Um die neue Staffel möglichst begehrlich für das immer unzuverlässiger auf lineare TV-Inhalte reagierende Publikum wirken zu lassen, hatte Prosieben für den 21. Jahrgang von „Germany’s Next Topmodel“ vollmundig angekündigt, es würde einige spektakuläre Neuerungen geben. Nach nunmehr zwölf Folgen ist davon bislang wenig zu spüren. Heidi Klum vergibt wie immer nach nur ihr allein bekannten Kriterien Fotos an freudig erregte Kandidatinnen. Bis in die Haarspitzen durcheuphorisierte sogenannte Starfotografen knipsen ihre Models in bizarren Setkulissen, für die ein handelsüblicher Fashionchoreograph unbezahlten Dauerurlaub erhalten würde, und huldigen Klum mit einer epischen Penetranz, als hätte die Bergisch-Gladbacher Castingdirektorin per Plusquamperfekt Krebs geheilt gehabt. Und irgendwann ist Umstyling. Alles wie immer also. Besagtes Umstyling, das ahnten wir bereits seit dem hoch dramatisierten Teaser aus der Vorwoche, findet dann also in dieser Woche statt. Zuvor ruft Klum ihre Modelazubis aber zu einem Kennenlern-Candle-Light-Dinner in die Küche. Dort steht sie dann also zwischen Kochtöpfen und Zutaten und bemüht sich, die fein säuberlich aufgereihten Produkte diverser Werbepartner möglichst unauffällig in die Kamera zu halten. Das bringt sogar Tony, den Ex-Mister Gay Germany, aus dem Konzept: „Als ich gesehen habe, da steht Heidi Klum in einer großen Küche, da habe ich gedacht, nanu, was passiert denn jetzt?“ Tja. Klum in einer Küche, was könnte da passieren? Ziehung der Lottozahlen? Spontane Tanzaufführung? Man weiß es nicht. Das berühmte Kochbrot! Zur allgemeinen Erheiterung fragt Klum zunächst in perfekter Drei-Sterne-Kochmanier ab, was denn ihre Untergebenenschar so kochen kann. Carsten ist für seine „Aubergine mit Gemüse überbacken“ bekannt. Aha. Noch filigranere Haute-Cuisine-Fähigkeiten hat da nur noch Anna: „Ich koche nicht gut, aber vielleicht Brot!“ Ja, das berühmte Kochbrot. Gekochtes Brot, wer kennt es nicht? Soll fast so lecker sein wie gebackene Suppe. Stichwort Suppe. Heidi Klum hat offenbar einen Tim Mälzer gefrühstückt und kocht daher höchstselbst, und zwar: „Mein Lieblingsgericht Beinscheibensuppe!“ Ach so. Buchstabensuppe wäre besser gewesen, denn ihre Ankündigung hat offenbar die Sprachzentren einiger Kandidaten in Mitleidenschaft gezogen. Amélie jedenfalls fragt sich: „Bandscheibensuppe?“ Na ja, egal. Schnell weiter am Küchentresen, denn Klum hat noch weitere wertvolle Gourmettipps auf Lager: „Ich koche nie mit Rezept, das finde ich langweilig.“ Das erklärt dann auch das konfuse GNTM-Konzept. Als Vorspeise gibt es schwarze GNTM-Merch-Beaniemützen. Allerdings nur zwölf Stück. Nur wer eine erhält, darf am Folgetag mit zum Umstyling. Die erste geht an Anna, die vor lauter Aufregung ihr Sprachzentrum umkalibriert: „Je krasser die Veränderung, desto weiter ist der Weg!“ Gegen diese Jahrhundertpoesie spielt selbst die Berliner Schnauze von Merret nur zweite Zitatgeige: „Meine Gefühlswelt ist am Explodieren.“ Genauso wie ihre Sprachexzellenz. „Jetzt stecke ich schon zu sehr in der Scheiße drin!“ Einmal in literarischer Fahrt, läuft das Umstyling-Ensemble insgesamt zu verbalakrobatischer Höchstform auf. Marlene zum Beispiel verrät: „Merret hatte das größte Kopfkino mit dem Kopf!“ Und das scheint zu stimmen: „Wäre sie direkt mit der Schere gekommen, hätte ich erwogen, auszusteigen, aber jetzt stecke ich schon zu sehr in der Scheiße drin!“ Man bekommt Merret aus den Straßen von Neukölln, aber man bekommt die Straßen von Neukölln nicht aus Merret. Frisurphilosophisch ist auch Julia in Topform: „Ich hänge an meinen Haaren, oder meine Haare hängen an mir!“ Da sollten sie auch hängen bleiben, denn Julia befürchtet andernfalls berufliche Repressalien: „Ich will keine Frisur, die meine Arbeit als Journalistin einschränkt!“ Zu Recht. Zu oft schon wurden mit dem Satz „Du bist eine begnadete Journalistin, aber deine Frisur geht gar nicht, schade!“ aussichtsreiche Karrieren jäh gestoppt. Tony wirkt dagegen gelassener. Vermutlich will er kein Journalist werden. Er sieht mit dünnen Haaren und Topfschnitt zwischenzeitlich nämlich aus wie ein Klon von Jim Carrey in „Dumm und Dümmer“. Mit der Frisur kommt man als Journalist nicht mal beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk unter. Wie immer können die Hairstyle-Crashtest-Dummies aus Mangel an Spiegeln im Raum ihr Makeover selbst nicht mitverfolgen. Die umsitzenden Modelkameraden dagegen schon. Traditionell wird also jedes Umstyling zu einer Achterbahnfahrt der Gefühlsregungsinterpretation. Auch Yanneck legt Wert auf das Schnellurteil seiner Mitkandidaten: „Die anderen sagen, es sieht gar nicht so scheiße aus.“ Das ist ja oft der kleinste gemeinsame Nenner in der Fashionwelt: Wenigstens nicht scheiße. Rare Highlights eines unspektakulären Umstylings Mit einer Familienpackung Aluminium-Strähnchenfolien im Haar sieht Anna derweil aus wie ein geschmolzener Terminator. Marlene hingegen bleibt lieber im Fashionkontext. Anders als bei Abendkleidern gilt für Frisuren bei ihr: „Auf keinen Fall kurz und schwarz!“ Auch nicht auf kurz und Schwarz, aber dafür auf Weiß und Schwarz, hofft Carsten: „Ich wünsche mir einen Salt-’n’-Peppa-Look. So weiß-Schwarze Streifen!“ Salt-’n’-Peppa-Look, oder wie man im Ruhrpott sagt: „Hömma, ist dein Vadda Zebra, oder watt?“ Alles in allem sind das aber schon die raren Highlights der normalerweise deutlich spektakuläreren Umstyling-Episode. Niemand heult, niemand kreischt, niemand geht freiwillig nach Hause. Die Kandidatinnen sind nach 20 Staffeln GNTM-Anschauungsunterricht inzwischen so abgeklärt, dass sie ihren Frieden damit gemacht haben, dass ein Umstyling auch dramatisch in die Designerhose gehen kann. Kandidatinnen aus vergangenen Jahren können davon ein Lied singen. Zoe Saip etwa wurde zu Dieter Bohlen, Theresia Fischer zu Dolly Buster. Dieses Jahr erwischt es Alexavius. Der Grazer Paradiesvogel zieht das ganz große Promi-Lookalike-Los. Mit schwarzen Extensions und radikaler Schnäuzer-Eliminierung sieht er jetzt aus wie Thomas Anders in den Neunzigern. Leider verpasst Heidi Klum die Krönung des Abends und hat keine goldene „Nora“-Kette dabei. Etwas weniger rasant läuft das Umstyling bei Anna. Sie hatte vorher lange, blonde Haare und hat jetzt: lange, blonde Haare. Gegen die Vorher-nachher-Anna sehen Boris Pistorius und Armin Laschet aus wie Jay-Z und Heino. Lara hingegen findet in ihrer neuen Frisur Parallelen zu Katja Krasavice: „Die ist heller, als ich dachte!“ Mit der letzten Enttäuschung des Abends schickt uns Heidi Klum dann in den Modelfeierabend. Denn auch bei den traditionellen Vorstellungsvideocalls mit den Familien und Freunden entpuppt sich niemand als neuer Honey. Dieses Umstyling holt daher höchstens vier von zehn Punkten. Gerne nicht wieder.
