Olaf Scholz, der frühere Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, hat sein Büro im sechsten Stock eines Übergangsbaus des Bundestags, eines Gebäudes in Holzbauweise. In der SPD ist dafür die Formulierung gefunden worden: „Olaf Scholz sitzt zufrieden im Modulbau.“ Tatsächlich berichten Abgeordnete, die mit ihm das Stockwerk teilen, dass sie Scholz regelmäßig sehen und sprechen. Der ehemalige Bundeskanzler, der nun einfacher Abgeordneter der SPD-Bundestagsfraktion ist, ist präsent, aber zurückhaltend, wenn es um die Tagespolitik geht. Häufiger als früher soll er im Gespräch nun auch an den Meinungen anderer interessiert sein, wird berichtet. Bundeskanzler zu sein, ist mit Sicherheit sehr herausfordernd, es gewesen zu sein, aber vermutlich auch – zumal wenn man in einem Alter aus dem Amt scheidet, bei dem sich die Frage stellt: Kommt da politisch noch etwas? Scholz ist 67 Jahre alt, also jünger als sein Nachfolger Friedrich Merz. Karriereambitionen braucht man Scholz trotzdem keine mehr zu unterstellen. Dass er weiterhin Abgeordneter des Bundestags ist und sich in die hinteren Reihen des Parlamentsgeschehens einordnet, hat andere Gründe. Scholz geht es um die Stabilität des politischen Systems – und um die eigene Rolle in der Geschichte. Der Hanseat Scholz ist derzeit der einzige Abgeordnete in Ostdeutschland, der seinen Wahlkreis direkt gewonnen hat und nicht der AfD oder Linken angehört. Scholz vertritt den Wahlkreis Potsdam/Potsdam Mittelmark II/Teltow-Fläming II. Er macht das, was Abgeordnete in ihrem Wahlkreis so machen: Er veranstaltet Bürgergespräche und besucht Unternehmen und Betriebe im Land. Letztens hat er Wasserbüffel in Brandenburg besucht. Die Koalition ist in der Krise, da ergreift Scholz das Wort Hinzu kommen Termine, die den alten Glanz aufblitzen lassen. In New York bekam Scholz kürzlich die Leo-Baeck-Medaille verliehen für Verdienste um das jüdische Leben. Die Laudatio hielt der ehemalige amerikanische Außenminister Antony Blinken, er nannte ihn konsequent „Chancellor“. Nach eigener Aussage will Scholz der aktuellen Regierung helfen, erfolgreich zu sein. Dass sein Nachfolger im Kanzleramt schon nach einem Jahr unbeliebter ist, als er es war, verschafft Scholz womöglich etwas innere Genugtuung, offen zeigt er die aber nicht. Scholz lässt kein schlechtes Wort über Merz fallen, lobt vielmehr dessen Entscheidung, die Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse auszunehmen. Aber am vergangenen Dienstag hatte Scholz dann doch das Bedürfnis, in der Fraktionssitzung seiner Partei das Wort zu ergreifen. Das macht er sonst nicht. Dementsprechend waren alle anderen still, als der Kanzler a. D. zu sprechen begann. Es war eine besondere Fraktionssitzung. Die sozialdemokratischen Minister nahmen auch an ihr teil. Der erste Jahrestag der schwarz-roten Koalition stand unmittelbar bevor. Und die Koalition ist schon in der Krise. Scholz unterstellte Merz immer das Schlechteste Scholz erinnerte laut Teilnehmerberichten daran, dass es nach der Bundestagswahl 2005 im Bundestag eine linke Mehrheit gegeben habe, doch die SPD habe sich aus Verantwortung gegen ein Bündnis mit der PDS, später Linkspartei, entschieden, weil mit ihr kein Staat zu machen gewesen sei. Genauso sei es heute mit der AfD. Scholz warnte vor dem Ende der Koalition. Aber auch vor dem Niederreißen der Brandmauer. Es stehe viel auf dem Spiel. Auch eine Minderheitsregierung sei Quatsch. In Schweden habe man sehen können, wie ein solches Modell die Rechtsextremen zum Teil der Regierung gemacht habe. Die Abgeordneten applaudierten Scholz lange. Das sei ein sehr wichtiger Redebeitrag gewesen, sagte Dirk Wiese, der Parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion, im Nachhinein. Scholz’ Rede richtete sich an die eigenen Leute. Dass sie sich von CDU/CSU nicht zu sehr in die Enge treiben lassen sollten. Scholz sprach indirekt aber auch seinen Nachfolger ermahnend an. Scholz hatte im Bundestagswahlkampf 2024/2025 keine Gelegenheit ausgelassen, Merz das Schlechteste zu unterstellen: dass er das Soziale gegen die Verteidigung ausspielen wolle, ein Spieler sei. Es geht Scholz also um die Stabilität der Regierung und des Landes. Aber auch sein übriges politisches Handeln, so leise es daherkommt, sollte nicht als harmlos verstanden werden. Scholz geht es um die langen Linien, sogar um die Deutung der Geschichte. Wie Merkel und Scholz über Putin streiten Er schreibt derzeit an seiner Autobiographie, die schon im nächsten Jahr erscheinen soll. Gespannt sein darf man auf die Passagen, die sich mit dem russischen Herrscher Wladimir Putin und der Vollinvasion der Ukraine 2022 beschäftigen. Und wie sich diese Erzählung verhalten wird zu der von Angela Merkel, Scholz’ Vorgängerin. Scholz hat nach seinem Ausscheiden aus dem Amt schon mehrfach öffentlich klargemacht, dass seiner Meinung nach Putin den Ukrainekrieg schon mit viel Vorlauf geplant hat. Und dass weder er noch Joe Biden oder Emmanuel Macron ihn davon hätten abbringen können. Soll heißen: Die Fehler wurden in der Zeit vor ihm begangen, also von Merkel. Scholz will nicht der Kanzler sein, der eine Mitschuld am Ausbruch des Krieges trägt. Doch Merkel hält dagegen. Sie hat in diversen Auftritten dargelegt, dass sie zu ihrer Russland-Politik und ihrem Umgang mit Putin steht. Zwischen den Zeilen hinterlässt Merkel die Botschaft: Wäre ich Kanzlerin geblieben, wäre das alles nicht passiert. Die beiden Ex-Kanzler ringen um ihren Platz in der Geschichte, und der Kampf ist noch nicht ausgetragen.
