Die erste Einstellung definiert das Wort „Tha’r“, arabisch für Blutrache. Es ist bezeichnend, dass die fünfte Staffel von „Fauda“ mit dem arabischen Begriff beginnt: „Tha’r“ meint im vollumfänglichen, traditionellen Sinn Vergeltung für den Tod eines Angehörigen. Archaisch anmutende Vorstellungen von Familie und Ehre schwingen also mit, ebenso die Vorstellung eines fortgesetzten Kreislaufs der Vergeltung. Dass „Fauda“ dann mit dem Beduinen Salem einsetzt, der den Tod seines Sohnes Yussuf rächen will, könnte den Gedanken nahelegen, Rache werde hier kulturell recht eindeutig verortet. Doch so einfach ist es nicht. Die Rache greift auf die anderen Figuren über, bestimmt ihre Beziehungen und macht aus einem nur vordergründig kulturell spezifischen Motiv eine gemeinsame Dynamik der Gewalt. Gleichzeitig ist der muslimische Salem auch ein Hinweis darauf, dass die Barbaren des 7. Oktober in ihrem Tötungswahn nicht zwischen Herkunft oder Glaube unterschieden, sondern nur zwischen diesseits und jenseits des Grenzzaunes. Die fünfte Staffel von „Fauda“ spielt zwei Jahre nach dem „Schwarzen Schabbat“, jenem 7. Oktober 2023, und die Helden der fiktiven Undercovereinheit des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Bet sind kaum wiederzuerkennen. Als Mista'aravim-Soldaten (wörtlich etwa „die sich unter Araber mischen“), deren reale Ursprünge bis in die Zeit vor die israelische Staatsgründung zurückreichen, operieren Doron Kavillio und sein Team normalerweise verdeckt in palästinensischen Gebieten – meist im Westjordanland. Die Handlung der dritten „Fauda“-Staffel spielte 2019 sogar in Gaza, was bemerkenswert war, weil außerhalb der Fiktion die dauerhafte Militärpräsenz im Gazastreifen mit dem israelischen Abzug von 2005 geendet hatte. Undercover-Gruppen wie in „Fauda“ existieren in Israel bis heute, allen voran die Duvdevan-Einheit, aus ihnen speist sich die Faszination für die Serie. Fiktion wurde Realität Der Erfolg von „Fauda“ war von Anfang an überwältigend. Nicht nur in Israel und Europa, sondern auch in der arabischen Welt – ungeachtet ihrer israelischen Perspektive auf den Nahostkonflikt. Denn trotz aller Haudrauf-Logik und der sich immer wiederholenden Dramaturgie aus Eskalation, Enttarnung und heldenhafter Chuzpe, hat die Serie die palästinensischen Figuren nicht ausschließlich als eindimensionale Schurken und Terroristen vorgeführt. In der linksliberalen Zeitung „Haaretz“ kommentierte gar ein Kritiker, mit „Fauda“ habe das israelische Fernsehen erstmals einen palästinensischen Gegner als Menschen mit Motiven und Gefühlen wahrgenommen. Andere konnten dennoch nur antipalästinensische Hetze in „Fauda“ erkennen, die den Alltag unter der Besatzung ausblende. Und manche wollten in den Machern gar Seher erkennen: Die Idee für die fünfte Staffel war bereits vor dem Oktober 2023 ein Hamas-Grenzdurchbruch. Ko-Produzent Avi Issacharoff erschien ein solches Szenario damals allerdings nicht realistisch genug. Doch dann kam der 7. Oktober und mit ihm das größte vernichtungsantisemitische Pogrom an Juden seit der Schoa. Das unrealistische Szenario wurde Realität, als mehrere Tausend Hamas-Kämpfer und Zivilisten aus Gaza in den Süden Israels eindrangen, etwa 1200 Menschen töteten und ein unfassbares Ausmaß an sexueller Gewalt und Sadismus ausübten. Es folgten Relativierungen, Leugnung und ein weltweit anschwellender Antisemitismus, noch bevor man den Israelis Kriegsverbrechen im Gazakrieg vorwerfen konnte. Wer sollte das alles verstehen, und wie sollte sich etwas so Unwahrscheinliches in einer fiktiven „Fauda“-Logik inszenieren lassen, noch dazu unter Berücksichtigung des kollektiven Traumas? „Fauda“ hat eine gute Lösung dafür gefunden, obwohl diese Staffel hinter den früheren zurückbleibt und in den ersten drei Folgen deutliche Anlaufschwierigkeiten hat. In den Episoden sieben und acht werden die Ereignisse des 7. Oktober dargestellt. Die Szenen sind kaum zu ertragen, und es wundert nicht, dass ihnen eine eindringliche Triggerwarnung vorangestellt ist. „Ich weiß nicht, ob ich sie retten konnte“ Der unberechenbar waghalsige Doron – verkörpert von Lior Raz, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat – leidet seit dem „Schwarzen Schabbat“ an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er und sein Team, inklusive Captain Gabi Ayub, hatten den Shin Bet bereits einige Zeit vor diesem Tag verlassen. Am Morgen des 7. Oktober hatte er sich dennoch mit seinem ehemaligen Kollegen Steve auf den Weg in einen Kibbuz im Süden Israels gemacht, um die Familie seines einstigen Vorgesetzten und Freundes Eli zu retten. Seit diesem Tag fehlen Doron acht Stunden seiner Erinnerung. Wie viele hat er damals unterwegs gerettet? Da war das Mädchen im roten Kleid auf dem Gelände des Musikfestivals. „Ich weiß nicht, ob ich sie retten konnte“, sagt Doron verzweifelt zu seiner Therapeutin. Auch Steve ist nach diesem Tag nicht mehr derselbe. „Ich habe Dinge gesehen, die werde ich nie wieder los“, sagt er. Am schlimmsten hat es Eli getroffen. Seine Frau und seine beiden Kinder wurden von Hamas-Terroristen in ihrem Haus getötet. Und so macht Eli sich mit dem Beduinen Salem, der den Mörder seines Sohnes Yussuf finden will, auf den Weg nach Marseille. Wie andere Terroristen des 7. Oktober hat Yussufs Mörder in Marseille Asyl erhalten, nachdem er als Verwundeter getarnt über Rafah aus Gaza geflohen war. In Marseille operiert er weiterhin, getarnt in einem Gemeindezentrum, in einer Nukhba-Zelle, die einen erneuten großen Anschlag auf Israel vorbereitet. Eli gerät in Marseille immer tiefer in einen Sog aus Schmerz und Rache, während das alte Team ihm hinterher nach Europa zu Hilfe eilt – mit Ausnahme von Nurit und Sagi. Idan Amedi, der Letzteren spielt, wurde als Soldat in Gaza verletzt und tritt deshalb nur wenige Minuten auf. So sind sie also fast alle wieder im Dienst und versuchen, den geplanten Anschlag zu verhindern. Bereits in der vierten Staffel, an deren Ende offenblieb, wie viele einen Einsatz in Dschenin überleben würden, führte die Spur das Team nach Europa, wo es Hizbullah-Terroristen im migrantisch geprägten Brüsseler Stadtteil Molenbeek aufspürte. Nun also erneut Europa – und wer die Debatten in den politischen Kreisen in Israel ein bisschen kennt, kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass man die Europäer als Partner im Kampf gegen den Islamismus längst abgeschrieben hat. „Fauda“ lässt sich zur Illustration dessen unmissverständlich einen korrupten französischen Polizisten einfallen, der die Hamas-Leute deckt, sowie diverse naive, junge Menschen, die bereit sind, für ein freies Palästina in den Tod zu ziehen. Darunter die französische Schauspielerin Mélanie Laurent als Anne Aubert, die sich in einen Hamas-Kämpfer verliebt hat und sich schnell radikalisiert. Sie ist eine zentrale Figur für die Verwicklungen und widersprüchlichen Konstellationen, die sich aus dem Rache-Motiv ergeben. „Postkoloniale Schuldkomplexe“ treiben sie an, vermutet Doron, und Captain Ayub fragt Anne: „Helfen Sie mir, etwas zu verstehen, das keinen Sinn ergibt. Was bringt jemanden wie Sie, eine katholische Französin aus der gehobenen Mittelschicht, dazu, nach Israel zu kommen, um einen Selbstmordanschlag zu verüben?“ Man kann diese Konstellation etwas plump finden oder aber festhalten, dass die Erfahrungen mit Islamismus und Terrorismus in Israel nun einmal andere sind als in Europa. Dennoch zeigen sich gerade hier die Schwächen der neuen Staffel: in schlecht gemachten Demonstrationsszenen, klischeehaft dargestellten Franzosen und einer schließlich doch etwas zu einfach gezeichneten Anne Aubert. Das größte Sicherheitsversagen Bemerkenswert ist, dass sich nun zum wiederholten Mal die Europäer angesprochen fühlen dürfen. Und die innenpolitische Lage in Israel? Wird auch sie thematisiert? Die Serie bleibt zurückhaltend – ebenso, was die Lage in Gaza betrifft. Wie in der Realität auch räumen die Figuren beim Shin Bet erhebliche Fehler ein. Shin-Bet-Offizierin Dana, die in dieser Staffel nicht so herausragend ist wie in der vorherigen, sagt: „Ich hätte es doch kommen sehen müssen.“ Woraufhin ihre Vorgesetzte antwortet: „Ein ganzes Land hat es nicht kommen sehen. Glaubst du, nur du schleppst diese ganze Last aus Versagen und Schuld mit dir herum?“ Der schwer traumatisierte Eli kann seinen Ex-Arbeitgeber hingegen nur noch mit einem Satz kommentieren: „Scheiß auf den Apparat.“ Während die Serie ebenso wie das reale Land versucht, die psychologischen Folgen nicht nur der grenzenlosen terroristischen Niedertracht, sondern auch des größten israelischen Sicherheitsversagens und der eigenen Schutzlosigkeit zu verarbeiten und der reale Shin Bet sowie die Armee längst Untersuchungskommissionen zu ihrem Versagen am 7. Oktober eingerichtet haben, weigert sich Ministerpräsident Netanyahu bis heute, eine solche Kommission einzusetzen. Die neuesten Hinweise über eine konkrete Warnung von Scheich Mohammed bin Zayed (VAE) vor einer Hamas-Operation, die Netanyahu zehn Tage vor dem 7. Oktober erreicht haben soll, machen die Frage, wer was wusste und aus Überheblichkeit ignorierte, umso virulenter. Diese Spiegelung zwischen Fiktion und politischer Realität ist es, die „Fauda“ von Anfang an so interessant und einzigartig gemacht hat. Nun erzählt die Serie den „Schwarzen Schabbat“ als Trauma, dessen Folgen die Figuren nicht loslassen. Und dessen Versuchung zur Rache sie nicht erlöst.
