FAZ 30.09.2026
11:50 Uhr

Film „Naza“: Und dafür gibt es Applaus?


Der Film „Naza“, der einen israelischen Völkermord in Gaza dokumentieren will, wurde in Venedig gefeiert. Wofür? Er arbeitet suggestiv und könnte zur Verlängerung der Lage beitragen, die er kritisiert.

Film „Naza“: Und dafür gibt es Applaus?

25 Minuten Applaus müssen sich anfühlen wie eine halbe Ewigkeit. Was bringt ein Publikum dazu, 25 Minuten zu stehen und in die Hände zu klatschen, was muss ein Dokumentarfilm leisten, um sich das zu verdienen? Mit solchem Applaus wurde der Dokumentarfilm „Naza“ der israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor bei den Filmfestspielen in Venedig bedacht. In ihm berichten 24 ehemalige israelische Geheimdienstoffiziere und Soldaten des israelischen Militärs (IDF) anonym und verfremdet von einer weitgehend automatisierten Auswahl von Zielen in Gaza mithilfe KI-gestützter Systeme, die den Prozess beschleunigten und dabei eine hohe Zahl ziviler Opfer systematisch in Kauf nähmen. Fehlentscheidungen inklusive. Dem Film wurde der Spezialpreis der Jury zugesprochen. Seitdem ist eine internationale Debatte um „Naza“ und seine Darstellung des israelischen Vorgehens in Gaza aufgekommen. „Monumental“ befand die spanische Zeitung „El Mundo“ den Film; er sei einer der wichtigsten Filme unserer Zeit, meinte das „New York Magazine“, während er in Israel mittlerweile als eine Art Sicherheitsrisiko eingestuft wird. „Naza“ ist die Abkürzung des israelischen Militärs für „nezek agavi“, hebräisch für Kollateralschaden. Als solche werden Menschen bezeichnet, die bei einem Angriff auf ein bestimmtes Ziel oder eine bestimmte Zielperson mit in den Tod gerissen werden. 20 Naza sei ein typischer Richtwert, berichtet einer der im Film interviewten Militärs. Ein anderer sagt, die höchste genehmigte Zahl, an die er sich erinnere, sei 500. Die IDF wies diese Zahl als „völlig falsch“ zurück. Ebenso die Aussage, die KI treffe selbständig Entscheidungen über Ziele und Angriffe. Die Frage ist: unbeabsichtigt oder beabsichtigt? Die zentrale Frage jedoch ist, ob die so genannten Kollateralschäden unbeabsichtigt oder beabsichtigt geschehen. Die Regisseure des Dokumentarfilms gehen von Letzterem aus. „Verleugnung und Ignoranz dauern an, während nur 60 Kilometer entfernt systematische Tötungen und ein Genozid fortbestehen“, sagte Yuval Abraham kürzlich gegenüber „El País“. Verleugnung und Ignoranz – das mag auf einen großen Teil der israelischen Gesellschaft durchaus zutreffen. Auch die Zahl derjenigen, die den Krieg noch immer als gerecht oder alternativlos einstufen, ist nicht gerade gering. Laut dem Israel Democracy Institute wünschten sich im September 2025 immerhin 66 Prozent der Israelis ein Ende des Krieges, während es 2024 noch 53 Prozent waren. Zugleich stieg unter jüdischen Israelis laut dem Jewish People Policy Institute die Zustimmung zu einer vollständigen Besatzung Gazas gegenüber dem Vorjahr um neun Prozentpunkte auf 36 Prozent. 72 Prozent lehnten einen vollständigen Rückzug ohne Sicherheitszone ab. Die Unterstützung für bestimmte Kriegsziele und der Wunsch nach einem Kriegsende können also gleichzeitig existieren. Die Aussage jedoch, Israel habe in Gaza einen Genozid begangen, wiesen im vergangenen Juli 78 Prozent der jüdischen Israelis zurück. Die Regisseure und einige ihrer Interviewpartner sind anderer Meinung: Sie gehen unzweifelhaft von einem Genozid aus; Teile des begeisterten Publikums stilisieren den Film gar zum Beweismittel für einen solchen hoch. Yuval Abrahams Behauptungen sind allerdings schon einmal nicht ganz aufgegangen. In der britischen Zeitung „Guardian“, die den Film mitproduziert hat, behauptete er im August 2025, dass 83 Prozent der Opfer im Gazastreifen Zivilisten seien – was selbst im Vergleich zu Bürgerkriegen eine extrem hohe Zahl sei. Zu den 83 Prozent wurden allerdings auch Hamas-Mitglieder gezählt, die nicht namentlich bekannt waren und somit als Zivilisten galten. Das heißt natürlich nicht, dass andererseits die israelische Regierung recht hat, wenn sie behauptet, in Gaza gebe es keine Zivilisten. Das Ausmaß der Zerstörung ist tatsächlich obszön Das Ausmaß der Zerstörung in Gaza ist obszön. Nicht nur angesichts dieses Ausmaßes muss man von Kriegsverbrechen ausgehen. Das Aushungern der Zivilbevölkerung, vorsätzlicher Mord, rechtswidrige beziehungsweise zwangsweise Vertreibung, unmenschliche Behandlung und Angriffe unter Missachtung der Verhältnismäßigkeit – all das lässt sich mit ziemlicher Sicherheit belegen. Was die vorsätzlichen Angriffe auf zivile Objekte angeht, ist die Beurteilung schwieriger. Israel hat immer wieder bewiesen, wie hochpräzise es geheimdienstliche und militärische Operationen durchführen kann, die zivilen Verluste im Verhältnis zur Zahl der Angriffe waren beispielsweise in Syrien relativ niedrig. Gleichzeitig hat man es bei der Hamas mit einem Gegner zu tun, der, wie vielfach dokumentiert, seine militärische Infrastruktur bewusst in dicht besiedelten zivilen Umgebungen unterhält und damit Kollateralschäden in Kauf nimmt oder gar provoziert. Denn was ist der Hamas schon die eigene Bevölkerung wert, wenn man dafür die internationale Ächtung Israels ein Stück weiter vorantreiben kann. Dass Israel es mit einem solchen Gegner zu tun hat, ist allerdings nicht Teil der Reflexion des Films. Wie überhaupt an keiner Stelle eine Einordnung erfolgt. Es liegt in der Natur der Sache, dass sich die Aussagen von Whistleblowern nicht vollständig überprüfen lassen. In Zweifel ziehen lassen sie sich dennoch. So etwa die Aussage eines ehemaligen Militärs im Film über das gezielte Töten von Palästinensern durch israelische Scharfschützen an Essensausgabestellen. Zwar sind mehrere entsprechende Vorfälle dokumentiert; doch unklar bleibt, auf welches Ereignis sich die Aussage bezieht. Außerhalb des Films gibt es widersprüchliche Berichte darüber, wer das Feuer jeweils eröffnete und ob neben israelischen Truppen auch palästinensische bewaffnete Gruppen Schüsse abgaben. Angesichts des Elends und der Vertreibung in Gaza sowie der unzweifelhaft genozidalen Aussagen einiger israelischer Minister mögen solche Details nichtig erscheinen; für eine sachlich richtige Beurteilung dieses Krieges und seine Folgen sind sie es nicht. Die Filmemacher verfolgen jedoch ein anderes Ziel. „Dass das Leben in Tel Aviv weitergeht, als würde nichts geschehen, ist ebenfalls ein Akt der Gewalt“, meint Abraham. Seine Übersetzung dieser Sicht in Bilder ist eindrücklich genug: Während der Interviews mit den Whistleblowern über den Dächern von Tel Aviv zoomt die Kamera immer wieder in die beleuchteten Wohnungen moderner Hochhausfassaden, in denen Menschen aus der oberen Mittelschicht Nachrichten schauen, essen, lesen oder zu Bett gehen. Sie kochen oder wischen den Tisch ab, während die Whistleblower im Film von Erschießungen an Essensausgabestellen berichten oder von Hunden, die in Gaza die Leichen fressen. Ein Paar fährt im gläsernen Fassadenaufzug des Kempinski-Hotels nach oben. Fast wirken sie wie mögliche Zielpersonen. Später folgt der Hinweis, dass sich das Hauptquartier der israelischen Streitkräfte mitten in Tel Aviv befindet. Ist das als Gegenbild zu den Menschen in Gaza gemeint, deren Telefone das israelische Militär unter anderem dazu überwacht, um mutmaßliche Zielpersonen aufzuspüren, ihre Aufenthaltsorte zu bestimmen und sie anzugreifen? Das dürfte im Sinne weiterer Affektmobilisierung sein Angesichts weiterer Parallelisierungen drängt sich dieser Gedanke auf. Er habe die Nazis als das pure Böse gesehen – was sei dann er selbst?, fragt ein Whistleblower. Später wird eine Straßenszene am Yom HaShoah eingeblendet, dem israelischen Gedenktag für die Opfer des Holocaust, an dem das öffentliche Leben für einige Minuten innehält. Man stelle sich dieselben Fragen, die einst die Großeltern sich stellten. Dann fällt im Zusammenhang mit dem Töten in Gaza der Begriff „Fabrik“ – eine weitere Parallelisierung, die zwar ganz im Sinne maximaler Affektmobilisierung sein dürfte, zugleich aber eine wohl kaum beabsichtigte Nähe zu Netanjahu herstellt, der die Schoa und das fabrikmäßige Töten, das sie kennzeichnet, seinerseits auch gerne für seine politischen Zwecke zu nutzen versteht. Womit man gleich zum nächsten Paradoxon übergehen kann, denn gerade deutet einiges darauf hin, dass Netanjahu den Film eher für sich nutzen kann, als dass er ihm schadet, und die Regierung so ein weiteres Mal politische Gegner als gefährliche Landesverräter stigmatisiert. Wie sehr Teile der Bevölkerung längst in die rechtsradikale Menschenverachtung eines Ben Gvir abgedriftet sind, bewies auch der Mob, darunter Mitarbeiter des Ministers für Nationale Sicherheit, der sich Mitte September vor dem Elternhaus der Ko-Regisseurin Rachel Szor versammelte und dazu aufrief, es niederzubrennen. Bei aller notwendigen Kritik an diesem Film, der mit Bildern der Beine toter, verschütteter Kinder in Gaza endet und äußerst suggestiv, vielleicht sogar manipulativ vorgeht, bleibt dennoch richtig, was jüngst ein Vorstandsmitglied der Israel-America Chamber of Commerce in der „Jerusalem Post“ schrieb: „Ein voreingenommener Film, der Israel kritisiert, ist bei Weitem nicht so gefährlich wie eine Gesellschaft, die die Führung wiederwählen wird, die sie am 7. Oktober im Stich gelassen hat.“ Es steht zu befürchten, dass genau das geschehen und dass der Film das Seine dazu beigetragen haben wird.