Vom Sommer an haben Eltern von Erstklässlern bundesweit einen Rechtsanspruch auf eine ganztägige Betreuung ihres Nachwuchses. Jedes Jahr kommt ein neuer Jahrgang hinzu, bis die Ganztagsbetreuung im Schuljahr 2029/2030 für alle Grundschulkinder gewährleistet sein muss. Viele Schulen müssen deshalb neue Strukturen schaffen, bewährte Modelle umstellen und Angebote einschränken. In Frankfurt beispielsweise teilen viele Grundschulen den Eltern in diesen Tagen mit, dass Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag sowie die Frühbetreuung vor dem Schulbeginn nicht mehr allen Schülern offenstehen. Der Grund dafür ist die Umstellung auf den Ganztagsbetrieb. Nur wer sein Kind für einen Hort oder für die schulinterne Betreuung angemeldet hat, kommt auch in den Genuss des Angebots. Die Ganztagsbetreuung ist in Frankfurt allerdings kostenpflichtig. Ein externer Hortplatz oder ein Nachmittagsplatz in der internen schulischen Betreuungseinrichtung kosten in Frankfurt rund 200 Euro im Monat, inklusive Mittagessen. Gewerkschaft: „Ganztag darf kein Luxus werden“ Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Hessen kritisiert, dass auch im Kreis Offenbach Ganztagsangebote künftig nur noch für Kinder vorgehalten werden sollen, deren Eltern diese zusätzlich finanzieren können. Bisher seien aus den Ganztagsbudgets auch Angebote für alle Kinder ermöglicht worden. „Ganztag darf kein Luxus werden. Wenn Angebote nur noch für diejenigen zugänglich sind, die es sich leisten können, wird Chancengleichheit systematisch untergraben“, sagt Heike Ackermann, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft. Beim Stadtelternbeirat in Frankfurt sind schon zahlreiche Beschwerden eingegangen: „Wir haben den Eindruck, dass da vieles falsch läuft. Es gibt viel Aufregung und ein großes Durcheinander“, sagt die Vorsitzende Katja Rininsland. Sie berichtet von Fällen, in denen Eltern sich verpflichten sollen, ihre Kinder vom neuen Schuljahr an erst von einer bestimmten Uhrzeit an aus dem Hort abzuholen. Rininsland hält es für falsch, die Freiheit der Eltern einzuschränken. „Es darf keine Pflicht zur Ganztagsbetreuung geben.“ Außerdem befürchteten viele Eltern, dass die externen Horte langfristig schließen müssen, weil sie sich gegen die Konkurrenz der massiv ausgebauten, internen Ganztagsbetreuung an den Schulen nicht mehr behaupten können. Rininsland appelliert an die Stadt, die Horte mit ins Boot zu holen: „Sie sind etabliert und haben sich bewährt.“ In Frankfurt fehlen noch sieben Schulen Nach Angaben der Stadt wird der Rechtsanspruch in Frankfurt ohnehin über Ganztagsangebote in Horten und in Grundschulen erfüllt. Das entsprechende Förderprogramm nennt sich „Pakt für den Ganztag“ und wird von Land und Kommune gemeinsam finanziert. Der Pakt für den Ganztag umfasse eine Betreuung von 7.30 Uhr bis 17 Uhr sowie eine ganztägige Ferienbetreuung bei 20 Schließtagen. Mit der Einführung des Rechtsanspruchs würden sämtliche Betreuungsplätze an den Schulen in eine neue Trägerschaft überführt. Zum kommenden Schuljahr werde das Betreuungsangebot in der Grundschule von einem „Schulträgerangebot“ in ein „Jugendhilfeangebot“ umgewandelt. An den Ganztagsangeboten, die über die kommunalen Mittel und über Landesmittel finanziert werden, könnten aber nur Kinder teilnehmen, die auch dafür angemeldet sind, teilt das Bildungsdezernat mit. Davon betroffen seien unter Umständen auch Angebote vor dem Unterricht und das Mittagessen. Diese Änderungen haben aus Sicht der Stadt den Vorteil einer höheren Transparenz und einer besseren pädagogischen Qualität und Planbarkeit. Frankfurt sei „insgesamt gut aufgestellt“, um den Rechtsanspruch zum Schuljahr 2026/2027 zu erfüllen. Zu diesem Zeitpunkt würden 53 der insgesamt 81 städtischen Grundschulen den Pakt für den Ganztag erfüllen. Er beinhaltet eine Betreuungsgarantie bei Bedarf für alle Kinder der Schulen, die über die Angebote in den Horten und Grundschulen abgedeckt wird. Bei den Grundschulen, die den Pakt für den Ganztag noch nicht umsetzen, kann zumindest der Rechtsanspruch für die Erstklässler überwiegend erfüllt werden. In sieben Grundschulen wird noch nach Lösungen gesucht, um ausreichend Betreuungsplätze für Erstklässler anbieten zu können. Horte fürchten um ihre Existenz Um den Rechtsanspruch zu erfüllen, haben viele Schulträger die Nachmittagsbetreuung in den Schulen massiv ausgebaut. Die bei vielen Eltern beliebten Horte im Stadtteil, in denen Grundschulkinder nach der Schule in kleinen Gruppen betreut werden, geraten dadurch zunehmend unter Druck. Christian Strickstrock leitet die BVZ, den größten privaten Träger von Kinderbetreuung in Frankfurt. Er geht davon aus, dass zahlreiche Horte schließen müssen: Die Stadt habe sich klar positioniert. „Horte werden nur dort weiter Bestand haben, wo die Betreuung aus baulichen Gründen am Schulstandort nicht realisiert werden kann“, prognostiziert er. An Schulen, die sämtliche Kinder mit internen Betreuungsplätzen versorgen könnten, würden keine Horte mehr gebraucht. Die BVZ hat aus diesem Grund schon ganze Horte oder einzelne Gruppen schließen müssen. „Diese Entwicklung setzt sich auch an anderen Standorten fort. Absehbar werden wir bis 2028 weitere Hortplätze abbauen. Wo dies möglich ist, werden diese sukzessive in Kindergartenplätze umgewandelt“, sagt Strickstrock. Im Grunde sei die gesamte Konstruktion der Ganztagsbetreuung auf den Standort Schule ausgelegt. Das möge vielerorts sinnvoll sein, da es dort bislang kaum Strukturen gab. „Hier in Frankfurt, wo wir eine seit Jahrzehnten gewachsene Infrastruktur mit nachschulischer Kinderbetreuung haben, werden die gesetzlichen Vorgaben zur Belastung.“ Besonders hart trifft die Horte auch die gesetzliche Vorgabe, dass sie höchstens an zwanzig Tagen im Jahr schließen dürfen. Dadurch werde es zunehmend schwieriger, Personal zu finden, meint Strickstrock. „Die Regelung ist für das bislang sehr engagierte Personal unattraktiv“, sagt er. Besonders Kitas, die Krippen-, Kindergarten- und Hortgruppen umfassen, kämen in die „befremdliche Situation“, dass die gesamte Kita zwar 27 Tage im Jahr schließen wird, aber an sieben Tagen der Hort weiter Kinder betreuen muss, obwohl die Küche geschlossen ist. Strickstrock rechnet mit erheblichen qualitativen Einschränkungen. „Das wiederum kann Horte unattraktiv für Eltern machen, die ja bislang den hohen Standard gerne abgerufen haben.“
