FAZ 25.05.2026
14:30 Uhr

Ford Tourneo Custom: Fordsprung durch Taktik


Für uns ist und bleibt er der Transit. Dabei heißt er inzwischen Tourneo, den es auch als VW Transporter gibt. Ach, die Welt kann kompliziert sein. Und bis auf wenige Malaisen doch so erquicklich. Familien, Handwerker, dieser Bus ist ein Plus.

Ford Tourneo Custom: Fordsprung durch Taktik

Wie sich die Bilder doch im Kopf festsetzen. Mit dem VW Bus ist der Nachbar täglich auf die Arbeit gefahren, er, also das Auto, nicht der Nachbar, steht schon auch mal vor der Alten Oper, und in den Urlaub Richtung Norwegen oder Österreich treffen wir ihn ohnehin oft und gerne an. Mit dem Ford Transit, gern überladen bis Oberkante Unterlippe, sind die Schaffer vom Band in Köln heim in die Türkei in ihren Jahresurlaub gefahren, auch der Handwerker, jener von der hemdsärmeligeren Sorte, kam damit bei der Kundschaft vorbei. Unser weltbester polnischer Fliesen-Verputz-Farben-Alleskönner hat lange einen gehabt und jammert über seine Entscheidung, seit er ihn wegen der davongelaufenen Kosten gegen ein französisches Produkt eingetauscht hat. Nichts täte er lieber als wieder Ford fahren. Umstellung auf Elektro klappt nur halb Das will etwas heißen in Zeiten, in denen die Kerle mit der blauen Pflaume als Fallobst erscheinen. Die Umstellung auf das Elektrische klappt eher so halb, Eckpfeiler des Modellangebots sind preisgegeben, keiner scheint so recht zu wissen, wo die Reise jedenfalls in Europa hingehen soll. In diesem Moment tritt der Transit-Tourneo auf, die unübersichtliche Namenszuordnung finden wir übrigens deppert. Ohne Fenster seitlich und hinten ist der Transit ein Transit für Eimer und Palette, mit Fenstern und Sitzen ist der Transit ein Tourneo für Familie und Fußball, nicht zu vergessen jeweils inklusive Zusatz Custom, Letzterer plus Zusatzzusatz Bus. Die anderen, also die Vans, heißen Tourneo Courier oder Connect. Alles klar? In der jüngsten Auflage freilich verschieben sich die Verhältnisse, nämlich derart auf die Seite der Stärken, dass gar Volkswagen vorstellig wurde und sich für sein Transporter-Caravelle-Duo des Fords bedient. Ohne näher auf so weit unbedeutende Details markenspezifischer Kosmetik einzugehen, gilt aus dem in der Türkei produzierenden Projekt Cyclone: Wer den VW kauft, bekommt den Ford mit VW-Emblem. Wer den Ford kauft, bekommt den Ford. Und da würden wir uns aus dem im familiär orientierten Testwagen vorhandenen Fensterchen lehnen, nie war es so gut wie heute. Nicht ohne freilich hinzuzufügen, dass wir uns von VW eine unabhängigere Umdrehung mehr für das eigene Angebot wünschten, das in nächster Generation hoffentlich wieder den Geist des T6 atmen darf. Den sicht- und spürbaren Fordschritt möge das nicht schmälern. Zum Test vorstellig wurde der Tourneo Custom 340L1, womit wir uns im Fünfmeterraum bewegen. Kurzer Radstand, Höhe knapp unterhalb zwei Metern, so gelingt die Symbiose aus Packesel und Parkplatz. Front und Heck sind so typisch gestaltet, dass in den für die Erinnerung zuständigen Gehirnarealen unmittelbar der Gedanke an Ford ausgelöst wird (was übrigens dem VW wehtut), gleichwohl mit einem Geschick, das mit seinen scharfen LED in nie gekannter Manier Richtung Personenwagen leuchtet, und zwar mit glücklicher Zeichnerhand. Die Kiste sieht einfach gut aus. Gestaltung des Cockpits ist abenteuerlich Im Innenraum lässt sich leider nicht gleichermaßen frohlocken, während der Gestaltung des Cockpits muss die versammelte Mannschaft auf dem Rosenmontagszug gewesen sein. Ist die Zündung angeschaltet, erscheinen Ziffern und Grafiken auf dem, nennen wir es zuversichtlich, Display. Dann wird das Auge noch irgendwie eingefangen. Aber im Moment des Zustiegs schläft ja alles noch. Da thront also ein trister schwarzer Block, wie er plumper nicht sein könnte. Es tröstet, auf die hübschen und auch im Rahmen des Erwartbaren bequemen Plätze zu blicken, sich am formidablen Panoramadach zu erfreuen, Sitzheizung selbst an hinteren Orten zu genießen, die soliden Ablagen mit Flaschen und Krimskrams zu befüllen und überhaupt die Tiefe des Raumes auszukosten. Bank oder Sitze sind auf Schienen verschiebbar, alles prima. Der Gedanke an Solidität hat die bekannte Folge theoretisch ausbaubarer hinterer Sitze, für die in der Praxis noch immer vier Hände notwendig sind, oder man hebt sich an den kleinen Monstern einen Leistenbruch. Das kleine Klappfenster hinten in der Seite ist ein kleines Klappfenster. Für die beiden Schiebetüren gibt es aber ein doppeltes Lob. Die Materialanmutung ist oben feinerer Zwirn und unten härterer Alltag, damit kommt man klar. Es gibt Diesel-, Elektro- und Hybridantrieb, Letzteren mit stufenlosem CVT-Getriebe und Frontantrieb. Wer Allradantrieb möchte, greift zum Diesel, der freilich recht teuer daherkommt. Die Auswahl ist mannigfaltig, es sollte sich etwas finden lassen. Der Plug-in-Hybrid trumpft in der Stadt mit seinem elektrischen Wesen auf, das er unter 11 Grad Außentemperatur 36 Kilometer beibehalten hat. Daraus errechnet sich ein horrender Stromverbrauch, der Preis für das, was viele Zukunft nennen. Das pure Fahren an sich bereitet freilich jede Menge Genuss. Als Rückversicherung für die Langstrecke ist ein 2,5 Liter großer Vierzylinderbenziner an Bord, der seine Sache ordentlich macht, ohne Bäume zu entwurzeln. Souveräner läuft das Ensemble als Ensemble. Als Alleinunterhalter genehmigte sich der Verbrenner 8,3 Liter im Durchschnitt. Am meisten überrascht hat uns das Fahrwerk, das nichts mehr zu tun hat mit dem Baustellenbock früherer Tage. Die frische Konstruktion mit Einzelradaufhängung wirkt Wunder, selbst von den in Gefährten dieser Art oft gerüttelten und geschüttelten Hinterbänklern kamen wenig Beschwerden. Auch in Lenkung und Dämmung sind offenbar gute Gedanken geflossen, sodass sich der Tourneo umgänglich bewegen lässt. Die Taktik konstruktiver Hinwendung zum Personenwagen, die vor einiger Zeit auch Mercedes-Benz mit seiner V-Klasse auf den rechten Weg gebracht hat, zahlt sich aus. Es bräuchte halt eine Lösung auf preislich passablem Niveau für die, die den Laden am Laufen halten. Wobei wir, im Glauben, dass es für Aufträge auch Auftraggeber braucht, die Definition des Leistungsträgers breiter zögen als der geschätzte Herr Finanzminister. Über viele Entscheidungen von Ford schüttelt der gemeine Beobachter den Kopf. Ausgerechnet zum Bus nickt er. Wer hätte das gedacht? Topfit, der Transit. Auf Tourneo ist uns leider kein Reim eingefallen. Unser Fazit Stark: Dieses Lebenszeichen aus unerwarteter Ecke. Aber steckt nicht in uns allen ein bisschen ein Transit-Fan, selbst wenn wir eher Eintracht oder VfL als Effzeh sind?Schwach: Dass die das Cockpit am Rosenmontag aus dem Drucker haben laufen lassen.Fordwagen: Die Kooperation von VW und Ford gibt es in allen möglichen Modellen. Charakterlich überzeugend finden wir die jeweiligen Kopien nicht.