FAZ 28.05.2026
07:00 Uhr

Familiencafé Stadtmäuse: „In anderen Cafés wird man blöd angeschaut, wenn die Kinder lauter sind“


Mit kleinen Kindern einen Kaffee trinken zu gehen, kann Eltern schnell Ärger vom Nebentisch einbringen. In Familiencafés ist der Nachwuchs ausdrücklich erwünscht. Trotz Eintrittsgeld trifft das Konzept den Nerv der Zeit.

Familiencafé Stadtmäuse: „In anderen Cafés wird man blöd angeschaut, wenn die Kinder lauter sind“

Es ist wuselig, es ist laut und genau so soll es sein. Es ist kurz nach 10 Uhr, und das Café Stadtmäuse in Dreieich ist wenige Minuten nach der Öffnung schon gut gefüllt. Ein kleiner Junge bringt seiner Mutter einen Bagger, ein anderer hat die Rutsche für sich entdeckt, und ein Mädchen dreht erst einmal eine Runde um Tische und Stühle. Inhaberin Vanessa Mignogna begrüßt ihre Gäste herzlich. Am Vormittag sind es bis auf eine Ausnahme nur Frauen mit ihren Kindern. Mignognas Mann Mario bereitet die ersten Bestellungen zu: Cappuccino, Kaffee – Hauptsache Koffein. Die Siebträgermaschine ist im Dauereinsatz.  „Heute Vormittag sind wir komplett ausgebucht“, sagt Mignogna. Ende Januar hat sie das Familiencafé eröffnet. Der Laden ist immer gut besucht, obwohl er etwas abgelegen liegt und Kinder Eintritt zahlen müssen. Die Bewertungen im Internet sind positiv. Auf Instagram folgen dem Café mehr als 5700 Personen. Schon nach wenigen Wochen führte Mignogna ein Onlinebuchungssystem ein. Zuvor hatte sie bis spätnachts E-Mails mit Reservierungen bearbeitet. „Als Mama ist man froh, wenn man wohin gehen kann, wo die Kinder spielen können“, sagt sie. Mignogna hat einen 15 Jahre alten Sohn und eine fünf Jahre alte Tochter. Sie erinnert sich noch gut an ihre eigenen Café-Besuche, bei denen sie schief angeschaut wurde, wenn ihre Kinder quengelten. Eine Immobilie zu finden war nicht einfach Mignonga hat zuvor selbst in der Gastronomie gearbeitet. Ein eigenes Café war schon immer ihr Wunsch. Doch ohne Erfahrung habe sie es sich nicht zugetraut, ein „normales Café“ zu eröffnen. Sie entschied sich daher für ein Café speziell für Kinder, quasi „als leichten Einstieg“. Von der ersten Idee bis zur Realisierung hat es etwa drei Jahre gedauert. Eine geeignete Immobilie zu finden, sei nicht einfach gewesen. Sie habe im gesamten Kreis Offenbach gesucht, sagt Mignonga, die in Dietzenbach lebt. In einem ehemaligen Möbelhaus im Stadtteil Dreieichenhain fand sie schließlich den „perfekten Ort“ für ihre Idee. „Wir haben alles neu gemacht, vom Boden bis zur Decke“, berichtet Mignogna. Sieben Monate hätten die Arbeiten gedauert. Die Einrichtung gestaltete sie nach ihren eigenen Ideen. Ein Café, das Vorbild hätte sein können, kennt sie nicht. Bei den Kunden kommt das Café jedenfalls gut an. Melanie Franz schwärmt: „Es ist heimisch, die Kinder und Mamas fühlen sich wohl, und es sieht auch schön aus.“ Einmal in der Woche, egal, wie das Wetter ist, trifft sich die Vierzigjährige mit Freundinnen und deren Kindern im Café. Mütter könnten hier in Ruhe zusammen sitzen, ihre 17 Monate alte Tochter habe sie immer im Blick. „In anderen Cafés wird man blöd angeschaut, wenn die Kinder lauter sind. Hier dürfen sie laut sein.“ Die Werbung läuft vor allem über Instagram Diese Erfahrung hat auch Chantal Hammerl gemacht. „Hier sind alle entspannter, und deshalb können wir Eltern auch mal entspannter sein“, sagt die Einunddreißigjährige. In Sprendlingen habe es früher ein Elterncafé gegeben. Dort werde aber kein Kaffee mehr angeboten, Eltern könnten nur noch Kurse buchen, sagt Alexandra Wittmann. Sie hat sich zu ihrem Sohn gesetzt, der mit einem Bagger spielt. In den vergangenen Jahren haben im Rhein-Main-Gebiet mehrere Familiencafés eröffnet: in Rödermark, Mühlheim, Liederbach und Hanau. Nach Dreieich ins Café Stadtmäuse kommen laut Mignogna Mütter auch aus Mainz, Hanau und von weiter her.  Die meisten hätten das Café auf Instagram entdeckt. Die Spielmäuse schafften es in die „Happykids“-Ausflugstipps der Influencerin Julia Rodriguez Diaz, die mehr als 350.000 Follower hat.  „Das hat uns ganz viele Leute reingebracht“, sagt Mignogna. Danach half Mundpropaganda. Das Café hat mehrere Spielzonen, die liebevoll eingerichtet und in hellen, warmen Farben gestaltet sind. Je Kind wird ein Eintritt von sieben Euro erhoben. Geschwisterkinder zahlen vier Euro, Erwachsene und Babys haben freien Eintritt. Es gibt eine Empore mit Rutsche, darunter steht eine Kinder-Werkbank, Autos und Großbausteine aus Plastik. Davor stehen Schaukelpferde, Laufwagen und Baby-Spielbögen für die Allerkleinsten. Neben dem Spiel gibt es hochwertige Küche Direkt daneben ist die „Villa Kunterbunt“ mit großem Eingangsbogen und vier Fenstern. Hier gibt es eine Spielküche, Sitzgelegenheiten zum Ausruhen oder Toben. Im hinteren rechten Teil ist eine „Beauty-Ecke“, in der sich die Kinder auch verkleiden können. „Ich habe schon einige Sachen austauschen müssen“, berichtet Mignogna. Schließlich gilt hier: Alles darf angefasst, mit allem darf gespielt werden. Neben den Spielmöglichkeiten war der Café-Inhaberin nach eigenen Angaben von Anfang an wichtig, Eltern und Kindern ein Essen mit guten, hochwertigen Zutaten anzubieten. Auf der Karte stehen Stullen, Frühstücksteller, Waffeln – auch ohne Zucker. „Das liegt bei den Mamis voll im Trend“, sagt Mignogna. Darüber hinaus serviert sie verschiedene Bowls, Porridge, Joghurt, Pinsa, Flammkuchen und natürlich auch Pommes sowie Chicken Nuggets.  Eine Teilzeitkraft und drei Aushilfen kümmern sich vornehmlich um die Küche. Ehemann Mario hat sechs Wochen nach der Eröffnung seinen Job im Außenbetrieb einer Hausverwaltung aufgegeben und ist nun ebenfalls in Vollzeit im Café beschäftigt. „Alleine hätte ich das nicht hingekriegt“, sagt Mignogna. Demnächst soll es einen Eisverkauf geben. Außerdem würde Mignogna gerne das Außengelände des Cafés nutzen, um auch älteren Menschen etwas anbieten zu können. Drinnen soll noch Schallschutz an den Decken angebracht werden, da es bei vielen Kindern sehr laut werden könne. „Und wir müssen noch ein paar Fenster einbauen“, sagt Mignogna. Eine Klimaanlage gibt es schon. Die Café-Inhaberin würde auch gerne Veranstaltungen organisieren. Sie denkt dabei an Mütter-Treffs oder an gemeinsames Malen für Erwachsene. An den Wochenenden kämen auch viele Väter und Großeltern mit. Geburtstage werden schon im Café gefeiert. In diesem Fall dürfen die Gäste den Kuchen mitbringen. Zu Fastnacht gab es eine kleine Feier. Eine Freundin von Mignogna hat überdies Tassen und Flaschen mit dem Logo des Cafés gestaltet, die Kunden kaufen können. „Wir hätten nicht damit gerechnet, dass es von Anfang an so gut läuft“, sagt Mignogna. Es sei zwar anstrengend, da sie zwischendrin viel aufräumen müsse, aber es seien nun einmal Kinder. Sie hofft, dass der Andrang auch in den wärmeren Monaten anhält und das Café ein Treffpunkt für viele Familien wird, die es schätzen, dass ihre Kinder willkommen sind. Das Familiencafé Stadtmäuse liegt an der Maienfeldstraße 15 in Dreieich. Öffnungszeiten sind Montag, Mittwoch bis Freitag von 10 bis 17 Uhr und an Wochenenden von 9 bis 17 Uhr. www.stadtmaeuse.com