worden. Einer von ihnen diente in einer Nachrichtendiensteinheit, der Zweite in einer Drohneneinheit, der Dritte war im Militärgeheimdienst eingesetzt. Sie alle erlebten ihren Angaben zufolge den Beginn des Gazakriegs mit, der nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 begann und vorläufig am 10. Oktober 2025 endete. Die durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump vermittelte Waffenruhe wird aber immer wieder gebrochen. Die Naza-Zahl wurde mit Kriegsbeginn hochgestuft Vor allem die ersten Kriegswochen standen in den getrennt geführten Interviews im Mittelpunkt. Die israelische Armee reagierte auf den 7. Oktober mit einer umfassenden Mobilisierung und mit ausgedehnten Luftangriffen, bevor sie Ende Oktober 2023 eine Bodenoffensive begann. Laut Angaben zweier Gesprächspartner änderten sich mit dem Krieg die Angriffsrichtlinien gegenüber der Vorkriegszeit. „Legitime Ziele“ waren nun nicht mehr nur bewaffnete Hamas-Mitglieder im Kampf sowie Personen, die sie unterstützten, sondern alle Mitglieder der Organisation oder anderer bewaffneter Gruppen. „Das heißt, jeder, der auf ihren Gehaltslisten steht“, erläutert der Israeli aus der Drohneneinheit. „Er kann in seinem Bett schlafen oder auf der Straße unterwegs sein. Es spielt keine Rolle, was er gerade tut.“ Hochgestuft wurde demnach auch die Richtlinie, wie viel „Kollateralschaden“ bei einem gezielten Angriff auf einen Feind maximal zulässig ist. Dieser „Kollateralschaden“ heißt im Hebräischen „Nezeq agavi“, die Abkürzung lautet Naza. Vor dem Gazakrieg habe die Naza-Zahl null betragen. Das heißt, ohne Anordnung der Armeeführung durften Kommandeure keine gezielten Angriffe befehlen, wenn zu erwarten war, dass dabei auch Zivilisten ums Leben kommen. Nach dem 7. Oktober habe Stufe 3 gegolten: Bis zu zwanzig getötete Zivilisten pro feindliche Zielperson waren jetzt grundsätzlich erlaubt. Diese Naza-Zahl ist zu unterscheiden von der Zahl der Zivilisten, die bei einem Angriff tatsächlich ums Leben gekommen sind. Zudem dürfte sie nur für geplante, gezielte Angriffe gelten. Für Angriffe während des Kampfgeschehens, beispielsweise wenn Soldaten Luftschläge auf als Bedrohung eingestufte Gebäude anfordern, gibt es nach Angaben von Breaking the Silence keine Naza-Vorgaben. „Es fällt dir leichter, anzugreifen“ Der Israeli aus der Drohneneinheit schildert, wie sich die Hochstufung der Naza-Zahl auf seine Tätigkeit auswirkte. In den meisten Fällen hätten bewaffnete Drohnen zwar sowieso nicht so viele Menschen getötet, sagt er. Zudem seien die Soldaten in seiner Einheit grundsätzlich bestrebt gewesen, bei gezielten Angriffen so wenige Zivilisten wie möglich zu töten. „Aber du weißt, dass es geht. Wenn du also ein Ziel hast und Menschen siehst, fällt es dir leichter, anzugreifen, weil du weißt, dass du bis zu zwanzig töten darfst.“ Auf Nachfrage macht der ehemalige Soldat klar, dass ihm manche Missionen schwerfielen. Als Beispiel nennt er einen Befehl an seine Drohneneinheit, einen Hamas-Kämpfer anzugreifen. „In seiner Nähe befanden sich seine Kinder und seine Frau. Die Einsatzzentrale sagte zu uns: Das ist die Vorgabe, ihr müsst schießen. Letztlich haben wir nicht geschossen, weil die Informationen nicht ganz gesichert waren, aber sie wollten, dass wir schießen.“ Oft seien solche gezielten Luftangriffe aber durchgeführt worden, auch wenn Unbeteiligte umkamen – im Einklang mit den Naza-Vorgaben. Daneben gab es auch Vorfälle, bei denen die Zahl getöteter Zivilisten wesentlich mehr als zwanzig betrug. Umstritten ist, ob die Armee auch solche Angriffe, inklusive der erwarteten zivilen Opfer, genehmigt hatte. Der Luftangriff in Dschabalia Die beiden anderen Gesprächspartner kamen in diesem Zusammenhang auf einen Vorfall zu sprechen, der großes Aufsehen erregte: den Luftangriff in Dschabalia am 31. Oktober 2023. Der Angriff, der das dicht besiedelte Gebiet im Norden des Gazastreifens traf, war einer der schwersten Luftangriffe bis dahin. Er hinterließ mehrere zerstörte Gebäude und einen tiefen Bombenkrater. Es gibt unterschiedliche Angaben zur Zahl der Toten, auch weil viele Menschen unter den Trümmern verschüttet waren. Die britische Organisation Airwars, die zivile Opfer von Konflikten dokumentiert, geht von 126 bis 143 zivilen Opfern aus, überwiegend Frauen und Kinder. Zudem seien fast 300 Zivilisten verletzt worden. Die Hamas behauptete, auch sieben Geiseln seien ums Leben gekommen. Die ehemaligen Soldaten sagen, es hätten laut dem Angriffsbefehl noch mehr Zivilisten getötet werden können. Demzufolge genehmigte die Armee für den Luftangriff eine Naza-Zahl von 300. Die Armee weist die Vorwürfe zurück Der Israeli, der im Militärgeheimdienst diente, erinnert sich an ein Briefing vor dem Angriff. Dort sei verkündet worden, „dass der Stabschef Besprechungen zu diesem Thema geleitet habe und man sich darauf geeinigt habe, den Ort anzugreifen“. Der Kollateralschaden betrage bis zu 300 Zivilisten. Das deckt sich mit Angaben eines weiteren ehemaligen Soldaten gegenüber Breaking the Silence. In seiner Aussage, deren Transkript der F.A.Z. vorliegt, heißt es mit Blick auf den Angriff in Dschabalia: „Ich war an der Genehmigung eines Ziels mit einem Kollateralschaden von 300 beteiligt.“ Auch er sagt, die Erlaubnis für eine so hohe Naza-Zahl sei vermutlich vom Generalstabschef gekommen. Die israelische Armee (IDF) nennt die Behauptung, bei dem Angriff in Dschabalia sei ein Kollateralschaden von bis zu 300 Zivilisten genehmigt worden, gegenüber der F.A.Z. „falsch und völlig ohne Basis“. Die Armee habe „zu keinem Zeitpunkt während des Kriegs“ einen Angriff mit einer solchen oder einer ähnlichen Kollateralschaden-Schätzung durchgeführt oder genehmigt, heißt es in einer Stellungnahme. In Dschabalia habe die vorab geschätzte Zahl der zivilen Opfer „deutlich“ unter hundert gelegen. Mit Blick auf die tatsächliche Opferzahl schreibt die Armee, nach dem Angriff seien Berichte aufgetaucht, „wonach der verursachte Schaden die vorläufige Einschätzung der IDF überstieg“. Der Grund sei gewesen, dass die Bombardierung unbekannte unterirdische Strukturen der Hamas beschädigt habe, was wiederum zum Einsturz weiterer Gebäude beigetragen habe. Die Schwelle zum Kriegsverbrechen ist hoch Das Menschenrechtshochkommissariat der Vereinten Nationen hatte nach dem Angriff mitgeteilt, man habe „ernsthafte Bedenken, dass es sich hierbei um unverhältnismäßige Angriffe handelt, die Kriegsverbrechen darstellen könnten“. Der Kölner Straf- und Völkerrechtler Claus Kreß weist gegenüber der F.A.Z. allerdings darauf hin, dass die Schwelle für einen Verstoß gemäß dem Kriegsvölkerrecht hoch sei. Laut dem Statut des Internationalen Strafgerichtshofs liege ein Kriegsverbrechen erst dann vor, wenn der Angreifer vorausgesehen hat, dass es zu „klar exzessiven“ zivilen Begleitschäden kommen würde. Mit Blick auf Dschabalia erläutert Kreß, man müsste ergründen, „ob die Zahl der auch bei zumutbaren Vorsichtsmaßnahmen zu erwartenden zivilen Toten als exzessiv einzustufen wäre im Verhältnis zu dem militärischen Vorteil“, den der Angriff verschaffte. Der Armee zufolge galt der Angriff einem Kommando- und Kontrollzentrum der Hamas, vor allem aber einem Bataillonskommandeur, Ibrahim Biari. Er sei am 7. Oktober beteiligt gewesen und habe anschließend militärische Operationen im Norden des Gazastreifens befehligt. Wie wichtig war der Hamas-Kommandeur? Zwei der ehemaligen Soldaten berichten, die Armee habe Biaris Aufenthaltsort nur auf eine Handvoll Gebäude in Dschabalia eingrenzen können. Um den Bataillonskommandeur sicher zu töten, „mussten sie mehrere Gebäude plattmachen“, sagt der Israeli aus der Nachrichtendiensteinheit. Er erinnert sich an den Angriff zum einen wegen der hohen Opferzahl, auch wenn in der Nachbesprechung niemand sichtlich schockiert darüber gewesen sei. Zum anderen sei Biari seiner Meinung nach „nicht so wichtig“ gewesen. Er habe sich gewundert, dass ein Angriff auf einen Kommandeur, „den vor dem Krieg nicht viele Leute kannten“, mit so hohem Kollateralschaden genehmigt worden sei. Der Israeli vom Militärgeheimdienst legt dagegen nahe, Biari und seine Kommandozentrale seien ein wichtiges Ziel gewesen. Von dort seien zahlreiche Terrorangriffe ausgegangen. Er hebt auch hervor, dass es Bemühungen gegeben habe, die erwartete Naza-Zahl zu senken. Schließlich habe die Armee aus ihrer Sicht aber „keine andere Wahl“ gehabt, als anzugreifen, sagt er. Der Angriff sei insofern erfolgreich gewesen, als er den Hamas-Attacken aus dem Zentrum von Dschabalia ein Ende setzte.