Boomer gegen Gen Z, Alpha versus X-Eltern: Womöglich ist noch nie so viel über Generationen und ihre Verhältnisse zueinander diskutiert worden wie jetzt. Und am besten kann man polemisch sein, wenn man möglichst wenig voneinander weiß. Für die Gen Z ändert das jetzt das Fotografie Forum Frankfurt. Mit einer riesigen Ausstellung, die in 40 Positionen die Lebenswelt, das Fühlen und die Kunst derjenigen zeigt, die zwischen 1992 und 2003 geboren wurden. „Gen Z. Shaping a New Gaze“ behauptet klugerweise nicht, einen vollständigen Über- oder Einblick zu geben. Wie sollte das auch gehen? Aber das, was die hiesigen Kuratorinnen Celina Lunsford und Andrea Horvay aus der noch deutlich größeren ursprünglichen Ausstellung des Photo Élysée in Lausanne übernommen und neu arrangiert haben, führt tief hinein in die Lebenswelten junger Leute zwischen Anfang 20 und Anfang 30, die aus allen Ecken der Welt kommen, aus Europa und den beiden Amerikas, aus Asien und Afrika. Aus mehr als 1000 Portfolios haben die ursprünglichen Kuratorinnen in Lausanne 66 ausgewählt, 40 sind nun in Frankfurt zu sehen. Gerade dieser universelle Blick auf kleinem Raum ist eine große Stärke der Ausstellung, die Fotografie in einem weiten Sinn zeigt: Es gibt Videoarbeiten, Fotobücher, Text-Bild-Collagen, inszenierte, dann fotografierte Räume, dokumentierte Körperkunst, Überschreibungen. Die Werke sind zum Teil als Plakate auf die Wand aufgezogen, und bis auf wenige Positionen sind sie auch in düsteren Studien farbig, glitzernd, bunt. Keine Welt ohne Störgefühl Wer das Fotografie Forum betritt, wird empfangen von Emma Sarpaniemi, in knallgelbem Mantelkleid vor einem rot gezeichneten Häuschen inszeniert sie „Delivering Cake to Hilma“. Das Selbstporträt, in Kombination mit Freunden und Familien, ist das Mittel der Wahl, das Accessoire, sichtbar in vielen Aufnahmen, Kabel und Schalter des Fernauslösers. Und auch wenn beinahe alle höchst individualistische Positionen behaupten, so sind doch künstlerische Vorgängerinnen auszumachen, Cindy Sherman etwa oder Nan Goldin und ein globales Gemeinsames, die Verbindung über Internet und die Schnelligkeit, mit der sich darüber Moden verbreiten. Was macht eine Generation aus? Ganz sicher die Welt und die Verhältnisse, die sie ihr bietet. Und die sind für die erste Generation vollständiger Digital Natives, ob sie in Cochabamba oder in Melbourne leben, völlig anders als für ihre Eltern und Großeltern. Die Welt ist zusammengerückt, das ja – doch das Gefühl von Fremdheit, die einen da befallen kann, wo man ohne Störgefühl einfach sein könnte, eint viele der jungen Künstler. Die einen gehen damit auf radikal subjektive, oft hochemotionale Weise um, was verstörend wirkt, etwa in der Transitionsgeschichte des jungen Niederländers Marvel Harris, der ein Fotobuch lang davon berichtet, wie extrem schwer es sei, diese so äußerst intime Geschichte zu teilen – aber es eben doch tut. Andere wiederum bringt dieses Störempfinden zu beinahe kulturanthropologischen und historischen Recherchen ihres Landes, ihrer Subkultur. So ist die Suche nach Zugehörigkeit wohl die Leitfrage, die in der beinahe überreichen Ausstellung heraussticht. Nicht nur, weil eines, das größte der vier Kapitel mit „Kartographie der Zugehörigkeit“ überschrieben ist. Auch die Selbstporträts und die Blicke auf politische Verhältnisse, Generationenkonflikte, Geschlecht sind immer Fragen nach dem Dazugehören, nach Kongruenz und Identität. Wo ist mein Ort? Wo ist meine Familie, meine Wahlfamilie, meine Bindung? Bin ich zu Hause und eins mit meinem Körper? Queerness, Fragen nach Geschlecht und Identität spielen bei der indischen Künstlerin Cheryl Mukherji, der Deutschamerikanerin Francesca Hummler, der Schweizerin Lorane Hochstätter, dem Vietnamesen Phuong Nguyen Le oder der aus Portugal stammenden Sara de Brito Faustino in Beziehung zu Mutter oder Vater eine große Rolle. Das wird in den Kapiteln „Hinter dem Spiegel“, „Die Sichtweise erweitern“ und „Realitäten im Wandel“ deutlich. Der indische Fotograf und Dichter Soyeohang Rai etwa erzählt in seiner Serie von traditionell genderfluiden Riten seiner dörflichen Herkunftskultur und fragt: „Bevor das Englische in unsere Dörfer eindrang, wo waren da die queeren Menschen?“ Er gelte erst als „queer“, seit der Westen in den Dörfern angekommen sei. Toma Gerzha wiederum, die 2003 geborene Russin, die in Amsterdam lebt, ist durch abgelegene Städte und Stadtränder Russlands und seiner Nachbarländer gereist. Entstanden ist dabei mit „Control Refresh“ ein kluges Fotobuch mit winzigen Texten und Porträts, Alltagsbildern, mit denen sie, entlang der Generationentheorie von William Strauss und Neil Howe, Hoch, Erwachen, Zerfall und Krise analysiert. Es ist ihre, die Generation Z, die in Osteuropa wie im Westen für die Krise steht. Mit den jungen Leuten, die sie von 2021 bis 2023 porträtierte, habe sie unmerklich eine „Zeitkapsel“ geschaffen, schreibt Gerzha, von einem Land, das sich im Kriegszustand mehr und mehr abkapselt. Krieg ist eine jener „Realitäten im Wandel“, die in etlichen Arbeiten eine Rolle spielt, auf geradezu verblüffende Weise abwesend jedoch ist die Frage nach Umwelt und Klimawandel. Auch Natur spielt kaum eine Rolle, die Ausnahme bilden die beiden Französinnen Alice Pallot, die eine post- oder transhumane Welt imaginiert, und Chloé Azzopardi, die Objekte aus Naturmaterialien in ihren Fotografien nutzt. Die Ausstellung, erläutert Julie Dayer, die schon bei Photo Elysée zum Kuratorinnenteam gehörte, war ausdrücklich nicht als eine über die Gen Z, sondern mit ihr gedacht. Das schlägt sich in dem Booklet nieder, das nun, mit je einem persönlichen Text jeder Künstlerin und jedes Künstlers, durch die Ausstellung führt. Und am Ende dürften sich viele Gespräche entspinnen, innerhalb der Alterskohorten und hoffentlich auch über diese hinweg. Dass das Fotografie Forum die Ausstellung mit zahlreichen Angeboten flankiert, schon am Eröffnungswochenende mit einem Workshop von Francesca Hummler, ist eine kluge Entscheidung. Gen Z. Shaping a New Gaze, Fotografie Forum Frankfurt, bis 30. August.
