Tief im Süden des Landes gibt es eine Erzählung: Die Menschen dort sind so pragmatisch, so am friedlichen Miteinander interessiert, dass sie für alles eine Lösung finden, wenn man nur genug über die Dinge schwätzt. Die badische Lösung nennen sie das. Im Süden des Badnerlandes liegt eine Studentenstadt, die bis in die Neunzigerjahre eine kleine, feine Fußballszene vorzuweisen hatte. Dann begann der Aufstieg des Sport-Clubs. Immer mehr Menschen zogen in die Stadt, nicht nur um zu studieren, sondern auch, um dort zu bleiben. Mit der Stadt wuchs auch der Klub. Und weil dieser Klub scheinbar gar nicht ganz groß werden und ganz schnell wachsen wollte, hat er dem Rest des Landes nun gezeigt, wie Wachstum und Aufstieg im Fußball funktionieren können. Wie ein Student im ersten Semester Seine ersten Bundesligajahre erlebte der SC im kleinen Dreisamstadion. In der zweiten Halbzeit spielte er oft in Richtung des gemächlichen Flusses hinter der Tribüne, weil sich der Platz einen Tick senkte und die Spieler in den rot-weißen Trikots so einen kleinen, aber feinen Vorteil hatten. Das war Fußballromantik, wie sie selbst in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende schon selten geworden war in der Bundesliga. Irgendwann ging der ewige Trainer Volker Finke, es kam Christian Streich. Der SC gehörte nun zur Bundesliga wie der schwäbische Rivale aus Stuttgart, wie der HSV, wie Köln oder Schalke. Lange erzählten sie sich im Breisgau: Wir sollten uns erst mal darauf konzentrieren, dort zu bleiben, ganz oben. Aber immer häufiger verkauften sie Spieler teuer und kauften solche, die noch teurer wurden. Das war in den Zehnerjahren. Plötzlich aber erreichte der SC die großen Spiele. Dort wirkte er wie ein Student im ersten Semester, der zwar fleißig gelernt hatte, aber sich in der Prüfung verhaspelte. Immer ein wenig zu friedlich, ein bisschen zu kompromissbereit. Gegen Leipzig verloren die Freiburger 2022 ein Pokalfinale, das sie nicht hätten verlieren müssen. In den entscheidenden Momenten, auch im Elfmeterschießen, halfen ihre Spickzettel nicht. Der SC Freiburg zählt zu einer elitären Gruppe deutscher Klubs Gegen die Eintracht spielten sie in der letzten Partie der Saison darum, wer im Jahr darauf in der Champions League spielen würde. Der SC führte, dann rutschte Verteidiger Lienhart aus. Vom Boden aus sah er, wie die Frankfurter jubelten. Wieder standen die Breisgauer mit leeren Händen da. 2025 war das. Was also sollte geschehen im bisher größten Spiel ihrer Vereinsgeschichte, im Halbfinale der Europa League 2026 gegen den SC Braga? Die Badener spielten, wie sie noch nie ein großes Spiel gespielt haben. Ohne Kompromisse, mit dem Glauben daran, den Rückstand aus dem Hinspiel zu drehen. Schon nach wenigen Minuten waren sie in Überzahl, dann schoss der überragende Johan Manzambi den Ball aus 20 Metern ins Eck. Der SC gewann 3:1. Das alles geschah nicht mehr in dem Stadion, dessen Rasen leicht abfällt. Es geschah in einer schönen, neuen Arena. Der Sport-Club hat das Europapokalfinale erreicht – und damit auch den Höhepunkt seiner Entwicklung der vergangenen Jahre. Der kleine Studentenklub ganz aus dem Süden, sonnenverwöhnt zwischen den Bächle, hat heute 75.000 Mitglieder. Er ist über die Jahre aufgestiegen in eine elitäre Gruppe deutscher Klubs, die es in das Endspiel eines UEFA-Wettbewerbs geschafft haben. Er wird dort, in Istanbul, mit einer Mannschaft spielen, die ihre beste Zeit nicht woanders erlebt, sondern im Breisgau. Und deren pragmatisches Ziel lautet: den Europapokal zu gewinnen. Es ist die neue badische Lösung.
