Die Bedeutung der Medienbildung und der Vermittlung digitaler Kompetenzen an Schulen ist in aller Munde. Hessen hat bei diesem Thema bisher einen Sonderweg beschritten und das Fach „Digitale Welt“ an 80 Pilotschulen erprobt: Schüler der fünften und sechsten Klassen beschäftigen sich dort mit unterschiedlichen Gesichtspunkten der Digitalisierung und schulen ihre Medienkompetenz. Sie lernen zu programmieren und entwickeln ein Verständnis für digitale Technologien. Bisher hieß es, das Fach solle nach der Pilotphase als Pflichtfach im Regelunterricht angeboten werden. Doch das Bundesland ändert nun seine Strategie – zum Missfallen der Lehrer, die bisher das Fach unterrichtet haben. Nach Auskunft der betroffenen Fachlehrer wurde ihnen kurz vor den Osterferien und dem Ablauf der Antragsfrist von Mitteln mitgeteilt, dass für das nächste Schuljahr keine Stundenkontingente mehr für das Fach „Digitale Welt“ zur Verfügung stehen. Stattdessen werde das Fach in den Ganztag überführt. Die Lehrer betrachten das als eine Degradierung: Aus einem Schulfach werde eine bloße Arbeitsgemeinschaft. Wie es in einer anonym an eine Reihe von Medien versandten Mitteilung heißt, sei den Pilotschulen vom Kultusministerium beziehungsweise den Staatlichen Schulämtern mitgeteilt worden, dass es keinerlei Sonderzuweisungen, also Lehrerstunden, für das Fach „Digitale Welt“ mehr geben werde. Stattdessen solle das Fach im Rahmen des Ganztagsprogramms angeboten werden. Die Lehrer sehen darin einen „massiven bildungspolitischen Kahlschlag im KI-Zeitalter“. Bisher habe das Fach im Pilotunterricht ganze Jahrgänge erreicht. Künftig werde es als freiwillige Nachmittags-AG nur für einen Bruchteil der Schüler angeboten. Lehrer sprechen von „Schlag ins Gesicht“ Die Regelklassen gingen dabei leer aus: Kinder, die nicht für die Ganztagsbetreuung angemeldet seien, erhielten bis zu ihrem Schulabschluss keinerlei fundierte informationstechnische Grundbildung mehr, kritisieren die Lehrer. Durch die Stundenkürzungen verlören die Schulen auf einen Schlag weitreichende Kapazitäten. Für die beteiligten Lehrer sei dies „ein Schlag ins Gesicht“. Sie hätten viele unbezahlte Überstunden in den Aufbau von Curricula, Projekten und Programmier-Unterricht gesteckt. Der Schritt sei mit den Evaluationsergebnissen begründet worden. Doch die Lehrer berichten von „überwältigend positiven“ Rückmeldungen von Schülern und Eltern in den vergangenen drei Jahren. „Hier wird kurzfristiger Sparzwang auf dem Rücken der Kinder und der engagierten Lehrkräfte ausgetragen – und das in einer Zeit, in der digitale Kompetenzen für den Wirtschaftsstandort Deutschland überlebenswichtig sind“, teilen die Lehrer mit. Ministerium sieht eine Weiterentwicklung des Fachs Das Kultusministerium bewertet die Umstellung hingegen als Weiterentwicklung: „Der erfolgreiche Schulversuch Digitale Welt wird für alle Schulen geöffnet“, teilt eine Sprecherin mit. Dies sei „der nächste Schritt“, weg von einem befristeten Pilotprojekt hin zu einer langfristigen Verankerung der digitalen Bildung an hessischen Schulen. Das Angebot bleibe damit bestehen und werde nicht abgeschafft, sondern erweitert, indem es in den Ganztag überführt werde. Dort sei Raum für projektorientiertes Lernen und Medienbildung. Allen Schülern werde auf diesem Weg schneller der Zugang zu digitaler und informatischer Bildung sowie zur Erlangung von Medienkompetenzen ermöglicht. Vom kommenden Schuljahr an sollen die Unterrichtsmaterialien und Fortbildungen für alle Schulen im Jahrgang 5 und 6 zur Verfügung stehen. Damit könne die Anzahl der teilnehmenden Schulen von derzeit 80 Pilotschulen auf mehr als 600 erweitert werden. „Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass das Interesse an ‚Digitale Welt‘ stetig anwächst und viele Schulen gerne teilnehmen würden“, teilt das Ministerium mit. „Uns ist es wichtig, jetzt in die Fläche zu gehen, um die digitalen Kompetenzen so vieler Jugendlicher wie möglich zu verbessern und die Medienbildung in den Schulen weiter voranzutreiben“, sagt Kultusminister Armin Schwarz (CDU). Der Ganztag ermögliche einen breiten Zugang, zumal man dort direkt an eine Vielzahl von ähnlichen Angeboten anschließen könne. Der Schulversuch sei umfassend evaluiert worden. Die Ergebnisse, unter anderem zur Praxis- und Projektorientierung des Angebots, flössen direkt in das neue Modell ein. Es sei beabsichtigt, die Inhalte dauerhaft zu verankern und flexibel an schulische Gegebenheiten anzupassen. Zur Unterstützung der Schulen gebe es „die ganze Erfahrung“ der 80 Pilotschulen, Handreichungen, Materialien, Selbstlerneinheiten und Fortbildungen für alle interessierten Lehrkräfte.
