Im Februar startete die 21. Staffel „Germany’s Next Topmodel“ mit skurrilen Massencastings in Köln, bei denen sich die Crème de la Crème des Absurditätenstadls einfand. Von Mamas mit Zwillingen über ehemalige Boygroupstars bis zu knapp sechzigjährigen Bestsellerautorinnen war so ziemlich alles dabei, was irgendwie im GNTM-Konzeptnarrativ „Diversity“ abgelegt werden kann. 14 Wochen, 23 Folgen und 34 vergebene Jobs später sind nur noch Anna, Aurélie, Daphne, Anika, Godfrey, Alexavius, Luis, Tony und Ibo im Rennen um den Lena-Gercke-Gedächtnisaward. In der legendären Modelvilla, die nach einigen Saisons im alternativen Downtown-Penthouse ihr kreischintensives Comeback feiert, werden zur Feier der letzten Folge vor dem Halbfinale erst mal aufwendig zwei Fotosets errichtet. Das bleibt auch den Investigativ-Beobachtern aus dem Modelensemble nicht verborgen. Vor allem Hobby-Sherlock Ibo ist sofort im Aufdeckmodus: „Mein erster Gedanke war, da wird irgendwas passieren!“ Ja, ja, es sind nämlich nicht alle Models dumm. „Vielleicht schaffst du es more happy!“ Damit nicht auch noch Hercule Poirot Alexavius, Miss Marple Anna und Philip Marlowe Luis ermittlungsrelevant eingreifen müssen, um das knifflige Rätsel zu lösen, lässt Modelmama Heidi Klum die Fashionkatze per Grußbotschaft aus dem Sack: Es stehen Castings für die Cover der Trendmagazine „InStyle Sport“ und „Esquire Deutschland“ an. Um am Ende nicht versehentlich mit vier Männern, aber ohne Frau ins Finale zu gehen, treten die Kandidatinnen und Kandidaten geschlechtergetrennt an. Die „InStyle Sport“ sucht für ihre Titelseite ein weibliches Model, die teutonische Variante des „Esquire“ ein männliches. Umgehend macht sich empörte Enttäuschung bei der woken Schickeria in Prenzlauer Berg breit. Ein schlimmer Verdacht entsteht: Sollte „Germany’s Next Topmodel“ womöglich doch kein Anwärter auf den Genderneutral-Award sein? Egal, dafür sind die beiden angereisten coverbeauftragten Damen von der „InStyle“-Sportabteilung echte Feministinnen. Aurélie beispielsweise attestieren sie: „Toll, wie sie ihren Körper einsetzt!“ Körpereinsatz ist gut, aber bitte in Maßen! Anna beispielsweise wird vom „InStyle“-Kompetenzduo kurz vor dem Laszivtrauma zurückgepfiffen: „Das ist vom Blick zu sexy!“ Ergriffen erhebe ich mich vom heimischen Sofa und applaudiere minutenlang dem mutigen Kampf gegen frauenfeindliche Sex-sells-Phänomene. Ausgerechnet am Katholikentag mit Sexyness punkten, da sei Gott vor. Oder wenigstens die zwei Coverbeauftragten der „InStyle Sport“. Die waren zur Vorbereitung auf ihren großen TV-Moment extra im Thomas-Hayo-Denglish-Trainingslager und beleben den recht träge anlaufenden Castingvormittag mit Sätzen wie: „Vielleicht schaffst du es more happy!“ „Im Outfit ist ja schon viel los“ More happy ist auch die verbalkleinodverwöhnte GNTM-Fanbase. Vor allem über Anweisungen an Anna: „Reduzierter vom Gesicht, weil im Outfit ist schon viel los!“ Das „InStyle“-Duo muss im kommenden Jahr auf jeden Fall wieder dabei sein. Eine weitere Erkenntnis des Tages lautet: Wenn das innere Denglish-Biest erst mal aktiviert ist, wird man es so schnell nicht wieder los. Wenige Augenblicke später ist auch Heidi Klum infiziert: „Vom Face her war es nicht so joyous!“ Deutlich joyousser ist offenbar Aurélie. Jedenfalls schnappt sie sich den Job als „InStyle Sport“-Covergirl. Nebenan beim „Esquire“ ist Chefredakteur Dominik Schütte persönlich eingeflogen. Im Gepäck hat er nicht nur das Cover-Versprechen, sondern auch einen Fotografen, der aussieht wie eine Mischung aus Benjamin von Stuckrad-Barre und dem Typen, der in „American Pie“ mit einem Apfelkuchen kopuliert. Auch Schütte ist in bestechender Tagesform und weiht Ibo generös in ein wohlgehütetes Fashiongeheimnis ein: „Keine Augen, kein Cover!“ Das ist ein bisschen diskriminierend gegenüber Menschen wie Claus von Stauffenberg, Karl Dall, Frank Elstner oder Peter Falk, aber viel Zeit für Beschwerdebriefe an Pro Sieben bleibt nicht, denn Heidi Klum zieht zur Ablenkung routiniert ihren Zotenjoker: „Schmunzelhasen rausholen ist heute gewünscht!“ Ibo wirkt kurz irritiert, lässt seinen Schmunzelhasen dann aber glücklicherweise doch in der Hose. Auch für Godfrey gibt es wertvolle Tipps vom „Esquire“-Chef: „Bisschen weniger Hände!“ Aktuell arbeitet Godfrey mit zwei Händen. Jetzt gilt es also, schnell eine loszuwerden. Das gelingt ihm offenbar gut, denn einhändig läuft es exzellent. Er erobert den begehrten Cover-Job. Pünktlich zum Halbfinale hat sich sein wochenlanges, geheimes Einzeltraining also doch noch ausgezahlt. Für wen hat Heidi Klum diesmal kein Foto? Am Folgetag geht es rasant weiter. Das letzte Casting der Staffel: die große Sommerkampagne von Samsung. Luis ist schockbegeistert: „Wir wussten alle, was das bedeutet!“ Genau, nämlich: Casting für Samsung. Und die können gute PR gebrauchen. Diese Woche reichte Popstar Dua Lipa eine Schadenersatzklage in Höhe von 15 Millionen Dollar wegen Urheberrechtsverletzungen gegen Samsung ein. Der Job geht an die Doppelsiegerinnen Aurélie und Anna. Zum Final Walk ist dann Rupert Grint als Gastjuror vor Ort. Das zumindest denke ich, bis eine Bauchbinde mir verrät, dass es sich eigentlich um Calum Harper handelt. Während ich noch hektisch versuche, herauszufinden, wer Calum Harper eigentlich ist, schwärmt Luis bereits: „Der beste Guest Judge bisher!“ Das hören vor allem Jean Paul Gaultier, Naomi Campbell, Catherine Deneuve, Nadja Auermann und Demi Lovato gerne. In seiner Jurorenrolle wird Calum-Rupert von Manon Bannerman flankiert. Sie ist Teil der Girlband Katseye und wird von Heidi Klum mit „Mehr Starpower geht nicht“ vorgestellt. Vermutlich also eine Kabarettistin. Vor lauter Vorfreude schaltet Klum ansatzlos in den Plusquamperfekt-Modus: „Ich habe euch bei den Grammys gesehen, ihr wart so gut gewesen!“ Nach einem kurzen Anatomie-Ausflug mit Aurélie („Sieht super aus, wie sie die Hüften schmeißt!“) wird das Set schnell von auf Minijobbasis engagierten Gelenk-Spürhunden gereinigt und Manon bemerkt, dass Daphne „maybe bisschen gerusht hat!“ Ausgerusht hat es sich derweil für Alexavius. Kein Job, kein Cover und kein überzeugender Walk, da muss man nicht der Adam Riese der Fashionbranche sein, um zu ahnen: Heidi Klum hat heute leider kein Foto für ihn. Das Halbfinale kommende Woche findet also ohne ihn statt. Ich dagegen werde dabei sein. Bis dann!
