Der Sozialist Lionel Jospin hat sich als französische Gegenfigur zum britischen Premierminister Tony Blair eingeprägt. Dem dritten Weg Blairs setzte Jospin einen EU-kritischen, national zentrierten Linkskurs entgegen. Jospin war in den Blütejahren der Parti Socialiste, von 1981 bis 1987 Parteichef (Erster Sekretär). Damals galt er als Adlatus von Präsident François Mitterrand, dessen Volten er treu begleitete. Er nahm die Partei mit, als Mitterrand 1983 die Staatsfinanzen konsolidieren musste, nachdem sich sein sozialistischer Ausgabekurs als Fiasko erwiesen hatte. Von 1988 bis 1992 wirkte der Protestant als Bildungsminister. Er hatte, wie viele sozialistische Führungsgestalten, über die trotzkistische Jugend in die Politik gefunden. Von 1995 bis 1997 leitete Jospin wieder die Partei und bereitete den Machtwechsel vor. Als Chef einer „pluralen Linken“ mit Grünen und Kommunisten führte er zwischen 1997 und 2002 die Regierungsgeschäfte in Paris. Ihm gelang es aber nicht, überzeugende Antworten auf die wachsende Unzufriedenheit insbesondere in den traditionellen Wählergruppen der Linken zu finden. Das Ideal einer Freizeitgesellschaft In seiner Regierungszeit wurde die 35-Stunden-Woche beschlossen, an deren Folgen die französische Wirtschaft bis heute krankt. Das damals entworfene Ideal einer Freizeitgesellschaft mit frühem Rentenbeginn prägt bis heute Frankreich. Zudem leitete Jospin mit seinen EU-kritischen Thesen das Ende seiner Partei als verlässliche europäische Regierungspartei ein. Beim EU-Gipfel in Nizza 2000 prallten deutsche und französische Vorstellungen zur Zukunft aufeinander. Als Folge stimmte ein Großteil der linken Wähler 2005 im Referendum gegen den europäischen Verfassungsvertrag. Die Quittung für seine Ausflüchte zu den Sorgen vieler Bürger vor steigender Kriminalität und Überfremdungsängsten erhielt Jospin 2002, als er im ersten Präsidentschaftswahlkampf überraschend gegen den Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen unterlag. Der Sozialist kündigte noch am Abend seiner Niederlage seinen Rückzug aus der Politik an. In seinem Buch „Le Mal napoléonien“ (etwa: Das napoleonische Übel) setzte er sich später kritisch mit der in Frankreich verbreiteten Sehnsucht nach einer charismatischen Rettergestalt auseinander. In den vergangenen Jahren waren Jospins öffentlichen Auftritte selten geworden. Der Pensionär lebte zurückgezogen mit seiner zweiten Frau, der Philosophin Sylviane Agacinski, in Paris und auf der Atlantik-Insel Ré. Zwischen 2015 und 2019 gehörte er als „Weiser“ dem Verfassungsrat an. An diesem Montag ist Jospin im Alter von 88 Jahren in Paris gestorben.
