FAZ 03.10.2026
14:16 Uhr

Gastland der Buchmesse: Wie tschechische Autoren die Unsicherheit der Gegenwart vermessen


Wo es Leerstellen gibt, da ist auch Raum für Phantasie: Tschechien, das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse, steht für eine Literatur mit großem Sinn für den Möglichkeitsraum in unserer Realität.

Gastland der Buchmesse: Wie tschechische Autoren die Unsicherheit der Gegenwart vermessen

Dass dem Untergrund nicht zu trauen ist, lernt man in Ostrava spätestens, wenn man nach den kleinen Rohren fragt, die mitten in der Stadt aus dem Boden ragen. Ostrava ist auf Kohleflözen erbaut, die viele Jahrzehnte lang ausgebeutet wurden. Inzwischen sind die Stollen aufgegeben, produzieren aber immer noch Methangas, das unter Umständen explodieren kann und deshalb durch die kleinen Rohre nach oben kontrolliert abgeleitet wird. Er rate dazu, in der Nähe besser nicht zu rauchen, sagt Petr Hruška. Und zündet sich seine nächste Zigarette an, in sicherem Abstand zu dem Rohr. Hruška, Jahrgang 1964, ein hochgewachsener, schlanker Mann mit langen grauen Haaren, ist der bekannteste Lyriker Tschechiens. Schon sein Vater war in der prosperierenden Industriestadt Ostrava aufgewachsen und heiratete später eine junge Frau aus dem grünen „Böhmischen Paradies“ im Norden der Tschechoslowakei. Für sie war es nicht leicht, sich im Kohlerevier einzugewöhnen, wo sie als Krankenschwester arbeitete und es mit ewig betrunkenen, aggressiven Bergleuten zu tun bekam, sagt ihr Sohn. Damals war die Stadt ein Ort, an den man zog, um in der Industrie rasch überdurchschnittlich viel zu verdienen. Dann zog man wieder weg. Keine neue Welt Hruška fand Arbeit als Literaturwissenschaftler in Brünn und Prag und lebt weiterhin in Ostrava. Hier ist er zur Schule gegangen, im nahen Comenius-Park am Fluss spricht er sich selbst nachts seine Gedichte vor und belächelt die Warnungen seiner Familie, die ihn als Opfer von Überfällen sieht, während es, wie er sagt, keinen Platz in Ostrava gibt, der sicherer wäre: Weil „alle Mörder und Räuber an den Haltestellen warten – im Park ist nur der verrückte Hruška.“ So, aus der Mündlichkeit, ist auch sein neuester Gedichtband entstanden, der nun bei Voland & Quist auf Deutsch vorliegt. „Und ich sah mein Gesicht“ ist ein Zyklus, angelehnt an das Reisetagebuch des Antonio Pigafetta, der mit Magellans Expedition 1519 bis 1522 zum ersten Mal die Erde umsegelte. Hruškas kurze Gedichte vollziehen Pigafettas Staunen über die fremde Welt nach, die er besucht, die Ignoranz und unterschwellige Aggression des Europäers, die in Pigafettas fast chronikhaft knappen Notizen aufschimmert, vor allem aber die Erkenntnis, dass bei allen Unterschieden keine völlig neue Welt zu entdecken ist. Das schärft den Blick für das Unbekannte, Wandelbare und nicht Kontrollierbare in der eigenen Umgebung. Der feindliche Verkehr Damit beschreibt Hruška auch sein eigenes Verhältnis zu Ostrava. Die Stadt, sagt er, ist in ihrer schmucklosen Härte kein Ort zum Gedichteschreiben. Aber deshalb macht sie den Lyriker immun gegen „Weltflucht und Romantik“. Wer hierher geworfen ist, begreift, dass das eben seine Welt ist, „eine andere gibt es nicht“. Und wer hier etwas erreichen will, kann es nicht einfordern. Er muss sich selbst darum kümmern. So konnte die Bischofskirche der Stadt, die im löchrigen Untergrund abzusinken drohte, nur durch eine Bürgerinitiative gerettet werden, die das Geld dafür beschaffte, die unter der Kirche liegende Kaverne mit Beton auszugießen. Ostrava, sagt Hruška, ist gekennzeichnet von multiplen Unsicherheiten, handfest materiellen wie dem sinkenden oder wackelnden Boden, aber auch sozialen. Der Literatur könne das nur guttun. Tatsächlich ist in der tschechischen Gegenwartsliteratur, die in diesem Herbst den Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse bestreitet, allenthalben der Ausdruck von schwankenden Verhältnissen wahrzunehmen. Nichts ist sicher, alles im Umbruch, etwa im Roman „Ausgebrannt“ des 1981 geborenen Petr Šesták, der von einem Fahrradkurier in der Großstadt erzählt. Für den jungen Mann, der in einer Großstadt Essen ausliefert, wird die Umgebung zu einem einzigen großen „Du“, das ihm in Gestalt von drängelnden SUVs oder anderen Verkehrsteilnehmern feindlich gegenübersteht. Er ist in keiner Weise abgesichert, und als er sich später einer Aktivistengruppe gegen die Auswüchse des Straßenverkehrs anschließt, zeigt sich rasch, dass deren Weg ihn noch weiter ins soziale Abseits führt. Die Wende kennt nicht nur Gewinner Während Šestáks Protagonist materiell wenig zu verlieren hat, ist Tomáš, ein alternder Journalist, der im Zentrum von Jáchym Topols neuem, auf Deutsch bei Suhrkamp erschienenen Roman „Die Hölle gibt es nicht“ steht, zu Beginn des Buchs einigermaßen wohlsituiert. Am Ende hat er alles verloren, und das nicht zuletzt deshalb, weil er das Bröckeln seiner sozialen Existenz nicht wahrgenommen oder zumindest nicht ernst genommen hat. Topol beschreibt diesen Prozess als Folge einer Lebenslüge, die der Leser – an Tomáš vorbei – sehr wohl wahrnimmt. Als es dann zu äußeren Ereignissen kommt, die das gewohnte Leben massiv erschüttern, allem voran der Überfall Russlands auf die Ukraine, was in Tschechien Ängste und Erinnerungen an 1968 weckt, hat Tomáš dem nichts entgegenzusetzen. Was, wenn die Russen wiederkommen? Es ist womöglich die drängendste Frage, die sich in vielen Texten der tschechischen Gegenwartsliteratur stellt: Wie steht es um die Menschen, die sich auf nichts verlassen können, die permanent flexibel sein müssen, um in einer schwankenden Welt zu bestehen? Oder die sich nicht dazu in der Lage sehen, sich konform zu den an sie gestellten Anforderungen zu verhalten? Das beeindruckendste literarische Zeugnis für diese Verfasstheit ist gegenwärtig Marek Torčíks Roman „Was die Zeit nicht nimmt“. Das Buch beschreibt aus der Rückschau den Weg des jungen Marek, der zu Beginn des neuen Jahrtausends in einer mährischen Industriestadt aufwächst und sich allmählich seiner Homosexualität bewusst wird – in einer dezidiert homophoben Umgebung. Seine Versuche, sich anzupassen und nicht aufzufallen, haben nicht den erwünschten Erfolg, und der einzige Ausweg aus der zutiefst bedrückenden Situation ist die Flucht nach Prag. Der kluge Autor aber lässt immer wieder aufscheinen, welchen Anteil die massive Verunsicherung von Mareks Umgebung an dieser Atmosphäre hat. Denn der Junge verbringt seine Schulzeit in den Jahren, die auf die Samtene Revolution von 1989 folgen, in einer Zeit der politischen Freiheit also, die einhergeht mit einer massiven wirtschaftlichen Umstrukturierung und den Menschen sehr viel abverlangt. Vertreibung aus Brünn Alles also eine Folge des Kapitalismus? Die tschechische Literatur deutet schon seit einigen Jahren an, dass das zu kurz gegriffen wäre, indem sie noch eine zweite Verstörung thematisiert. Seit der Jahrtausendwende sind zahlreiche Romane erschienen, die den großen Umbruch von 1945 thematisieren, der das jahrhundertelange Zusammenleben von Deutschen und Tschechen in Böhmen und Mähren beendete. Vor allem in der jüngeren Generation wird die Frage nach dem Erbe der ehemaligen deutschen Mitbürger und nach der Leerstelle aufgeworfen, die aus der Vertreibung nach Kriegsende resultiert. Am eindrucksvollsten gelingt das in Kateřina Tučkovás Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“ aus dem Jahr 2009, der 2018 im Verlag Klak auch in Übersetzung erschienen ist. In seinem Zentrum steht die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus ihrer Heimatstadt Brünn kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, aber auch der spätere Umgang mit diesem Unrecht in der tschechoslowakischen Gesellschaft. Die Autorin, die dafür lange in Brünn recherchiert hatte, erregte damit reichlich Widerstand, bekam aber auch sehr viel Zustimmung in Tschechien. Brünns Bürgermeister entschuldigte sich bei den Vertriebenen, und in diesem Frühjahr fand der Sudetendeutsche Tag in Brünn statt – das wäre jahrzehntelang undenkbar gewesen. Führt Nationalismus zu Kitsch? Auch andere tschechische Romane wie jüngst „Geteiltes Haus“ von Alice Horáčková oder einige Bücher von Jaroslav Rudiš fragen nach dem einstigen Zusammenleben von Deutschen und Tschechen und danach, was heute fehlt. Dafür setzt Radka Denemarková mit ihrem Roman „Schokoladenblut“ bereits im 19. Jahrhundert an. Er widmet sich mit Božena Němcová einer Ikone der tschechischen Literatur, von ihr stammen der Roman „Großmutter“ und zahlreiche tschechische Märchen, darunter die Vorlage für den Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Denemarková spiegelt Němcovás Leben als Autorin mit dem sehr viel freieren der französischen Schriftstellerin George Sand und beschreibt, wie Němcová, die eigentlich zwischen Deutsch und Tschechisch steht, in eine Richtung gedrängt wird, die sie auf nur eine Sprache reduziert. Für Denemarková geht das einher mit einem idyllischen, fast kitschigen Bild der mährischen Provinz. Tučkovás Bücher, von denen insgesamt etwa eine halbe Million Exemplare verkauft wurden, erscheinen im Brünner Verlag Host, dessen Autoren besonders zahlreich auf der Frankfurter Buchmesse vertreten sein werden. Großen Druck, sich in Richtung der übermächtigen Metropole Prag zu orientieren, verspürt man hier nicht, und die Entscheidung der deutschen Verlage Suhrkamp und Fischer, aus Frankfurt nach Berlin zu ziehen, um vom Geist der Hauptstadt zu profitieren, stößt in dem Brünner Verlagshaus auf altem Industriegelände auf wenig Verständnis. Überhaupt ist Brünn in mancher Hinsicht für diesen Gastlandauftritt zentral, der wie derjenige von 2019 in Leipzig wieder von Tomáš Kubíček, dem Direktor der Mährischen Landesbibliothek in Brünn, und Martin Krafl geleitet wird. Die Erfindung der Roboter Wer danach fragt, was fehlt, wer Leerstellen auslotet, der landet rasch im Möglichkeitsraum der Literatur. Phantastik hat in Tschechien eine lange Tradition, kaum zufällig sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausufernde technische Visionen in der tschechischen Literatur besonders einflussreich – etwa Karel und Josef Čapek mit dem Stück „R. U. R.“ und der Wortschöpfung „Roboter“. Wie man ganz Prag um einen phantastischen Zwilling ergänzt, eine Parallelstadt, durch Übergänge mit der uns geläufigen verbunden, erzählt Michal Ajvaz in seinem großen Roman „Die andere Stadt“, der in den Neunzigerjahren entstand und erst im vergangenen Herbst auf Deutsch erschienen ist. An solche Lücken in der Wirklichkeit unserer Städte knüpft wiederum Jonáš Zbořil mit seinem Roman „Flora“ aus dem Jahr 2024 an. Er schildert ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch, das plötzlich auf ein ausgesetztes Wesen trifft – menschlich und nichtmenschlich zugleich – und es in einem eigentlich unzugänglichen Teil der Stadt verbirgt, einem Ort, der brachliegt, möglicherweise verseucht ist und ein Eigenleben entfaltet. Wächst diese Brachlandschaft, ist sie etwas, vor dem sich die Zivilisation schützen muss? Oder ist sie im Gegenteil der Ausgangspunkt einer neuen Kreativität, einer Möglichkeit der Veränderung in einer erstarrten Gesellschaft? Wir sind hier Schwankender Boden auch hier, und in der Wirklichkeit der Stadt Ostrava ist wiederum eine Leerstelle physisch kaum greifbar, dafür aber in Gesprächen umso präsenter. Es ist der 2010 verstorbene Dichter Jan Balabán, eine Ausnahmeerscheinung unter den Literaten der Stadt. Und lauscht man den Geschichten, die Petr Hruška von seinem Freund erzählt, mit dem ihn eine enge Arbeitsgemeinschaft samt gegenseitigem Lektorieren verband, liest man zudem das wenige, das von Balabán auf Deutsch erschienen ist – einen Essay über Ostrava, außerdem einen Auszug aus seinem Roman „Der schwarze Widder“ in der Zeitschrift „Lichtungen“ und eine Erzählung in „Die Horen“ –, dann wünscht man sich umso mehr, dass sich deutsche Verlage des Autors annehmen. Der Wandel im postindustriellen Zeitalter hat auch Ostrava geprägt. Ein Gelände mit riesigen stillgelegten Maschinen, Förderbändern und Schornsteinen zwischen der Stadtautobahn und der Bahnstrecke ist zur prächtigen Kulisse des jährlichen Festivals „Colours of Ostrava“ geworden. An seinem Rand führt eine kleine Brücke über die Bahngleise. Sie ist Balabán gewidmet, und in ihr Geländer sind Titel seiner Bücher eingeschrieben. „Wir sind hier“ heißt das eine, „Vielleicht gehen wir“ das andere. Unsicherheit als kollektives Phänomen kennt gegenwärtig die ganze Welt. Aber die Literatur, die in Tschechien aus dieser Lage entsteht, ist einzigartig. Selten war ein Gastland der Frankfurter Buchmesse ein solches Versprechen an uns alle.