Von 2028 an werden sich alle Teilnehmerinnen an Olympischen Spielen einem Gentest unterziehen müssen. Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) beschloss am Donnerstag ein neues „Programm zum Schutz der Frauenkategorie im Sport“ und macht damit die in der Leichtathletik im vergangenen Jahr eingeführten Maßnahmen de facto für alle olympischen Verbände verpflichtend. Sie „sollten“, heißt es in einer Mitteilung des IOC, das Programm übernehmen, soweit Zulassungskriterien für IOC-Veranstaltungen betroffen sind. Mit der Neuausrichtung wird die Olympiateilnahme von Transgender-Sportlerinnen und Sportlerinnen mit „Abweichungen in der sexuellen Entwicklung“ (DSD) an Frauen-Wettkämpfen bei Olympischen Spielen (und vermutlich der Qualifikation dienenden Veranstaltungen) ausgeschlossen. „Ich bin sehr stolz auf dieses Stück Arbeit“, sagte IOC-Präsidentin Kirsty Coventry am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Das neue Programm basiere „auf Wissenschaft und ist durch medizinische Experten geführt“. Kritik an Gentests aus der Wissenschaft Kritiker der Einführung des Tests auf das SRY-Gen bemängeln, dass dessen Existenz in einem Körper das biologische Geschlecht nicht mit Gewissheit bestimmt. Die Bioethikerin Katrina Karkazis hatte in der F.A.Z. von einem „unethischen, unwissenschaftlichen und diskriminierenden“ Eingriff gesprochen. Das IOC hatte vor den Olympischen Spielen 1968 Abstrich-Tests zur Bestimmung der Geschlechts-Chromosomen eingeführt und nach wachsenden Protesten die generelle Testung 1999 eingestellt. Insbesondere unter Coventrys Vorgänger Thomas Bach hatte das IOC den Umgang mit DSD-Sportlerinnen, unter denen die südafrikanische Mittelstreckenläuferin Caster Semenya die bekannteste ist, und Trans-Sportlerinnen weitgehend den internationalen Verbänden überlassen und einen integrativen Ansatz angeregt. 2021, bei den Olympischen Spielen in Tokio, nahm die neuseeländische Gewichtheberin Laurel Hubbard als erste Transsportlerin an einem olympischen Wettkampf teil, im Alter von 43 Jahren und ohne einen gültigen Versuch. Welche Rolle spielt Trump? Die Spiele 2028 sollen in Los Angeles ausgetragen werden. Donald Trump, der Präsidenten der Vereinigten Staaten, verfolgt eine Transsexuelle und nicht-binäre Personen diskriminierende Politik. Teil dieser ist der Ausschluss von Trans-Sportlerinnen aus sämtlichen Wettbewerben, etwa in Schulen. Kirsty Coventry bestritt am Donnerstag, dass sie von Trump unter Druck gesetzt geworden sei. Sie habe bereits im Wahlkampf um das Präsidentinnenamt – Coventry war im März 2025 zu Bachs Nachfolgerin gewählt worden – für eine Regeländerung geworben. Am Donnerstag argumentierte sie, die neuen Regeln seien aus Gründen der Fairness und der Sicherheit erforderlich. Für die Spiele in Kalifornien kommt das IOC Trump in jedem Fall entgegen. Allerdings gilt das am Donnerstag beschlossene Programm nicht auf Hobby- und Breitensport. „In der Natur gibt es das nicht“ Katrina Kazakis hatte mit Blick auf die nun zum Vorbild genommenen Regelungen in der Leichtathletik den durch die Vereinigten Staaten und Großbritannien ausgeübten Druck kritisiert. „Das Problem des Sports besteht darin, dass er seit Jahrzehnten eine klare Grenze zur menschlichen Biologie ziehen will. In der Natur gibt es das aber nicht“, hatte sie im Gespräch mit der F.A.Z. im August 2025 gesagt. „Ich glaube, die Sportverbände beugen sich dem politischen und kulturellen Druck – insbesondere aus den USA, Großbritannien und Teilen Europas – von jenen, die Frauen mit bestimmten DSD als unrechtmäßige Konkurrentinnen in der Frauenkategorie darstellen. Trotzdem wird es so dargestellt, als wäre es eine wissenschaftliche Frage, obwohl es sich in Wirklichkeit um eine gesellschaftliche Frage handelt, in die der Sport verstrickt wird.“ Sebastian Coe, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes World Athletics, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Caster Semenya, Olympiasiegerin 2012 und 2016 sowie Weltmeisterin 2009, 2011 und 2017 über 800 Meter, und anderen DSD-Frauen einen Start bei Leichtathletik-Wettbewerben unmöglich zu machen. Die Südafrikanerin, die versucht hatte, über das Internationale Sportschiedsgericht CAS das Regelwerk von World Athletics zu Fall zu bringen, obsiegte im Juli 2025 vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die Richter in Straßburg stellten fest, dass Semenyas Recht auf ein faires Verfahren und rechtliches Gehör verletzt worden war. Druck durch internationale Verbände Zugleich war der Druck internationaler Verbände auf das IOC gestiegen, ein verbindliches Regelwerk zu verabschieden. Etliche Verbände hatten deutlich gemacht, dass sie Coes Ansatz begrüßen und, wie der Schwimmverband World Aquatics, ähnliche Regeln verabschiedet. Zudem hatten bei den Spielen in Paris 2024 Imane Khelif aus Algerien und die Taiwanesin Lin Yu-Ting Goldmedaillen im Boxen gewonnen. Imane Khelif hatte im Februar in einem Interview gegenüber der französischen Sportzeitung „L'Equipe“ gesagt, ein SRY-Test habe die Existenz des Gens in ihrem Körper bestätigt. „Ja, und das ist natürlich. Ich habe weibliche Hormone“, hatte Khelif gesagt. Jane Thornton, Direktorin des IOC für Gesundheit, Medizin und Wissenschaft, begründete die Einführung der neuen Regeln auf der Pressekonferenz des IOC auch mit Gesundheitsgefahren für Sportlerinnen, die in Wettkämpfen gegen Sportlerinnen antreten, die typischerweise vom Testosteronausschuss innen liegender Testikel profitieren. Diese träten insbesondere in Kampfsportarten auf. Für Sportlerinnen mit DSD ohne einen männlichen Testosteron-Ausschuss sollen die neuen Regeln nicht gelten. Thornton verwies zudem auf hohe Zustimmungswerte unter Sportlerinnen beim Entstehungsprozess des neuen Regelwerks. World Boxing, der vom IOC anerkannte internationale Box-Verband, hatte Lin Yu-Ting nach einer Überprüfung in dieser Woche die Startberechtigung für die Asienmeisterschaften erteilt, die am Wochenende in der Mongolei beginnen. Das IOC-Programm führt die von Jane Thornton angeführten Vorteile auf, nicht aber die wissenschaftlichen Untersuchungen, auf die es gestützt wird. „Wir haben die Bibliographie“, sagte IOC-Direktorin Jane Thornton am Donnerstag. In Zukunft sei die „periodische Überprüfung“ der Regeln mit Blick auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse geplant. Gefragt, wie das Programm umgesetzt werden soll in Ländern, in denen die finanziellen Ressourcen nicht wie in Europa oder Nordamerika seien, verwies Kirsty Coventry auf ein anderes Beispiel: „Das ist wie Anti-Doping. Man kann das hinbekommen.“ In Frankreich sind Tests auf das SRY-Gen zur Geschlechtsbestimmung verboten, sofern nicht zwingende Gründe vorliegen. Die Geschlechtereinteilung zu Sportwettkämpfen gehört nicht dazu.
