Illustration: Felipe Gonzalez F.A.Z.-Serie Schneller schlau Diese Pflegelücke müssen Sie selbst bezahlen Von MADELEINE BRÜHL, Grafiken: RAHEL GOLUB, Datenrecherche: MATTHIAS JANSON (Statista) 29. März 2025 · Viele Deutsche haben Angst, ihre Pflege im Alter nicht bezahlen zu können. Ein Heimplatz kostet mehr als 3000 Euro, die Kosten für die ambulante Pflege sind kaum absehbar. Eine Versicherung kann helfen. Die Lebenserwartung steigt und somit die Wahrscheinlichkeit, älter als 80 Jahre zu werden. So schön die Aussicht auf ein langes Leben ist: Mit einer höheren Lebenserwartung wächst auch das Risiko, pflegebedürftig zu werden. Doch mit dem Thema Pflege sind viel Angst und Unsicherheit verbunden. Nach Zahlen des Bundesministeriums für Gesundheit haben 2024 rund 5,6 Millionen Menschen Leistungen aus der sozialen Pflegeversicherung erhalten. Das sind 7,6 Prozent aller Versicherten. In den vergangenen fünf Jahren ist dieser Wert beständig gestiegen – von 4,3 Millionen Leistungsbeziehern im Jahr 2020. Die meisten Menschen möchten im Alter so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Das spiegelt sich auch in den Zahlen wider: 85 Prozent aller Pflegebedürftigen wurden 2024 ambulant durch Angehörige oder professionelles Pflegepersonal versorgt. Knapp 13 Prozent waren in Pflegeheimen untergebracht und 2,5 Prozent in Einrichtungen der Eingliederungshilfe wie beispielsweise betreutes Wohnen oder Tagespflege. Insgesamt gab es im Jahr 2023 in Deutschland 16.115 Pflegeheime mit 874.562 vollstationären Heimplätzen und 15.376 ambulante Pflegedienste. Damit hat sich die Anzahl der Pflegedienste in den vergangenen 20 Jahren um rund 50 Prozent, die Zahl stationärer Einrichtungen sogar um knapp 60 Prozent erhöht. In der öffentlichen Debatte wird in der Regel über die stationäre Pflege diskutiert. Das hat einen einfachen Grund: Die Versorgung der 4,8 Millionen ambulanten Leistungsempfänger kostete die soziale Pflegeversicherung im Jahr 2024 laut Bundesgesundheitsministerium 41,4 Milliarden Euro, wohingegen die stationären Leistungen für gut 700.000 Personen mit 21,8 Milliarden Euro zu Buche schlugen. Nicht nur für die soziale Pflegeversicherung ist das eine teure Angelegenheit. In den vergangenen Jahren standen einer steigenden Zahl Leistungsempfänger immer weniger Beitragszahler gegenüber – Tendenz weiter steigend. Das führt dazu, dass sich die Eigenanteile für die ambulante und stationäre Pflege für die Betroffenen jedes Jahr erhöhen. Nach Berechnungen des Verbands der Ersatzkassen (VDEK) betrugen die Kosten für einen stationären Pflegeheimplatz zum 1. Januar 2026 durchschnittlich rund 3245 Euro ohne Zuschüsse. Die selbst zu tragenden, pflegebedingten Kosten inklusive Ausbildungskosten, der sogenannte „einrichtungseinheitliche Eigenanteil (EEE)“ von 1982 Euro monatlich, die Kosten für Unterkunft und Verpflegung in Höhe von durchschnittlich 1046 Euro sowie die Investitionskosten von 514 Euro müssen Betroffene selbst aufbringen. Seit 2022 bezuschusst die Pflegekasse den einrichtungseinheitlichen Eigenanteil im ersten Jahr mit 15 Prozent, im zweiten Jahr mit 30 Prozent, 50 Prozent im dritten und 75 Prozent im vierten Jahr. Damit entsteht im ersten Jahr eine Pflegelücke von durchschnittlich 3245 Euro, die die Betroffenen selbst schließen müssen. Je nach Bundesland variieren die Kosten durchschnittlich zwischen 2853 Euro und 3752 Euro – je nach Heim gegebenenfalls sogar noch mehr. Die Kosten in der ambulanten Pflege sind dagegen nicht so einfach zu beziffern, da die Höhe der Pflegeausgaben von den Betroffenen beeinflusst werden kann. Laut Statistischem Bundesamt wurde 2023 nur jeder Vierte zusammen mit oder ausschließlich von ambulanten Pflegediensten versorgt. 75 Prozent wurden allein durch Angehörige gepflegt. Die Ratingagentur Assekurata hat im vergangenen Jahr in einer Studie zum Pflegetagegeld versucht, die Pflegelücke in der ambulanten und stationären Versorgung zu ermitteln. Um eine Einschätzung zur ambulanten Pflegelücke treffen zu können, wurde unterstellt, dass ein Pflegedienst täglich die für den jeweiligen Pflegegrad erforderlichen Tätigkeiten übernimmt. Die so ermittelte Pflegelücke lag Stand 2025 im Bundesdurchschnitt je nach Pflegegrad zwischen 375 Euro und 2100 Euro monatlich. Die tatsächlichen Kosten hängen einerseits vom Wohnort und andererseits davon ab, wie viel professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird und was Angehörige mittels eigener Pflegeleistung übernehmen. Die Unsicherheit, ob sie im Alter von Pflegebedürftigkeit betroffen sein werden und welche Kosten damit auf sie zukommen, treibt viele Menschen um. Laut einer Forsa-Umfrage, die im Auftrag der DAK im Jahr 2023 durchgeführt wurde, macht sich über die Hälfte der Befragten sehr große (14 Prozent) oder große (40 Prozent) Sorgen um die finanzielle Absicherung, insofern sie selbst einmal pflegebedürftig werden sollten. Laut Caritas ist die durchschnittliche Verweildauer von Heimbewohnern zurückgegangen und lag zuletzt bei 25 Monaten. Knapp die Hälfte der 282 befragten Einrichtungen gab an, dass mehr als 30 Prozent Bewohner schon im ersten Aufenthaltsjahr versterben. Zieht man nur die Heimkosten ohne eine vorangegangene ambulante Pflege heran, müssen Pflegebedürftige für 25 Monate Heimaufenthalt mit Kosten von durchschnittlich 77.000 Euro rechnen. Um sich vor dieser finanziellen Belastung zu schützen und im Pflegefall nicht auch noch Sozialhilfe beantragen zu müssen, hilft eine private Pflegezusatzversicherung. Laut dem „Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) haben 2024 etwa 3,2 Millionen Deutsche eine solche Versicherung besessen. Rund 94 Prozent entfielen auf die Pflegetagegeldversicherung. Die staatlich geförderte Pflegezusatzversicherung („Pflege-Bahr“) und die Pflegekostenversicherung sind dagegen kaum verbreitet. Während viele Menschen die Höhe der Pflegekosten unterschätzen, werden die Kosten für eine Pflegezusatzversicherung häufig überschätzt. Grundsätzlich gilt: je früher der Vertragsabschluss, umso geringer die Kosten über die gesamte Vertragslaufzeit, und je höher die Leistungen in den unteren Pflegegraden, umso teurer der Schutz. Die Assekurata hat 2025 exemplarisch für vier Tarife mit unterschiedlichen Leistungen berechnet, wie viel eine Pflegezusatzversicherung zur Absicherung der vollen Pflegelücke kostet. Tarif A ist über alle Eintrittsalter vergleichsweise günstig. Tarif D ist bis 45 Jahre auf einem günstigen Niveau, von 55 Jahren an liegt er jedoch im oberen Preissegment. Weiterhin ist bei diesem Tarif zu beachten, dass in allen Pflegegraden sowohl bei ambulanter als auch bei stationärer Pflege immer 100 Prozent des Tagegeldes gezahlt werden, was eine Maximallösung darstellt und den Tarif entsprechend verteuert. Das Ergebnis: Wer mit 25 Jahren schon ans Alter denkt, kann ab 56 Euro im Monat seine gesamte erwartete Pflegelücke in stationären Einrichtungen schließen. Wer sich dagegen erst mit 65 Jahren für eine Zusatzversicherung entscheidet, muss in der Beispielrechnung zwischen 319 Euro und 522 Euro monatlich aufbringen. Entsprechend der Beitragshöhe schwankt auch der gesamte, in die Pflegezusatzversicherung eingezahlte Betrag. Wer mit 25 Jahren Police A abschließt, muss bis zum 85. Geburtstag nach heutigem Stand 40.620 Euro einzahlen, rechnet die Assekurata vor. Selbst bei einem Abschluss mit 45 Jahren sind es im günstigsten Fall gut 60.000 Euro. Auch wenn diese Zahl nur ein Richtwert ist und die genaue Versicherungssumme ebenso wie die Höhe der Pflegekosten von vielen individuellen Kriterien abhängt – die Differenz ist nicht von der Hand zu weisen. Schneller Schlau Der Weg zum Wunschkind kostet Tausende Euro Schneller Schlau Jeder sechste deutsche Mann trinkt riskant Schneller schlau Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt. Alle Beiträge
