Es sei ein Berg, den wir alle besteigen müssten. Wenn wir es getan haben, so verspricht die Medizinethikerin Alena Buyx, trete Erleichterung ein. Der Berg – das sind die Fragen des Alterns und Sterbens. Niemand beschäftige sich gerne mit seinem eigenen Niedergang, doch es seien eben auch Fragen des Lebens. Diesen sollten wir uns besser früher als später stellen, sagte Buyx im Gespräch mit der F.A.Z.-Journalistin und Medizinerin Lucia Schmidt beim Frankfurter Allgemeinen Bürgergespräch, das am Montag in der Evangelischen Akademie stattgefunden hat. Anwesende und Zuschauer im Livestream widmeten sich gemeinsam mit Buyx und Schmidt der Frage: „Wie wollen wir einmal gepflegt werden?“ Professorin Alena Buyx, 48 Jahre alt, ist Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technischen Universität München. Sie studierte sowohl Medizin und Gesundheitswissenschaften als auch Philosophie und Soziologie in Münster, York und London. Von 2020 bis 2024 war sie Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. 2025 erschien ihr Buch „Leben und Sterben: Die großen Fragen ethisch entscheiden“ im S. Fischer Verlag. Eine erste große Frage stellt Buyx dem Publikum gleich zu Beginn. Es sei eine, die sie seit 20 Jahren formuliere und auch ihren Studierenden stelle, sagt sie, ihrer eigenen Familie und an diesem Montag eben auch den Besuchern dieser Veranstaltung: „Wie wollen Sie gerne sterben?“ Seit 20 Jahren bekomme sie die gleichen Antworten, so auch in der Evangelischen Akademie: „Schmerzfrei“, „einfach einschlafen“, „nicht alleine“, „schnell“. Noch nie habe ihr jemand geantwortet: „Ich möchte auf der Intensivstation künstlich beatmet oder in einem Heim sterben.“ Buyx macht deutlich, dass Wunsch und Wirklichkeit hier auseinanderklafften: 70 Prozent der Deutschen stürben in Einrichtungen des Gesundheitswesens, elf Prozent künstlich beatmet. „Das Pflegesystem ist nicht weitergekommen“ Wir müssten die „Ränder des Lebens“, also Krankheit und Pflegebedürftigkeit, „wieder stärker integrieren“, fordert Buyx. Der demographische Wandel zwinge uns, Pflege neu zu denken. Es brauche dringend Reformen: „Wir müssen da als Land dran, sonst killt es uns!“ Dass das System aktuell überhaupt noch funktioniere, liege vor allem daran, dass 86 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt würden. Für diese Care-Arbeit wünscht sich Buyx mehr Wertschätzung und Sichtbarkeit. Es sei ein System, „das von Frauen geschultert wird“. Das sei wohl auch der Grund – „flapsig gesagt“ –, dass es noch keine großen Reformen gegeben habe: Warum etwas ändern, das scheinbar funktioniert? Doch angesichts der alternden Gesellschaft könne es so nicht weitergehen. „Durch die Erfolge der Medizin werden wir immer älter, doch das Pflegesystem ist nicht weitergekommen“, sagt Buyx. Deutschland könne die Initiativen anderer Staaten zum Vorbild nehmen, sagt Buyx. Sie nennt neben den skandinavischen Ländern Großbritannien, wo aktuell versucht werde, im Gesundheitssystem neu zu priorisieren: Prävention vor Kuration, ambulant vor stationär, digital vor analog. In Deutschland sei man von all dem weit entfernt. Bisher habe niemand das System mit „Wumms“ versucht zu ändern, so Buyx. Wichtige Änderungen wären laut der Medizinethikerin der Abbau von Bürokratie in der Pflege und der Einsatz neuer Technologien. Künstliche Intelligenz zum Beispiel könne Pflegende bei der Dokumentation unterstützen und so zeitlich entlasten. Doch alleine könne das Gesundheitssystem die Krise ohnehin nicht lösen. Es komme auch auf jeden Einzelnen an. Jeder Tag sei ein guter Tag, um dafür Sorge zu tragen, länger gesund zu leben, so Buyx. „Pflegebedürftigkeit kann reduziert werden.“ Sieben Aspekte gehörten dazu: gesunde Ernährung, Nichtrauchen, maßvoller Alkoholkonsum, tägliche Bewegung, ausreichend Schlaf, soziale Beziehungen und die Definition eines Sinns im Leben – eine Antwort auf die Frage, warum es sich lohne, morgens aufzustehen. Wenn ein 20 Jahre alter Mensch diese Dinge beherzige, dann könne er 20 gesunde Lebensjahre gewinnen. „Selbst wenn Sie mit 60 Jahren anfangen, gewinnen Sie sechs Lebensjahre“, ermuntert Buyx die Anwesenden. „So möchte ich das verkauft haben: als Anreiz und nicht als Schuldzuweisung an diejenigen, die noch nicht so leben.“ Eigenverantwortung sieht sie aber nicht nur darin, möglichst lange gesund und gut zu leben, sondern auch darin, sich den Fragen – dem Berg – zu stellen. Konkret: Jeder solle sich um eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht kümmern. Und vor allem sei es wichtig, mit den Angehörigen über die großen Fragen zu sprechen. Buyx rät, solche Gespräche eher nebenbei zu beginnen, damit daraus gar nicht erst so ein „Riesending“ werde. Sie selbst habe ihre Schwiegermutter beim Ausräumen der Spülmaschine auf eine Patientenverfügung angesprochen, das habe dann einen Prozess angestoßen. Sich den Fragen zu stellen, die das Leben und Sterben betreffen, könne dabei helfen, sich weniger hilflos und überwältigt zu fühlen. „Wir müssen die Fragen des Sterbens ins Leben holen“, appelliert Buyx und macht damit an diesem Abend vielleicht manch einem Mut, die Abwehr zu überwinden und den Anstieg nun tatsächlich anzutreten. Ein Mitschnitt der Veranstaltung ist auf Youtube veröffentlicht.
