FAZ 28.03.2026
11:16 Uhr

Florian Wirtz im DFB-Team: Die Bienenkönigin mit der Einstellung einer Arbeitsbiene


Beim 4:3 in der Schweiz wird klar, dass die Deutschen lange nicht das beste Team, aber längst einen der besten Spieler haben. Florian Wirtz’ Tore und Vorlagen überdecken auch das Chaos im Schwarm.

Florian Wirtz im DFB-Team: Die Bienenkönigin mit der Einstellung einer Arbeitsbiene

Als sich die Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft in der 85. Minute um ihren Spielmacher scharten wie Bienen um ihre Königin, entstand im Stadion in Basel ein Bild, das auf den ersten Blick der Botschaft der Woche entsprach. Am Dienstag hat der Kapitän Joshua Kimmich gesagt, dass es am Ende nicht wichtig sei, den besten Kader, sondern das beste Team der Welt zu haben. Man konnte sich denken, an wen Kimmich gedacht hat: an Italien 2021, Argentinien 2022, Spanien 2024 – an die Teams, die die großen Turniere dieser Dekade gewonnen haben, weil sie wirklich wie ein Schwarm über das Feld flogen. Doch so schön das Bild seines Teams als Schwarm für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) zweieinhalb Monate vor dem Beginn der Weltmeisterschaft gewesen wäre, an diesem Abend konnte man höchstens sehen, dass er das beste Team der DACH-Region hat. Florian Wirtz ist die deutsche Bienenkönigin Mit 4:3 haben die Deutschen am Freitag gegen die Schweiz gewonnen, weil ein Einzelner in der 85. Minute seinen finalen Stich machte. Und sie dürfen deswegen doch mit einem guten Gefühl nach Stuttgart weitersausen, wo der letzte Lehrgang vor der Verkündung des WM-Kaders mit einem Spiel gegen Ghana am Montag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Länderspielen und in der ARD) endet, weil sich in dieser 85. Minute auf den zweiten Blick die eigentliche Botschaft sichtbar wurde: dass die Deutschen noch lange nicht das beste Team, aber längst einen der besten Spieler der Welt haben. Als die Spieler, die sich in der 85. Minute um ihren Spielmacher geschart hatten, wieder auf ihre Posten gingen, sah man in ihrer Mitte Florian Wirtz, der an diesem Abend die deutsche Bienenkönigin war. Zwei Tore, zwei Torvorlagen – das war der Beitrag des dauersummenden Wirtz in seinem 38. Länderspiel, das er hinterher auch als sein bisher bestes bewertete. Und es bestätigte seine Bewertung, dass man als Beobachter hinterher kaum entscheiden konnte, was eigentlich das Beste daran war. Seine Torvorlage zum 1:1 (eine Flanke auf Jonathan Tah) und sein Tor zum 4:3 (ein Schuss aus dem Stand) waren schon außergewöhnlich. Doch die Torvorlage zum 2:2 (ein Steilpass auf Serge Gnabry zwischen zwei Verteidigern hindurch) und vor allem sein Tor zum 3:2 waren so außergewöhnlich, dass man hinterher vielleicht sogar zu viel über Wirtz sprach. Doch dazu gleich. Als Wirtz in der Interviewzone auf den Treffer des Tages – er schoss den Ball vom linken Strafraumeck, von wo dieser dann ins rechte Toreck flog und auf dem Weg dorthin noch die Unterkante der Latte touchierte – angesprochen wurde, sagte er: „Wenn ich das jetzt nochmal nachstellen würde, würde es, glaube ich, nicht so einfach klappen, aber es muss ja in den wichtigen Momenten klappen und heute war es da.“ Und damit hatte Wirtz auf fast so schöne Art gesagt, was einen großen Spieler ausmacht. Im Stadion in Basel hat Florian Wirtz, 22 Jahre alt, das Fußballpublikum daran erinnert, dass er ein großer Spieler ist, wahrscheinlich sogar der größte, den es in Deutschland gerade gibt. Und auch wenn das vermutlich keiner vergessen hat, mussten manche erinnert werden, weil Nachrichten von Wirtz-Toren und Wirtz-Torvorlagen nach seinem Wechsel zu Liverpool zunächst so oft vorkamen wie früher Titelfeiern in Leverkusen. Als der Bundestrainer am späten Freitagabend über das Spiel und damit auch über Wirtz sprach, hörte er sich aber nicht wie einer an, der erinnert werden musste. Er sagte, dass Wirtz auch in Liverpool von Anfang an „super Quoten“ gehabt habe, was Torschussvorlagen angehe. Und er sagte, ohne ins Detail zu gehen, dass Wirtz und er in dieser Phase noch enger zueinander gefunden und viele Gespräche geführt hätten, in denen dieser sich noch mehr geöffnet habe. Doch das Außergewöhnliche an Wirtz sei, dass dieser als Spielmacher „so viel renne“ und „so viel ackere“. Man könnte das auch so sagen: Das Außergewöhnliche an Florian Wirtz ist, dass er selbst jetzt, da er eine Bienenkönigin ist, mit der Einstellung einer gewöhnlichen Arbeitsbiene spielt. Doch gerade weil Wirtz so außergewöhnlich war, sollte man nach diesem Abend noch kurz über das Chaos sprechen, das selbst mit einer anwesenden Bienenkönigin im deutschen Schwarm ausgebrochen ist. Über die Anfälligkeiten in der Abwehr und im Mittelfeld. Über die Fehlpässe von Nico Schlotterbeck und die fehlenden Defensivzweikämpfe von Angelo Stiller und Leon Goretzka. Über die Chancen, die Kai Havertz vergeben hat (auch wenn man dazusagen muss, dass es sein erstes Länderspiel seit November 2024 war). Und darüber, dass die Schweiz schon nach der ersten Halbzeit, als es 2:2 stand, vier Spieler ausgewechselt hat, darunter Granit Xhaka, den Kapitän. Als Wirtz in der 85. Minute das 4:3 schoss, hatte die Schweiz sogar nur einen Spieler nicht ausgewechselt: Torhüter Gregor Kobel. Als im Stadion in Basel dann nach dem Gasttrainer Julian Nagelsmann auch der Heimtrainer Murat Yakin das Spiel analysierte, ging es aber auch schon wieder um Wirtz. Es seien nicht nur die Tore und die Torvorlagen, sagte Yakin, sondern „sein Spielwitz, seine Bewegungen, seine Positionierung“. Auch das sollte nochmal gesagt werden: Jede Aktion, die Wirtz macht, und sei es ein Dribbling, ist eine Aktion für sein Team. Das unterscheidet ihn von vielen anderen, auch von Jamal Musiala. Am Ende ist Yakin von einem Schweizer Reporter folgende Frage gestellt worden: Wer wird der Florian Wirtz der Schweiz? Und spätestens als der Trainer keine gute Antwort fand, wurde nochmal klar, warum die Schweiz bei der WM anders als Deutschland eigentlich keine Chance hat, das beste Team der Welt zu werden. Weil sie keinen Spieler wie Florian Wirtz hat.