FAZ 08.05.2026
08:41 Uhr

GNTM-Kolumne: „Das ist zu gespielt“


Der verbliebene GNTM-Kader muss sich plötzlich nicht nur auf dem Laufsteg, sondern auch beim Impro-Theater beweisen. Und bei der Entscheidung am Ende zeigen sich mal wieder Doppelstandards.

GNTM-Kolumne: „Das ist zu gespielt“

Passend zur aktuellen Quotensituation bei Pro Sieben beginnt der Topmodel-Abend diese Woche mit einem mittelschweren Schockbeben. Pünktlich zur Primetime hatte sich die GNTM-Fanbase vor den heimischen TV-Geräten eingefunden und dem nächsten Plusquamperfekt-Desaster entgegengefiebert gehabt. Doch statt des nicht schmerzfrei konsumierbaren Intro-Videos, einer Discounter-Version des a-ha-Klassikers „Take on Me“ zum Song „Red Eye“ von Heidi Klum und Diplo gibt es überraschenden Frontalunterricht von Richard David Precht und Theodor zu Guttenberg. Oder, wenn man die erste Spontankonsternation überwunden und genauer hingeschaut hat, von Joko Winterscheidt und einem unbekannten Beisitzer mit der Frisur von Axl Rose. Das lindert die aufkommende Panik, Pro Sieben hätte die Moderationsverantwortung für Klums Lebenswerk überraschend umverteilt. Joko und Klaas dürfen eine Viertelstunde unangekündigtes Programm einschieben. GNTM bleibt unberührt, beginnt allerdings zu ungewohnt später Stunde. Als es endlich losgeht, beurteilt der von den Senderverantwortlichen zur Starbesetzung hochgejubelte Gastjuror Elias Becker gemeinsam mit Heidi Klum und der Stylistin des Films „Clueless“ den heute zu Beginn der Folge angesiedelten Final Walk. Elias ist bekannt für seinen Vater Boris und seine Mutter Barbara Becker. Boris war ein berühmter Tennisspieler, Barbara ist Ex-Spielerfrau, Schauspielerin, Schmuckdesignerin und veröffentlichte DVDs, Apps und Bücher zu den Themen Pilates, Yoga, Qigong, Fitness, Rückengesundheit, Mutterschaft und Scheinfasten. Damit hat sie den durchschnittlichen Tätigkeitsradius der weiblichen Besetzung von acht Staffeln „Dschungelcamp“ im Alleingang durchgespielt. Anna ist eine Turniermannschaft Enthusiastisch kündigt Heidi Klum Elias an, heute gebe es „einen Gitter-Lauf“. Schade, dass Yanneck bereits aussortiert wurde. Er hätte an dieser Stelle mit Sicherheit gefragt, ob Gitta Saxx auch persönlich anwesend sein wird. Als Erster über den Gitta-Saxx-Gedächtnisrunway schwebt Luis. Um nicht zum Godfrey der Herzen gewählt zu werden, instruiert er die backstage vor sich hin zitternden Modelkollegen anschließend, was die Jury erwartet: „Sie wollten mehr Zähne sehen.“ Leider ist Stefan Raab nicht in der Nähe. Hätte der seinen dental-anatomischen Standortvorteil voll ausgespielt, wäre ihm der Tagessieg nicht zu nehmen gewesen. Raabs Triumph wäre darüber hinaus auch ein Signal an den im Endspurt dieser Staffel leicht verblassenden Diversity-Anspruch von GNTM gewesen. Immerhin ist Raab Best Ager und Curvy Model gleichzeitig. Übersetzt in den Echtmodelkosmos wäre das ein Mädchen mit der edgy Coolness von Kate Moss und der unbekümmerten Albernheit von Cara Delevingne – vereint im Körper von Kendall Jenner. Der Grand Slam der Supermodels. Eine weitere finalrelevante Erkenntnis des Gitterparcours: Anna ist eine Turniermannschaft. Seit Wochen stolpert sie über jeden Nullachtfünfzehn-Catwalk wie ein angeschossenes Giraffenbaby – aber kaum taucht am Horizont das Siegercover der „Harper’s Bazaar“ auf, läuft sie auf einem 63 Meter langen Kühlergrill, als wäre Gisele Bündchen vom Chanel-Laufsteg der Pariser Fashion Week 2014 auf dem Sepulveda-Staudamm des Jahres 2026 gelandet. Heidi Klum zu Marlene: „Das ist zu gespielt“ Als alle Gitterabsolventen ihre Laufstegverpflichtungen erledigt haben, steht die allseits beliebte Schauspielfolge an. Laientheater mit Modelhintergrund. Als Kulisse dient die berühmte Wisteria Lane aus der TV-Serie „Desperate Housewives“, die Klum offenbar günstig aus einer Filmstudioinsolvenz herauskaufen konnte. Begeistert von der fernsehhistorischen Bedeutung dieses fiktiven Straßenzuges hat der Challenge-Redakteur des Senders in diese Aufgabe alles reingepackt, was bei „Desperate Housewives“ quotensicher funktioniert hat: Vorortromantik, Ehestreit, Betrug, Nachbarschaftsneid, Affären, Gerüchte und Lügen. Und als Bonus eine bis zum Anschlag hysterische Lisa Rinna. Heidi Klum arbeitet während des gesamten Wettbewerbs an der Demission von Marlene: „Das ist zu gespielt.“ Interessante Beobachtung bei einer Schauspielprüfung. Hoffentlich gibt es kommende Woche eine Karaoke-Challenge. Den Moment, in dem Heidi Klum diagnostiziert, die Version von „Wonderwall“ wäre zu gesungen, möchte ich bereits heute einrahmen. Um etwas selbstkritische Dynamik in die sterbenslangweiligen Schauspielversuche zu bringen, beginnt Klum, ihre Kandidaten in den Selbstbewertungsmodus zu zwingen: „Was meint ihr, wo ist die Herausforderung heute?“ Auf die richtige Antwort „Die sitzt hier vor uns und gibt skurrile Urteile ab“ kommt leider niemand. Anna entdeckt stattdessen eine überraschende Charaktereigenschaft der Kunstform Improvisation: „Das ist schwierig zu üben!“ Potz Blitz. Was kommt als Nächstes? Schweigegelübde, während deren es schwierig ist, etwas zu sagen? Da tröstet nur noch eine neue Karibik-Insel Noch schlimmer erwischt es Daphne und Alexavius. Beide vergessen elementare Teile des Textes und resümieren: „Da haben wir ziemlich reingeschissen!“ Das ist offenbar jugendsprachliches Neudeutsch für „Da haben wir ordentlich ins Klo gegriffen“. Fünf Paare, fünf durchwachsene Darbietungen – und alle sind so sehr von den fremdschambelasteten Leistungen überrascht, man möchte am liebsten einfach wegrennen und vergessen, dass es TV-Serien überhaupt gibt. Heidi Klum hat sich vor lauter Frust diese Woche sogar spontan eine Karibikinsel gekauft. Zum Glück landet im Impro-Teil des Wettbewerbs am Ende eine Torte in Tonys Gesicht. Wenigstens etwas Bewegung am Set. Tonys betroffenes Tortengesicht trifft offenbar Heidi Klums Humorzentrum. Sie spendiert jedenfalls umgehend ein weiteres Kleinod aus ihrem unerschöpflichen Kicher-Repertoire: den defekten Staubsauger auf Helium. Insgesamt ein denkwürdiger Tag für Freunde des Realitätsabgleichs. Denn wer hat kein ehemaliges Model im Bekanntenkreis, das seine Karriere beenden musste, weil es nicht gut genug in Impro-Schauspielerin ist? Am Ende wackeln Ibo, Godfrey, Alexavius, Marlene und Daphne. In bewährter Doppelstandard-Tradition schmeißt Klum Marlene raus. Sofort wehen elegische Erinnerungsvibes über den Äther. Marlene holte zahlreiche Jobs und überzeugte reihenweise Kunden von sich, während einige Protagonisten der verbliebenen Restbelegschaft nicht mal in die Nähe eines Kundencastings gelangten. Ein ähnliches Schicksal hatte vor Jahresfrist die damalige Kandidatin Kathi ereilt. Bis heute eine der signifikantesten Fehlentscheidungen der GNTM-Historie. Wen der Rauswurf-Hammer haarscharf vor dem Finale noch trifft, das verrate ich hier kommende Woche. Bis dann.