Der Kanzler kämpft ein Jahr nach seinem Amtsantritt um sein politisches Ansehen. Die Umfragen sind für beide Regierungsparteien gleichermaßen katastrophal, die persönlichen Beliebtheitswerte von Merz sogar schlechter als die seines Vorgängers. Bei all dem geht es nicht nur um die Eitelkeit eines von sich selbst bekanntermaßen ziemlich überzeugten Mannes, es geht jetzt wahrscheinlich wirklich um die Frage, ob die Deutschen der Politik als Ganzer noch Verbesserungen ihres Lebens zutrauen. Konkreter gefasst: Ob sie das den Parteien des traditionellen Spektrums zutrauen oder ihr Wählerglück nun immer nonchalanter beim blauen Außenseiter suchen. Was also tun, Herr Merz? Das fragte eine gut zwanzigminütige Interviewsendung, die kurzfristig angesetzt das Vorabendprogramm des ZDF durcheinanderbrachte und deshalb Aufmerksamkeit auf sich zog. Würde der Kanzler eine Kabinettsumbildung verkünden? Noch schärfer als zuvor mit dem schwachen, aber offenbar durchsetzungsstärkeren Koalitionspartner ins Gericht gehen? Gar sein eigenes politisches Schicksal in die Waagschale werfen? Bei der Kollegenschelte leuchten seine Augen Wer sich die zwanzig Minuten ansah, der sah im Grunde das Gegenteil all dessen. Der sah einen Kanzler, der sich im autogenen Training übte, also mit leiser Stimme die wenigen Erfolge seiner Regierung aufzählte, um sich selbst zu beruhigen. Der hin und wieder auch über die berechtigte Ungeduld in der Wirtschaft sprach und einmal kurz verschmitzt die Augen schloss, als er die „harsche Kritik“ an jenem CDU-Kollegen offenbarte, der es gewagt hatte, ein vorzeitiges Ende der Koalition in Aussicht zu stellen. Die Genugtuung, die in diesem Moment aus Merz’ Mimik sprach, war im Grunde der einzige ernsthafte emotionale Ausdruck, den die Zuschauer an diesem Abend von ihrem Kanzler zu sehen bekamen. Wo es um die Disziplinierung der eigenen Leute geht, da flackern die Augen noch. Andernorts hingegen, da, wo es zum Beispiel ums Land, um die nationale Identität geht: gähnende autogene Leere. An einer besonders markanten Stelle sagte Merz fast zynisch: „Wir sind eben kein Schnellboot.“ Sondern, Herr Merz? Was ist Deutschland für Sie? Wie stellen Sie es sich bildlich vor? Herzzerreißend emotionslos Deutschland, so der Kanzler herzzerreißend emotionslos, sei „ein großes, schweres Schiff“, das leider nicht leicht auf einen neuen Kurs zu bringen sei. Alle Achtung, so klingt maritimer Funktionspatriotismus in sauerländischer Reinform. Glaubt Merz wirklich, dass irgendjemand von so einem Sinnbild dazu animiert werden könnte, die Ärmel hochzukrempeln und mitanzupacken? Dunkel erinnern wir uns an die Staatsschiff-Metaphern aus früheren Zeiten, manch einer sieht darin sogar eines der ältesten Sinnbilder der politischen Ideengeschichte. Allerdings nutzte schon Platon die Metapher für eine dezidiert negative Beschreibung der Demokratie, die wie ein manövrierunfähiges Schiff wirke, auf dem die Matrosen dauerhaft um das Steuer stritten, ohne ausreichende Navigationsfähigkeiten zu besitzen. Offenbart Merz mit seiner Schiffsvorstellung von Deutschland also unwillkürlich seinen eigenen Überdruss an den demokratischen Verfahren? Vielleicht spekuliert er eher darauf, dass man in ihm trotz aller Umstände einen navigationstüchtigen „Gouverneur“ am Steuer sehen könnte. Also: die Metapher eher düster, damit man selbst besser strahlen kann? Nicht die beste Idee in Zeiten, in denen das Wort Deutschland dringend neue, hellere Farben bräuchte, um nicht ganz vom blauen Anstrich übermalt zu werden. Der Kanzler jedenfalls wirkte in diesem Fernsehauftritt wie ein autogen durchtrainierter Kapitän, der von den wilden Stürmen draußen nicht richtig viel mitkriegt. Wenn er „Kurs“ sagt – und das sagt er zur Unterstützung seiner maritimen Metaphernlehre ziemlich oft – dann klingt das nicht nur technisch, sondern auch egoistisch. Dann klingt das so, als sollte man nicht an ein Schiff mit vielen Matrosen, sondern an ein Privatflugzeug mit einer Ein-Mann-Besatzung denken.
