Mit einem „Paukenschlag“ wolle man die Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz wieder auffrischen. Das Festival „Frankfurt liest ein Buch“ widmet sich in diesem Jahr der Schriftstellerin und Lyrikerin, die mehr als 30 Jahre lang in Frankfurt lebte und bis heute zu den Literaturgrößen der Stadt gehört. Da es still um sie geworden sei, wolle man ihr nun eine Bühne geben, sagt Sabine Baumann, Vorsitzende des gleichnamigen Vereins, der das Festival organisiert. Die Stadt Frankfurt prägte das Werk der 1974 in Rom gestorbenen Schriftstellerin maßgeblich, die in diesem Jahr ihren 125. Geburtstag gefeiert hätte. Der Verleger Rainer Weiss vom Verlag Edition W hat ihre Prosa eigens für das Festival im Band „Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau“ kuratiert, der im Januar dieses Jahres erschienen ist. Die Texte stammen aus ihren Werken „Orte“ (1973) und „Tage, Tage, Jahre“ (1968). Sie beschäftigen sich mit den politischen und gesellschaftlichen Fragen, welche die Autorin in den Sechzigerjahren bewegten, allen voran dem Häuserkampf der Achtundsechzigergeneration und auch dem drohenden Verlust ihrer eigenen Wohnung. Sie bekam als erste Frau den Büchner-Preis Neben diesem Schwerpunkt prägen auch ihre Bedeutung für die Frankfurter Literaturszene und ihre Erinnerungen an die Kriegsjahre und die Nachkriegszeit die mehr als 100 Veranstaltungen des Festivals, das vom 20. April bis zum 3. Mai stattfindet. Für ihn sei Kaschnitz „nicht eine, sondern die Frankfurter Autorin“, sagt Verleger Weiss beim Stadtspaziergang im Frankfurter Westend, wo die Schriftstellerin lebte und wirkte. Geboren wurde Kaschnitz 1901 in Karlsruhe. Zunächst machte sie in Weimar eine Lehre zur Buchhändlerin. Mit ihrem Ehemann, dem Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg, reiste und lebte sie an verschiedenen Orten, unter anderem in Rom, wo sie 1974 starb. Über ihre Italienreisen wird Kaschnitz-Biographin Juliane Ziegler im Rahmen des Festivals bei der Deutsch-Italienischen Vereinigung sprechen. Doch es war vor allem die Stadt Frankfurt, die ihr literarisches Schaffen prägte. Von 1941 an lebte Kaschnitz in der Wiesenau im Westend, pflegte Freundschaften zu Paul Celan und Theodor W. Adorno, der nur wenige Straßen entfernt wohnte. Im Jahr 1955 bekam Kaschnitz als erste Frau den bedeutenden Georg-Büchner-Preis, fünf Jahre später hatte sie als zweite Frau nach Ingeborg Bachmann die Poetikdozentur an der Goethe-Universität inne. 1966 bekam sie die Goethe-Plakette der Stadt und 1968 schließlich die Ehrendoktorwürde der Universität verliehen. Wenn Bürogebäude wie „Pilzhäuser“ aus der Erde schießen Neben der Eingangstür ihres eierschalenfarbenen Wohnhauses erinnert eine schlichte Messingtafel an die ehemalige Bewohnerin. Gestiftet wurde sie nicht von der Stadt, sondern von einer privaten Initiative, wie Stadthistoriker Dieter Wesp erzählt. Im Westend, wo auch heute noch Bohren, Schlagen und Hämmern zu hören ist, sollten Anfang der Siebzigerjahre Wohnhäuser abgerissen und Bürogebäude gebaut werden. Diese beschreibt Kaschnitz in einem ihrer Texte als „Pilzhäuser“, die „aus der Erde schießen“. Als sie gesehen habe, wie Bäume im Hinterhof abgeholzt wurden, habe auch sie Angst um ihr Wohnhaus gehabt. Im Rahmen des Festivals gewährt die Goethe-Universität einen Einblick ins eigene Literaturarchiv und zeigt etwa Materialien aus dem Nachlass ihres Nachbarn in der Wiesenau, des Schriftstellers Horst Bingel. Bei weiteren Veranstaltungen kommt auch ihr ehemaliger Lektor Klaus Reichert zu Wort, ebenso wie Kulturdezernentin Ina Hartwig, die das Vorwort des neu veröffentlichten Buches verfasste und bei der Eröffnungsveranstaltung in der Deutschen Nationalbibliothek zu Gast sein wird. Der Abschlussabend in der Volksbühne am 2. Mai widmet sich dagegen unter anderem den Hörspielen der Autorin. Wie Verleger Weiss beim Stadtspaziergang erzählt, habe Kaschnitz rund 40 Hörspiele geschrieben, die in den Siebzigerjahren eine gute Einkommensquelle darstellten. Überhaupt ist die Bandbreite an Themen und Formaten beim Festival seit jeher groß. Auch in diesem Jahr gibt es Lesungen, Kunstprojekte, musikalische Abende und Stadtspaziergänge. Neu dazu kommen etwa ein Literatur-Gottesdienst in Eschborn und eine Matinee im Verlagshaus von Edition W in Neu-Isenburg. Die Veranstaltungsorte sind in ganz Frankfurt und darüber hinaus verteilt: von Niederrad und Bockenheim bis über die Stadtgrenzen hinaus nach Flörsheim und Bad Vilbel. Schüler interpretieren in szenischen Collagen Kaschnitz-Texte, und auch für Senioren gibt es Angebote, etwa eine Lesung, veranstaltet von der Senioren-Initiative Höchst. Denn die Texte von Marie Luise Kaschnitz sollen mit dem Festival neues wie altes Publikum begeistern. „Frankfurt liest ein Buch“, 20. April bis 3. Mai, weitere Informationen und Karten unter frankfurt-liest-ein-buch.de
