FAZ 07.05.2026
14:49 Uhr

Fans von Videospielen: Nintendo hat bei ihnen einen fürchterlichen Ruf


Wenn in Videospielen Inhalte fehlen, die von den Fans gewünscht werden, nimmt die Modding-Community die Ergänzungen selbst in die Hand. Was motiviert die digitalen Jäger und Bastler bei ihrem Tun?

Fans von Videospielen: Nintendo hat bei ihnen einen fürchterlichen Ruf

Setzt der Autor einen Punkt an das Ende seines Buches, ist es vorerst beendet. Natürlich lesen und ändern Lektorat und Verlag, doch der Korpus steht. Gleiches gilt für den Film. Die Musik wird nach Feinschliff als Ganzes veröffentlicht, und auch die Zeitung auf Papier geht irgendwann in Druck. Diese Endgültigkeit gilt aber nicht für alle Medien. So werden die Inhalte von Videospielen seit Jahrzehnten und noch lange nach ihrem Erscheinen verändert, erweitert und auf den Kopf gestellt. Doch die dahinterstehende Community programmiert aus reiner Leidenschaft und hat nicht nur mit der Juristerei zu kämpfen, sondern auch mit den eigenen Finanzen. Ein solcher Eingriff vonseiten der Fans nennt sich „Modding“, angelehnt an das englische „modification“ und oft nur als „Mod“ abgekürzt. Die Modifikationen selbst können dabei nahezu jede Form annehmen. Wenn Spieler zum Beispiel einen bestimmten Gegenstand haben wollen, der nicht im Spiel enthalten ist, müssen sie selbst dafür sorgen. Das können Waffen oder Rüstungen sein, Vehikel oder neue Mechaniken. Seltener sind „Total Conversions“, also die grundlegende Neugestaltung eines Spiels. Dafür wird auf dem Quellcode aufgebaut, dem technischen Grundgerüst des jeweiligen Titels, dem sukzessive neue Bausteine hinzugefügt werden. Eine, vermutlich aber die größte und am besten rezipierte Total Conversion erschien 2016 in Deutschland: „Enderal: The Shards of Order“. Nicolas Lietzau-Schreiber ist einer der Hauptentwickler und Autor der Neuinterpretation. Als Ausgangspunkt nahmen er und sein Team das Spiel „The Elder Scrolls V: Skyrim“ von 2011, einen Klassiker, der durch seine ständigen Neuauflagen vielen Spielern zum Dorn im Auge wurde. Während die zahlreichen, inhaltlich meist identischen Versionen von „Skyrim“ nichts weiter sind als ein Sophismus für das Melken einer etablierten Marke, ging „Enderal“ neue Wege. Zwar kommen Kennern der Vorlage die Animationen und Texturen bekannt vor, doch besteht der Rest des Spiels aus Neuheiten. Die Geschichte und Dialoge rund um das namensgebende Reich und eine Magie-Krankheit wurden neu geschrieben, programmiert und eingesprochen und auch die Spielwelt und Spielmechaniken sind „gemoddet“ worden. Auch ein Jahrzehnt nach Veröffentlichung gilt „Enderal“ als die unumstritten beste „Skyrim“-Mod. Eine Wertung, die gerade dann an Bedeutung gewinnt, wenn man bedenkt, dass kaum ein Spiel so beliebt in der Modding-Community ist wie dieses. „Meine Zwanziger habe ich nur an diesem Ding gearbeitet“ „Eine ,Total Conversion‘ ist im Modding die Königsdisziplin, weil wir alles bis auf das technische Grundgerüst löschen und darauf ein neues Game aufbauen“, so Lietzau-Schreiber im F.A.Z.-Gespräch. „Meine Zwanziger habe ich eigentlich nur an diesem Ding gearbeitet“, sagt er, doch hat sich die Arbeit gelohnt, war die Mod doch sein Sprungbrett in die Arbeit als Autor und Entwickler. Der Vierunddreißigjährige schreibt an dem Remake von „Gothic“, dem wohl größten Vermächtnis der deutschen Videospielindustrie. Entfernt erinnern die Neuinterpretationen an die populären Fan-Fictions aus der Belletristik, bei denen sich Fans fiktiver Werke neue Handlungsstränge ausdenken und online miteinander teilen. Wenngleich die Erotik-Bücher „50 Shades of Grey“ nicht qualitativ für diese Szene stehen sollten, begannen auch diese Geschichten als Fan-Fiction zum „Twilight“-Universum. Während die literarischen Neuerzählungen ein Einstieg in das Autorenleben sein können, fungieren die Mods als Tor in die schwer zugängliche Videospielindustrie. Lietzau-Schreiber weiß um die Fähigkeiten, die die Community mitbringt: „Ein Modder ist ein ganz spezieller Typ Mensch. In der Firma suchen wir gezielt nach Moddern, weil sie aus einer intrinsischen Motivation und in der Regel mit ziemlich viel Disziplin ein nicht kommerzielles Projekt verfolgen. Man unterschätzt, wie viel Projektmanagement und technisches Können dahinterstecken.“ Wer modden will, muss nicht über ein enormes technisches Know-how verfügen, sondern Mut haben. Denn nicht selten werden Mods gelöscht oder werden die Macher verklagt. Schließlich greift man als Modder in ein Produkt ein, obwohl man in den AGBs, den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, einwilligt, eben das zu unterlassen. „Juristisch ist das Modding eine Büchse der Pandora, die sich niemand in der Szene traut zu öffnen. Als kleiner Modder wirst du gegen Konzerne wie Microsoft und Bethesda nicht gewinnen können. Am Ende des Tages unterliegen wir der Willkür der Entwickler“, meint Lietzau-Schreiber. Auch für die kommerzielle Veröffentlichung von „Enderal“ bedurfte es der Zustimmung des Publishers. Besonders der japanische Videospielriese Nintendo, Heimat des springenden Mario und Prinzessin Zelda, sei „der Albtraum eines jeden Modders“, sagt der „Enderal“-Autor. „Sie haben zu Recht einen fürchterlichen Ruf, weil sie Modder oft drakonisch verklagen und ihre Arbeit entfernen, obwohl es bis dahin kostenloses Marketing für sie war.“ Sie merzen unbezahlt die Fehler großer Teams aus Unternehmen sind es auch, die kostenlose Mods kopieren und als Eigenleistung mit entsprechendem Preisschild ausgeben. Passiert ist das 2016 bei Bethesdas postapokalyptischem „Fallout 4“. Ein Jahr zuvor erschien unter der Leitung des belgischen Modders Guillaume Veer alias „BaronVonChateau“ die Mod „Autumn Leaves“ für das deutlich ältere „Fallout: New Vegas“. Im neueren „Fallout“ erschien daraufhin eine offizielle Erweiterung, die sehr nahe an „Autumn Leaves“ war. So etwas ist keine Seltenheit. Bei Moddern sorgt das für Unmut, schließlich werden sie nicht als Kreative genannt. Gleichzeitig können sie nicht rechtlich gegen die Unternehmen vorgehen, da sie deren Produkt verändern. Oft werden diese Produkte aber unvollständig veröffentlicht, wie im Fall des Spiels „Fallout 76“. Das funktionierte bei seiner Veröffentlichung 2018 schlichtweg nicht. Das technische Desaster wurde zuerst von privaten Moddern gerettet und erst spielbar gemacht. Wenn ein Spiel mit erheblichen technischen Mängeln erscheint, kann man sicher sein, dass die gröbsten Fehler zuerst von Moddern entdeckt und behoben werden. Daher findet sich für die meisten Spiele der letzten Jahrzehnte ein „Unofficial Update“, mit dem private Modder unbezahlt die Fehler großer Teams ausmerzen. Plattformen wie „Nexus Mods“ sind Sammelpunkt der Community. Allein auf dieser Seite zählen die rund 800.000 Mods für Tausende von Spielen über 20 Milliarden Downloads. Geld wird mit Premium-Mitgliedschaften für schnellere Downloads verdient und zum Teil an die Modder ausgeschüttet. Doch selbst mit Millionen Downloads wird das Modding kaum zum Hauptberuf. Was den Moddern bleibt, ist die Hoffnung, für ihre technische Leistung anerkannt zu werden.