FAZ 27.03.2026
08:50 Uhr

GNTM-Kolumne: „Aber ist es denn die ganze Nacht ruhig?“


In dieser Woche fragen sich „Germany’s Next Topmodel“-Zuschauer nicht: „Wer muss gehen?“, sondern: „Wer mit wem?“ Schlafzimmer werden zu Unisex-Gemächern – und auf dem Laufsteg wird performt.

GNTM-Kolumne: „Aber ist es denn die ganze Nacht ruhig?“

Nach dreizehn weitestgehend drama- und tratschfreien Episoden gibt es endlich Rambo Zambo im Modelkader, den Bundeslaufstegtrainerin Heidi Klum inzwischen auf ein dreiundzwanzigköpfiges Restaufgebot zusammengestrichen hat. Das Warten bei Deutschlands wichtigster Fachpersonaldoku hat diese Woche also auch für Friedrich Merz ein Ende. Er und die übrigen „Germany’s Next Topmodel“-Edelfans erleben zwar kein Drama, dafür aber schlüpfrige Zoten und viel Klatschspaltenfutter. GNTM ist inzwischen mit bloßem Auge von „Love Island“ kaum mehr zu unterscheiden. Aber was ist passiert, dass die Gerüchteküche schneller anspringt, als Alice Weidel „Altparteien“ sagen kann? Das ist einfach: Die einst von Klum, der Jeanne d’Arc der Professionalität, definierte Leitkulturmaxime „GNTM ist keine Datingshow“ verliert zunehmend an Bedeutung. Diese Woche beispielsweise erhält das Dreierschlafzimmer von Anika, Anna und Antonia überraschenden, geschlechtererweiternden Zuwachs: Am Morgen schält sich nämlich plötzlich der weitestgehend unbekleidete Louis mit aus Antonias Einzelbett. „Man denkt, wir wären in einer Couple-Dating-Show!“ Ein frisch verliebtes Pärchen und zwei schönheitsschlafende Ruheanbeterinnen in einem Zimmer, das schreit mehr nach Zickenkrieg als drei Staffeln „Sommerhaus der Stars“. Das A-Team allerdings bleibt entspannt. Keine Beschwerden über zu laute Softerotik oder Männerbesuch in den eigentlich nicht als Unisex-Schlafzimmern gedachten Privaträumen – da stimmt doch was nicht? Das vermutet auch Alexavius und mutiert spontan zur Désirée Nick der Topmodel-WG: „Aber ist es denn die ganze Nacht ruhig?“ Juna mag es weniger verklausuliert und gibt zu Protokoll: „Man denkt manchmal, wir wären in einer Couple-Dating-Show!“ Guck an, direkt mit Pärchen daten. Das Feuer der Kasernierungsleidenschaft lodert bei GNTM augenscheinlich auf Rudelniveau. Als der Verkupplungsbeauftragte von Pro Sieben sich irgendwann erinnert, dass es ursprünglich mal ums Modeln ging, schickt er umgehend Starmannequin Coco Rocha in die Manege. Die soll den bislang wenig laufstegaffinen Kader zu Catwalkmonstern ausbilden. Die größte Challenge für die Bewerbergemeinschaft ist dabei, den Namen Rocha korrekt auszusprechen. Schon nach 120 Sekunden sind bereits Rotscha, Roatsch, Rochä und Rosch im Angebot. Näheres weiß niemand, und selbstverständlich fehlt auch Heidi Klum mal wieder unentschuldigt. Zweifelsfrei sicher ist daher nur: Mit der berühmten Praline „Ferrero Rocha“ hat sie nichts zu tun. Ein Supermodel auf LSD-Trip in Zeitlupe Den eher künstlerisch angehauchten Runway-Stil, den Rocha heute zu Trainingszwecken mitgebracht hat, führt sie als Orientierungshilfe eingangs selbst auf. Der nichts ahnende Zuschauer erlebt ein Supermodel auf LSD-Trip, das eine Ballettperformance in Zeitlupe abliefert. Antonia ist so gerührt, ihr kommen die Tränen. Coco Rochas Slow-Motion-Catwalk-Version von „Schwanensee“ ist für sie das emotional aufwühlendste Erlebnis, seit die Pärchenpolizei sie am Morgen Arm in Arm mit Louis im Bett erwischt hat. In dem Kontext würde mich interessieren, wie Antonia auf ähnlich hochdramatische Entwicklungen reagiert. Etwa, wenn der Pro-Sieben-Einkaufservice ihren Lieblingsjoghurt nachliefert. Zur Feier des Tages entsendet Rocha die Kandidatinnen mit High Heels auf den Laufsteg, die für etwa 60 Prozent des weltweiten Honorarumsatzes von Orthopäden verantwortlich sind. Auf diesen Schuhen Pirouetten drehen, da bereitet der Pro-Sieben-Konzernversicherer schon mal eine spontane Tarifanpassung bei der Auslandskrankenversicherung vor. Alexavius ist offenbar ein großer Verehrer der Ehefrau von Kanzlerlegende Helmut Schmidt. Beim Beobachten der Girl-Sektion spricht er jedenfalls fortlaufend von Loki. Einige Recherchechats mit meiner 16 Jahre alten Nichte später ist dann die Sozialdemokratin in mir enttäuscht: Alexavius meinte wohl doch nicht Loki, sondern „lowkey“. Oder wie Lothar Matthäus sagen würde: Niedrigschlüssel. Was Alexavius letztlich anregen wollte, ist ein männergemeinschaftlicher Industriespionageangriff auf die Trainingseinheiten der zuerst zum Coaching beorderten weiblichen Mitkandidaten: „Die sind ein All-you-can-eat-Buffet für Posen.“ Streng feministisch betrachtet handelt es sich wohl um einen Moment, in dem eine Frau etwas besser kann als ein Mann, der Mann aber die Lorbeeren einstreichen möchte. Die zuvor bereits situativ durchemotionalisierte Antonia wird von Catwalk-Nurejew Rocha mit einem umfangreichen Sonderlob bedacht. Das gibt ihrer Adhärenztoleranz den Rest: „Mein Körper war wie eine Pfütze.“ Ungefähr so wie in der Nacht zuvor also, jedenfalls wenn man Gossip-Katalysator und Erotik-Nostradamus Alexavius fragen würde. „Ich habe bislang nur in meinem Kopf geübt“ Boureima hat derweil den Moritz in sich entdeckt. Dem gelang letztes Jahr mit seiner „Wer trainiert, ist ein Idiot“-Attitüde der Gruppensieg. Tja, ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss. Ist das allerdings die Disziplinfanatikerin Rocha, ist das ziemlich hoch. Boureimas Trainingsleistung überzeugt nicht; Rochas Aufforderung, die Übungseinheit prüfungsrelevant zu wiederholen, lehnt der Tankstellenmitarbeiter ab. Das wird lustig, wenn Boureima später in der Staffel auf Marina Hoermanseder trifft. Die österreichische Designikone hätte in der vergangenen Staffel schon um ein Haar Moritz lebenslanges Fashionindustrieverbot erteilt. Mit Boureima käme es mit Sicherheit zu einem spektakulären Showdown. Auch am Folgetag, an dem das Gelernte in Jurylob umgewandelt werden soll, bleibt Boureima inaktiv: „Ich habe bislang nur in meinem Kopf geübt!“ Nun wirken Köpfe auf Catwalks eher befremdlich. Um erfolgreich zu sein, sollte man irgendwie auch seine Beine mit auf den Runway bringen. Es heißt ja auch Laufsteg und nicht Denksteg. Sein an ein angetrunkenes Rehkitz erinnernder Auftritt überzeugt Rocha nicht, Klum jedoch schon. Glück für Boureima, dass Gastjuroren bei Klum nur so viel zu sagen haben wie die FDP im Bundestag. Ähnlich skurril, dafür aber mit sehr viel mehr Körperflexibilität, eskaliert Alexavius auf dem Runway. Mit seiner jüngst im Umstyling kassierten Haarverlängerung wirkt er wie die „Cheri, Cheri Lady“-Version von Thomas Anders, der waldorfschulenerprobt „Nora, willst du mich heiraten“ tanzt. Nicht alle Kandidaten können in diesem Absurditätenmodus punkten, Godfrey allerdings kommt gefahrlos weiter. Kein Wunder: „Ich hatte ein Konzept, es sollte wie ein theatralisches Horrorszenario rüberkommen.“ Also etwa so wie die Quoten von „Let’s Dance“. Weniger optimal läuft es für Lara. Sie knickt mehrfach weg und verhindert einen Sturzflug in die ewige GNTM-Bestenliste der Modelpeinlichkeiten nur haarscharf. Das ringt auch Klum eine gewisse Art von Anerkennung ab: „Ich habe noch nie gesehen, dass Knöchel sich so biegen können.“ Leider geht es bei GNTM nicht um Knöcheldehnbarkeit. Folglich muss Lara gehen. Auch Juna hadert mit dem intellektuellen Zugang zu dieser Art des Performance-Art-Walk: „Ich war so richtig blank in meinem Kopf!“ Das bemerkt leider auch die für die Fotoverteilung verantwortliche Heidi Klum. Entsprechend blank bleibt auch Junas Modelbuch. Sie folgt Lara zum Flughafen Los Angeles, um enttäuscht den Rückflug anzutreten. Komplettiert wird das Rauswurftrio diese Woche von Jayden. Auch sein Auftritt auf dem Catwalk ist nicht durchgeknallt genug, um sich ein Ticket in die kommende Woche zu sichern. Mit nur mehr 20 Kandidaten geht es da dann am Mittwoch weiter. Bis dann!