Fraport und die Deutsche Flugsicherung (DFS) wollen Abflüge in Richtung Westen künftig flexibler zwischen Nordwest-Abflugrouten und der sogenannten Südumfliegung verteilen. Ein entsprechendes Konzept wurde am Mittwoch der Fluglärmkommission vorgestellt. Grund dafür ist, dass insbesondere die Deutsche Flugsicherung davon ausgeht, dass der Flughafen bei prognostizierten 560.000 Flugbewegungen im Jahr 2033 mit der jetzigen Routenplanung aus Sicherheitsgründen an seine Kapazitätsgrenzen stößt. Um dies zu vermeiden, haben Fraport und DFS ein neues Betriebskonzept erarbeitet, das in Zeiten von Verkehrsspitzen mehr startende Flugzeuge über die Nordwest-Abflugrouten führt als bislang. Das bedeutet: mehr Flugzeuge über Flörsheim und Eddersheim, weniger über Rüsselsheim und Nauheim. Es entstehen keine neuen Flugrouten. Zur Einordnung: Das Konzept soll frühestens von 2028 an, eher von 2030 an greifen und betrifft nur einen kleinen Teil der am Frankfurter Flughafen startenden Flugzeuge. Erstens werden ohnehin rund zwei Drittel der Starts unabhängig von der Betriebsrichtung, die sich am Wind orientiert, über die Startbahn West abgewickelt, die Maschinen starten dann in Richtung Süden oder Südosten. Zweitens starten von dem letzten Drittel der Flugzeuge, das von der Centerbahn der beiden in östlicher oder westlicher Richtung liegenden Parallelbahnen abhebt, nur knapp 75 Prozent in Flugrichtung Eddersheim und Flörsheim. Flörsheim mit ein bis zwei Überflügen mehr je Stunde Um diese 75 Prozent von gut 33 Prozent geht es, und dann auch nur in den Zeiten von Verkehrsspitzen. Dafür prüft die Flugsicherung jede Stunde, wie hoch die Abflugnachfrage auf der Centerbahn ist. Ist sie hoch, werden Flugzeuge über den Nordwesten geleitet, ist sie niedrig, steht die Weiche auf Südwest, heißt es vom Flughafenbetreiber Fraport. Weniger als zehn Prozent der Flugbewegungen sollen demnach von dem neuen Betriebskonzept betroffen sein. Der Vorstandsvorsitzende Schulte spricht von ein bis zwei Starts mehr je Stunde über die Nordwestrouten. Gegenüber dem im Sommer vergangenen Jahres vorgestellten Konzept gibt es nach Gesprächen zwischen der Fluglärmkommission, der Flugsicherung, der Fraport und der Fluglärmschutzbeauftragten im Wirtschaftsministerium, Regine Barth, nun drei Neuerungen: Erstens sollen zweistrahlige Langstreckenflugzeuge in verkehrsarmen Zeiten testweise häufiger die Südumfliegung nutzen, um den Nordwesten zu entlasten. Zweitens werden die besonders lauten vierstrahligen Heavies umverteilt: zwei Drittel jener Starts, die bislang über den Nordwesten vorgesehen waren, sollen demnach auf andere Strecken wechseln, was vor allem Hochheim und Flörsheim bei den sehr lauten Fliegern entlasten soll. Die Kapazität soll langfristig also erhöht werden, bei insgesamt gleichbleibender Lärmverteilung in der Region. Diese verschiebt sich allerdings regional. Entlastet werden demnach insbesondere Rüsselsheim und Nauheim, die vom Lärm aus der Südumfliegung betroffen sind, während die ohnehin schon stark von Landungen bei Betriebsrichtung Ost betroffenen Kommunen Flörsheim sowie der Hattersheimer Ortsteil Eddersheim häufiger betroffen sein werden. Für Mainz und Wiesbaden sieht das Konzept „keine relevante zusätzliche Belastung“, wie es heißt. Nordwestroute soll bis sechs Uhr nicht genutzt werden Drittens wird das neue Flugverfahren durch ein Lärmschutzprogramm der Fraport begleitet, das über das gesetzliche Maß hinausgeht: baulicher Schallschutz inklusive eines freiwilligen Zusatzprogramms samt Kostenerstattung der erforderlichen Schallschutzbaumaßnahmen im stärker betroffenen Gebiet Flörsheim und Hattersheim-Eddersheim. Überdies soll regulatorisch verankert werden, die Nordwestroute beim Start bis sechs Uhr morgens nicht zu nutzen, bis sieben Uhr soll die Route nur in Ausnahmefällen genutzt werden. Die Weichenstellung ist auch eine Reaktion auf veränderte Rahmenbedingungen: Nach einer „schweren Störung“ im Dezember 2011, bei der sich auf den beiden Parallelbahnen ein eigentlich landendes Flugzeug, das wieder durchstarten musste, und ein regulär startendes Flugzeug gefährlich nahe gekommen waren, hat man festgestellt, dass die Starts von der Centerbahn auf die Südumfliegung einen größeren Abstand zwischen den Landungen auf der Südbahn erzwingen als ursprünglich geplant. Zugleich bieten die Nordwestrouten dank moderner Navigation mehr Kapazität als vor fast zwei Jahrzehnten angenommen. Die Fluglärmkommission hat zu den nun vorgestellten Plänen, die seit der ersten Vorstellung im vergangenen Sommer stetig überarbeitet wurden, bislang keine Stellung bezogen. Ihr Vorsitzender, der Offenbacher Stadtrat Paul-Gerhard Weiß, sagte, die Luftverkehrswirtschaft habe in besagter Arbeitsgruppe zwar die „betrieblichen Herausforderungen bei steigendem Verkehrsaufkommen detailliert erläutert“. Die Ergebnisse der Lärmprüfung seien der Kommission aber erst am Mittwoch vorgelegt worden. Eine Bewertung dieser hat die Kommission für den 10. Juni angekündigt. Zuvor hatte das Gremium moniert, dass das neue Betriebskonzept den Planfeststellungsbeschluss verletze, der festschreibe, dass nur 1,5 Prozent der Abflüge über die Nordwestroute erfolgen dürften. Tatsächlich seien es etwa zehn Prozent. Moritz Maus, Referatsleiter „Luftverkehr – Genehmigung und Planfeststellung“ im Wirtschaftsministerium, widersprach am Mittwoch: Die Frage sei vielmehr, wie es um den sogenannten Auflagenvorbehalt stehe: Dieser regelt die Möglichkeit von Behörden, bei Veränderungen des Lärms nachträglich Beschränkungen oder Lärmschutzvorkehrungen anzuordnen. Weil aber der ursprüngliche Beschluss aus dem Jahr 2007 auf Basis einer Verkehrsprognose von 701.000 Flugbewegungen im Jahr erteilt worden sei, seien angesichts der in der aktuellen Prognose angenommenen 560.000 Flugbewegungen im Jahr 2033 auch bei Routenänderungen keine weiteren Schutzauflagen notwendig. Sollten die Starts und Landungen künftig deutlich mehr als angenommen zunehmen, müsse entsprechend nachgebessert werden. Noch ist das Konzept nicht beschlossen. Nach der Sondersitzung der Fluglärmkommission am 10. Juni stellt die Flugsicherung die Unterlagen zusammen und leitet sie an das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung weiter, das die Regeln in Bundesverordnungen gießen soll. Dieser Prozess kann noch einige Monate dauern. Die eingerichtete Arbeitsgruppe zwischen Kommission, Fraport, Ministerium und Flugsicherung soll fortgeführt werden. Parallel stimmt sich das Land mit dem Regierungspräsidium Darmstadt zur Neufestsetzung des Lärmschutzbereichs ab. Die Umsetzung des veränderten Betriebs soll zudem eng begleitet und überprüft werden.
