FAZ 27.09.2026
10:24 Uhr

Für Feld und Garten: Diese Methode spart Wasser – und rettet die Ernte


Zwei Gemüsebauern trotzen der nicht enden wollenden Trockenheit mit einer einfachen Idee: Mulch statt Bewässerung. Nach fünf Jahren des Ausprobierens zeigt sich, wie gut das funktioniert.

Für Feld und Garten: Diese Methode spart Wasser – und rettet die Ernte

Anne Fay hockt zwischen lauter Kohlköpfen auf einem Acker mit Blick auf die Burg Münzenberg und lächelt versonnen. Die Kohlköpfe fallen zwar kleiner aus als um diese Zeit gewohnt. Aber die Jungbäuerin aus Lich-Eberstadt gibt sich im Gespräch dennoch zufrieden. Schließlich haben sie und ihr Partner Jonas Weisel wie jeder Berufskollege und Hobbygärtner mit einem außergewöhnlich trockenen Sommer zu kämpfen gehabt. Doch anders als die allermeisten anderen Landwirte in Hessen und anderswo pflegen die beiden eine besonders wassersparende Anbaumethode: Sie bauen sogenanntes Mulchgemüse an. Im Rückblick auf diesen Dürresommer sagt die junge Frau mit den langen braunen Haaren: „Der Mulch hat in den vergangenen Monaten seine Stärke gezeigt.“ Fay und Weisel bauen Gemüse auf einem Hektar Fläche an. Das entspricht grob gerechnet knapp anderthalb Fußballfeldern. Gemessen an den weitaus größeren Kornfeldern oder mit Raps besetzten Äckern in der Wetterau klingt das nicht nach viel. Aber den beiden Jungbauern genügt das. Begründung: „Wir holen schon eine große Masse vom Acker.“ Das gilt vor allem für Kohl in fast allen Varianten: Rot- und Weißkohl, Wirsing und Kohlrabi, Blumenkohl und Brokkoli, Rosenkohl und Flower Sprouts, eine Mischung aus Grünkohl und Rosenkohl mit Früchten in Form von Blüten. Alles wahre Vitamin- und Mineralstoffbomben. Und auf ihrem Hof ist alles bio, wie Fay hervorhebt. Hinzu kommen noch andere Pflanzenarten, neuerdings auch Melonen. Mulch führt zu viel mehr Feuchtigkeit im Ackerboden Einen halben Hektar bewirtschaftet das Duo ohne Mulch, die andere Hälfte seit fünf Jahren mit dieser Zugabe. Mulch soll Feuchtigkeit im Boden halten, die Erde gegen Verdunstung abschirmen und vor zu starker Hitze schützen. In der 30 Zentimeter messenden oberen Schicht wurden 55 Liter je Quadratmeter mehr gemessen als auf normalen Äckern, haben Forscher der Universität Gießen festgestellt, die Fay und Weisel drei Jahre lang begleitet haben. Außerdem soll Mulch gegen unerwünschtes Grün zwischen den Nutzpflanzen wirken. Mulchgemüse ist nach Angaben der Gießener Agrarökologen nicht zuletzt weniger anfällig für Pilzkrankheiten wie Mehltau und bestimmte Schädlinge. Der in Eberstadt verwendete Mulch besteht aus zerkleinerten Erbsen, Wicken und Roggen. Erbsen und Wicken liefern außer Streuanteilen für den Mulch viel Stickstoff als Nahrung für Gemüsepflanzen, wie Fay erläutert. Das spare Dünger. Als Dritter im Bunde sorge der Bioroggen mit seinen bis zu zwei Meter langen Halmen für die notwendige Masse. Alles zusammen bauen Fay und Weisel jeweils im Spätsommer als sogenannte Zwischenfrucht an. Die Pflanzen lassen sie im Frühjahr häckseln und bringen den blassgelben Mix später mit dem Miststreuer aus. Acht Zentimeter dick sollte die Mulchschicht sein – und das möglichst gleichmäßig über den halben Hektar verteilt. „Das muss man erst mal schaffen“, sagt Fay. Die Kunst liegt nach ihren Worten darin, den richtigen Zeitpunkt für das Mulchen zu treffen. Schon im Frühjahr zu mulchen, scheidet demnach aus. Der Grund: Der Boden sei dann noch zu kalt. „Mit Mulch kämen die Setzlinge nicht in die Pötte“, sagt Fay und lacht. Deshalb setzt das Bauernpaar die ersten zarten Salatpflänzchen in den nackten Boden am Nordrand der fruchtbaren Wetterau. Ende Mai folgten nach und nach die Kohlsorten mit Mulch drum herum. Dann hat die Sonne die Erde erfahrungsgemäß schon ausreichend erwärmt. Apropos Sonne: Sie brannte über Gebühr in diesem Sommer auf die Äcker hernieder. Gut 780 Sonnenstunden zählte der Wetterdienst von Mai bis August. Das langjährige Mittel beträgt nach Angaben des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie etwa 600 Sonnenstunden. Regenwolken machten sich dagegen wochenlang rar. Fay kann die Folgen in Litern beziffern. Nur 284 Liter Regen fielen von Jahresbeginn bis Ende August rund um Eberstadt – normal seien etwa 550 Liter. Sie und Weisel bekamen den Mangel beim Pflanzen zu spüren. Viele Setzlinge seien ihnen abseits des Mulchs trotz Wässerung rasch vertrocknet. Rund 1000 Euro hätten sie sprichwörtlich in den Sand gesetzt. 200 bis 600 Liter je Quadratmeter Wasser werden gebraucht Ganz anders dagegen das Bild auf dem gemulchten halben Hektar: Das Jungbauernpaar musste kaum künstlich wässern. Fay beziffert die Menge auf etwa 20 Liter den Quadratmeter über den gesamten Sommer hinweg. Auf dem halben Hektar ohne Mulch sei über ihre Bewässerungsanlage ein Vierfaches auf die Pflanzen geregnet. Dies deckt sich tendenziell mit den Angaben des Hessischen Bauernverbands zum Wasserbedarf sogenannter Sonderkulturen. Demnach brauchen die Pflanzen über einen Sommer hinweg 200 bis 600 Liter je Quadratmeter. Im Durchschnitt, wohlgemerkt. „Idealerweise wird das meiste über Niederschläge gedeckt“, gibt eine Sprecherin zu bedenken. Andernfalls muss der Bauer zu Brunnen- oder Leitungswasser greifen. Das Wasser müsse zum richtigen Zeitpunkt den Pflanzen zur Verfügung stehen. Denn könnten etwa Zucchini, Zwiebeln und Tomaten keinen vermarktungsfähigen Fruchtkörper ausbilden, laufe dies auf einen mit hohen Kosten verbundenen wirtschaftlichen Totalausfall hinaus. Wie viele Liter die Landwirte in Hessen zusätzlich zum Regen durch ihre Bewässerungsanlagen je Quadratmeter laufen lassen müssten, sei schwer zu beziffern, heißt es beim Bauernverband. Denn: „Es ist stark abhängig vom Bewässerungssystem selbst, von der jeweiligen Witterung, von Verdunstungsraten, vom Boden, von der jeweiligen Kulturpflanze und deren Entwicklungsstadium.“ Durch den Klimawandel, zunehmende Hitzewellen und Trockenphasen werde die Bewässerung immer wichtiger, um Ertrag und Qualität zu sichern oder überhaupt noch regionales Obst und Gemüse zu produzieren. Gemüsebauern kämen ohne zusätzliche Bewässerung häufig gar nicht aus. Andernfalls könnten sie keine vermarktbaren Produkte erzeugen, hebt die Sprecherin hervor. Fay und Weisel haben ungeachtet des Mulchs neuerdings auch eine neue Form der Tröpfchenbewässerung über Schläuche ausprobiert. Die Schläuche liegen demnach unter einer Folie, die Verdunstung verhindert. Sie zeigen sich damit zufrieden. Nur: Lohnt sich der ganze Aufwand wirtschaftlich, zumal sie das Gemüse von Hand ernten? Die Jungbäuerin nickt. Sie und ihr Partner vertreiben das Gemüse direkt, zum Beispiel über den von ihren Eltern und ihren Brüdern bewirtschafteten Obersteinberger Hof im nahen Pohlheim, auch verkaufen sie es an Gastronomen in der Region. „So bekommen wir 3,50 Euro je Kilo Kohl statt 90 Cent, wenn wir das Gemüse an die Industrie verkaufen würden.“ Wie dick Wirsing, Weißkohl und Rosenkohl in diesem Jahr unter der Mulchschicht noch werden, steht dahin. Noch wachsen sie. Und bis zur Ernte kann sich der lange vermisste Landregen noch öfter einstellen.