„Sie tragen Ihr uraltes Leid wie billigen Stoff!“ Das ist einer dieser Sätze, die Roald Dahl wohl nicht so gesagt hat, aber gesagt haben könnte. John Lithgow spuckt ihn auf der Bühne eher aus, in Richtung der jungen Frau, die Dahl helfen will. Die Verlagsmitarbeiterin ist aus Amerika angereist, um das PR-Desaster einzudämmen, das der weltberühmte Schriftsteller durch eine antisemitische Buchrezension verursacht hat. Und auch sie trifft als Jüdin sein Hass, denn das ist gemeint mit dem „uralten Leid“. Die Szene im New Yorker Music Box Theatre spielt im Sommer 1983 in Dahls „Gipsy House“, seinem Cottage in Buckinghamshire. Mark Rosenblatts Stück „Giant“ gastiert nach einer gefeierten Saison im Londoner Harold Pinter Theatre nun am Broadway. Der hochgewachsene Amerikaner John Lithgow, achtzig Jahre alt und vielfach preisgekrönt, verkörpert den damals 66 Jahre alten Briten Dahl, der ebenfalls fast zwei Meter maß, nicht als „BFG“, als „Big Friendly Giant“, wie einer seiner Titelhelden hieß, sondern als großen Mann der launischen, herrischen Sorte. Dass Lithgow dem 1990 verstorbenen Autor so berühmter Kinderbücher wie „Charlie und die Schokoladenfabrik“ ähnlich sieht, wird dabei zur Nebensache, weil er den Charakter Dahls so überzeugend darstellt, als würde er ihn neu erschaffen. Andere sammeln für ihn seine Sachen auf In blauem Hemd, mit wirren Haaren um die Halbglatze, brauner Hose und Stoffturnschuhen bewegt er sich durch das Esszimmer des englischen Landhauses. Sein Gesicht ist rosig – er kann viel schlafen und viel Wein trinken. Zerstreut schlappt er durch den Haushalt – andere arbeiten dort für ihn und sammeln seine verstreuten Sachen auf. Dahl wird laut, wann es ihm passt, mal ist er zornig, mal weinerlich, mal spricht er in anrührend-schmeichlerischen Wortspielen wie aus einem seiner Kinderbücher – seine Verlobte wird seine Emotionen schon managen. Dahls enge Vertraute, die von Rachael Stirling verkörperte künftige Ehefrau Felicity „Liccy“ Crosland und sein Verleger Tom Maschler, gespielt von Elliot Levey, sind nicht erfunden. Seine Antagonistin aus Amerika ist es hingegen. Aya Cash spielt Jessie Stone mit einer zu Beginn reizenden Höflichkeit, die bald in Wut und Wehrhaftigkeit umschlägt. Stone in ihrem roten Kleid mit den hochhackigen Schuhen will dem Schriftsteller zunächst gefallen. Der Alte merkt sofort, dass er für seinen Text zu einer öffentlichen Entschuldigung gedrängt werden soll. Als sie sagt, sie sei Jüdin, nennt er sie nur noch „Stein“ Das Buch „God Cried“ von Tony Clifton und Catherine Leroy handelte vom Leid der Palästinenser und vom Krieg im Libanon. Dahl schrieb 1983 dazu: „Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat sich eine Rasse so schnell von zutiefst bemitleideten Opfern zu barbarischen Mördern gewandelt.“ Im Originaltext stand zudem, der damalige israelische Premier Menachem Begin und Ariel Scharon, seinerzeit Verteidigungsminister, seien „Kopien von Mr. Hitler und Mr. Göring“. Mit seinen eigenen Worten konfrontiert, setzt Dahl auf der New Yorker Bühne immer noch einen drauf. Er fragt Stone aus, ob sie Jüdin sei, und als diese bejaht, nennt er sie nur noch Stein. Nicholas Hytner bringt in seiner Regie kein didaktisches Moralstück auf die Bühne, sondern ein Kammerspiel, in dem die Sprache vor der bürgerlichen Kulisse immer gewalttätiger wird. Das Bühnenbild von Bob Crowley wird nie verändert, immer blickt man in das etwas chaotische Wohn- und Esszimmer des Hauses, das gerade renoviert wird: ein Esstisch, ein Perserteppich, eine Chaiselongue, ein Plastikvorhang, der das Interieur von einem grün schimmernden Draußen trennt. Keine Verfremdungseffekte, keine Zeitsprünge oder falschen Pfade sind nötig, während der Raum nur durch die Sprache immer enger wird. Mehr als ein Zuschauer findet es zum Schenkelklopfen komisch Aller konventionellen Versuchsanordnung zum Trotz sind die Zuschauer einbezogen, auch wenn ihnen das nicht immer klar ist. Das Theater steht schließlich in einer Stadt, in der man beim Besuch kultureller Veranstaltungen oder auf Partys seit dem 7. Oktober und dem Beginn des Gazakriegs immer damit rechnen muss, dass jemand Israel des Genozids bezichtigt, vor allem aber ein entsprechendes Bekenntnis von anderen verlangt oder das Etikett „Zionisten“ als antisemitischen Code benutzt. Lange dauert es auch an diesem Abend nicht, bis Lacher aus dem Publikum an den falschen Stellen kommen, Zuschauer den Köder bereitwillig aufnehmen, denn das wird man ja noch sagen dürfen. Er schulde den Menschen und ihr eine Entschuldigung, ruft die Verlagsmitarbeiterin Stone, nachdem sie ihre höfliche Zurückhaltung abgelegt hat. Als sie Dahls antisemitische Äußerungen aufzählt und ihm vorhält, alle Juden als Rasse zu bezeichnen, diese mit Israel und Israel mit den Nazis gleichzusetzen, zischt Dahl provokant „Und?“. Mehr als ein Zuschauer in New York findet das zum Schenkelklopfen komisch. Auch als Dahl, der immer von Juden spricht, wenn er die Handlungen der israelischen Armee beklagt, die Grausamkeiten des Kriegs im Libanon aufzählt, um sich gegen den Antisemitismusvorwurf zu verwahren, klatschen einige. Mark Rosenblatt, der Dahls Bücher als Jugendlicher verehrte, hat sich den weithin bekannten Judenhass des Schriftstellers bereits Jahre vor dem 7. Oktober 2023 vorgenommen. Das Stück ist also keine Reaktion darauf. Und es zeichnet nicht nur Dahl als komplexen Charakter. Elliot Levey verkörpert den Verleger und Freund Tom Maschler als Tennis spielenden Lebemann in rosa Hemd und weißer Hose, der sein Trauma herunterspielt. Antisemiten sind ganz normale Menschen Er habe nicht den Holocaust überlebt, sondern sei „lediglich in einen Zug gestiegen“, sagt Maschler über seine Flucht aus Deutschland im Kindertransport. Die Jungs in der englischen Schule hätten ihn zwar als Juden angegriffen, doch das müsse man ignorieren können „wie die hässliche Tapete meiner Tante“. In erster Linie sei er Brite. Als Dahl seinen Antisemitismus im Namen der freien Rede immer deutlicher in die Gegend spuckt, bezeichnet er seinen Freund Maschler als „Hausjuden“. Das Erstaunliche an Lithgows Spiel ist, dass er die Zuschauer nicht belehrt. Sein Dahl ist nicht irgendein Nazi, sondern ein trauernder Vater, ein verletzlich-eitler Partner, eine weinerliche, selbstzweiflerische Künstlerseele, die einem immer wieder nahekommt. Antisemiten sind keine außerhalb der Gesellschaft stehenden Monster, sondern ganz normale Menschen. Und ihre liebsten Behauptungen sind so tief in den Diskurs gesickert, sind so nah an dem, was heutzutage Rockstars, Schriftsteller und Künstler in die Welt blasen, dass dem einen oder anderen vielleicht doch das Lachen im Hals stecken bleibt, wenn Lithgows Dahl dieses Denken seiner logischen Konsequenz zuführt. Am Telefon mit einem Journalisten, als ihn ein Interview eigentlich rehabilitieren soll, sagt er geradezu genüsslich: „Selbst ein Ekel wie Hitler hat sie ja nicht ohne Grund angegriffen!“ Bei diesem Originalzitat wird im Publikum nicht mehr gelacht. Platt pädagogisch wirkt das Stück trotzdem nicht. Das liegt an John Lithgow, der es mit seinem Spiel schafft, dass man diesen Dahl in Teilen mag, bis man ihn nicht mehr mögen kann. Die Diskussion, ob man nun das Werk vom Künstler trennen müsse, lässt Rosenblatt außen vor. Die Zuschauer lässt er stattdessen allein auf der schiefen Ebene zurück, die über den angeblichen „Antizionismus“ in den Schlund des Antisemitismus führt. Das ist die Leistung von „Giant“.
