FAZ 08.05.2026
07:59 Uhr

F.A.Z. Exklusiv: Wie die SPD an KI-Schrott mitverdient


Es dauert eine Stunde, um ein Sachbuch mit KI zu erstellen. Damit kann man reich werden. Das Angebot von „Tredition“ zeigt, wie das geht. Pikant ist, zu wem der Verlag gehört: zum Unternehmensbereich einer Regierungspartei.

F.A.Z. Exklusiv: Wie die SPD an KI-Schrott mitverdient

Es gibt Blogbeiträge, die unerwartet viral gehen. Stephan Wünsche hat das gerade erlebt. ‎Er ist an der Universitätsbibliothek Leipzig Referent im Bereich „Open Science“ und Fachreferent für Musik. Ende April veröffentlichte er auf dem Blog seiner Bibliothek den Beitrag „How to Sell Bullshit Online (Fast)“. Im Teaser heißt es: „Warnung vor dem Betrug mit KI-generierten pseudowissenschaftlichen Büchern am Beispiel ‚Tredition‘“. Dabei handelt es sich um eine Self-Publishing-Plattform für Print-on-Demand-Publikationen in Ahrensburg bei Hamburg. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen bislang über 200.000 Bücher von über 20.000 Autoren veröffentlicht. An der Gesellschaft ist mit 9,9 Prozent die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft mbH (ddvg) beteiligt, der Unternehmensbereich der SPD. Die SPD verdient also mit beim Geschäftsmodell von „Tredition“. Gedruckt wird fast alles, was geliefert wird Und dieses Geschäftsmodell geht so: Man reicht als Autor ein Manuskript ein, das im Fall einer Buchbestellung in der gewünschten Anzahl gedruckt und ausgeliefert wird. Kosten entstehen für den Autor nur bei sogenannten „Zusatzleistungen“ wie „Katalogeintrag im Verzeichnis lieferbarer Bücher, für bis zu drei Jahre“ (39,90 Euro), Cover-Design individuell (ab 399 Euro) oder ein Lektorat (0,04 Euro pro Wort). Gedruckt wird fast alles, was eingeliefert wird; auf der Website steht: „Wir drucken und veröffentlichen Inhalte, die sich im Rahmen der Rechtsordnung bewegen, auch wenn wir die Ansichten der Autoren teilweise nicht teilen.“ Am Verkaufserlös wird der Autor beteiligt. Man kann über die Plattform seine eigenen Lebenserinnerungen publik machen, erste Schritte als Krimiautor gehen oder Schrott abliefern, in der Hoffnung, damit Geld zu verdienen. Mit „Schrott“ meinen wir hier Sachtexte, die von Künstlicher Intelligenz (KI) generiert sind und daher Fehler enthalten. Auf der Website von „Tredition“ heißt es: „Wir möchten (…) keine Inhalte veröffentlichen, die zu einem überwiegenden Anteil KI-gestützt geschrieben wurden. Wenn du Teile deiner Texte durch eine künstliche Intelligenz optimieren lässt, ist das ok. Jedoch muss die geistige Schöpfung durch dich gekommen sein.“ „Sie sind einem Betrug aufgesessen“ Dass dem nicht immer so ist, weiß Wünsche: „Auf den ersten Blick wirken sie spannend, die musikwissenschaftlichen Bücher des Verlags ‚Tredition‘ aus Ahrensburg bei Hamburg. Da gibt es beispielsweise eine Biographie von Johann Christoph Bach, über den die Forschung bislang wenig weiß. Oder ein Werk über den bisher kaum beachteten Leipziger Musiktheoretiker, Komponisten und Professor am Konservatorium Salomon Jadassohn. Wenn Nutzende einer Bibliothek sich grundsätzlich für Musik, die Bach-Familie und Leipzig interessieren, sollte die Bibliothek diese Bücher anschaffen – oder? So dachten offenbar die Verantwortlichen in Bibliotheken in Leipzig, Dresden, Weimar und Hannover, die Exemplare dieser Bücher besitzen. Sie sind einem Betrug aufgesessen.“ Beim Buch über Johann Christoph Bach hat ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bach-Archivs Leipzig herausgefunden, dass inhaltlich das meiste falsch ist, beginnend bei der Feststellung, Johann Christoph Bach sei der Vater von Johann Sebastian Bach. „Die verschiedenen Mitglieder der Bach-Familie werden munter gemixt und zum Teil mit erfundenen Werktiteln zitiert. An einigen Stellen wird deutlich, dass das Buch KI-generiert sein muss und wenigstens teilweise englische Übersetzungen von deutschen Werken […] zugrunde gelegen haben müssen.“ Es gebe erfundene Quellenangaben. „Hätten in dieser Form nicht veröffentlicht werden dürfen“ Dazu sagt „Tredition“-Geschäftsführerin Sandra Latußeck: „Die Bücher über Johann Christoph Bach und Salomon Jadassohn hätten in dieser Form nicht veröffentlicht werden dürfen. Wir haben dem betreffenden Autor gekündigt und die Löschung der Werke aus dem Vertrieb veranlasst.“ Die Fälle zeigten, dass bisherige Prüfmechanismen nicht ausgereicht haben. „Unser System hat diese Veröffentlichungen ermöglicht – das liegt auch in unserer Verantwortung. Daraus ziehen wir Konsequenzen und haben unsere Prozesse deutlich verschärft“, so Latußeck. Was womöglich passiert ist, beschreibt Wünsche in seinem Blogbeitrag: „Der Befund ist klar und trifft offensichtlich auch auf weitere Bücher aus dem Hause ‚Tredition‘ zu: Da erstellt jemand, nennen wir ihn Klaas Klever, mit Hilfe von generativer KI Bücher mit wissenschaftlichem Anstrich. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Bücher als Fake. Klaas benutzt Pseudonyme wie Valentin Fuchs, Robert H. Hummel oder Sophia Weller.“ Aber es gehe Klaas nicht um wissenschaftliche Erkenntnis, erst recht nicht um Reputation, sondern offensichtlich um Profit. Sein Handwerk habe er auf einer Plattform für Onlinekurse gelernt. Er habe dort ganz einfach nach „KI Bücher erstellen“ gesucht und reichlich Angebote gefunden, vermutet Wünsche. Sie heißen beispielsweise „KI Bücher Meisterkurs: Verkaufe KI generierte Bücher online“. Es gebe auch einen Kurs, der die Vermarktung gedruckter Bücher beispielsweise mit „Tredition“ beschreibt. Bibliotheken fallen auf Fake-Bücher herein Die Leidtragenden dieser Methode seien Steuerzahler, deren Geld die Bibliotheken versehentlich für Fakebücher verschwenden, sowie private Käufer, die sich wertvolle Lektüre versprechen, aber Schrott bekommen. „Außerdem sickern Falschbehauptungen in den Diskurs ein, trüben den Blick und erschweren den Erkenntnisgewinn. Im schlimmsten Fall untergräbt der KI-generierte Schrott das Vertrauen ins Wissenschaftssystem insgesamt“, erklärt Wünsche. Wie lange braucht Klaas Klever, um ein Schrottbuch herzustellen? Wünsche vermutet: vielleicht eine Stunde. „Wie lange brauchen Experten, um ein Schrottbuch zu lesen, Fehler im Text ausfindig zu machen und nicht existierenden Quellen nachzuforschen? Auf der Ebene des einzelnen Buches, von einzelnen Menschen gelesen, ist der Kampf schon verloren, bevor er begonnen hat.“ Latußeck erklärt, vor jeder Veröffentlichung werde ein „Buch-Check“ durchgeführt, das sei eine manuelle Qualitätskontrolle. „Diese prüft jedes Buchprojekt auf zentrale formale und gestalterische Kriterien wie Cover, Impressum, Layout und Auffälligkeiten in der Rechtschreibung.“ Die inhaltliche Tiefenprüfung wissenschaftlicher Quellenangaben sei dagegen „Aufgabe wissenschaftlicher Fachverlage“. Latußeck gibt zu, dass Bücher, die als KI-unterstützt deklariert worden waren, nach Sichtung durch ihr Team „in einigen Fällen“ veröffentlicht wurden, „obwohl sie aus heutiger Sicht den Standards nicht entsprochen haben.“ Seit 2024 beobachte man eine neue Form des Missbrauchs: Inhalte, die weitgehend automatisiert mit KI erzeugt und gezielt als scheinbar fundierte Sachliteratur oder Fachliteratur positioniert werden. „Auf diese Entwicklung haben wir zunächst nicht schnell genug reagiert. Das haben wir korrigiert.“ Man habe ein eigens entwickeltes Buchprüfungs-Tool eingeführt, das typische Muster automatisiert erzeugter Texte, inkonsistente Quellenangaben und inhaltliche Auffälligkeiten erkennt und an Mitarbeiter zur vertieften Prüfung übergibt. Latußeck ergänzt, dass in der Publishing-App eine verpflichtende Selbstauskunft bestehe. Autoren müssten angeben, ob ihr Buch überwiegend KI-generiert ist, und in einem Pflichtfeld erläutern, wofür sie KI eingesetzt haben. „Bei Falschangaben behalten wir uns vor, das Projekt zu löschen und das Benutzerkonto zu sperren.“ Parallel würden jetzt rückwirkend Veröffentlichungen der vergangenen zwei Jahre überprüft und Titel entfernt, die den Anforderungen nicht genügten. Auf F.A.Z.-Anfrage sagt ddvg-Geschäftsführer Matthias Linnekugel, man halte eine reine Finanzbeteiligung an „Tredition“, die keinen Einfluss auf Strategie oder Geschäftsführung des Unternehmens eröffne: „Die ddvg ist seit rund 16 Jahren an Tredition beteiligt, also lange bevor KI-generierte Inhalte massenhaft erstellt werden konnten. Den Berichten der Geschäftsführung konnte ich entnehmen, dass die KI-generierten Bücher keinesfalls gewünschter Bestandteil des Geschäftsmodells sind und auch nicht zum wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens beitragen.“ Dagegen lässt sich natürlich einwenden, dass jedes Buchprojekt zum Unternehmenserfolg beiträgt. Wie hoch die Rendite der Finanzbeteiligung ist, will das SPD-Unternehmen DDVG nicht sagen. Linnekugel: „Wir geben grundsätzlich keine weitergehenden Auskünfte zur Zusammensetzung unserer Ergebnisse, als wir es in unseren Geschäftsberichten regelmäßig tun.“ Im letzten Geschäftsbericht steht, bezogen auf den Bereich, zu dem „Tredition“ gehört: „In dem Segment der weiteren Beteiligungen wurde ein Ergebnis auf hohem Niveau realisiert.“ Man kann also davon ausgehen, dass „Tredition“ ordentlich performt und der SPD gutes Geld in die Kasse spült. Der F.A.Z. sind Listen von „Tredition“-Büchern bekannt, die offenbar pseudowissenschaftliche KI-Fakes sind. Eine Liste betrifft die Geschichtswissenschaft und erschien im Januar 2025 im Blog von Monumenta Germaniae Historica. Die zweite betrifft die Musikwissenschaft und erschien Ende 2025 im Rahmen einer Rezension in der Fachzeitschrift „Die Musikforschung“. Hier werden 79 Titel genannt, darunter „Anton Hasselt, Im Schatten Beethovens: Das Leben des Ferdinand Ries. Eine Reise durch die Musikgeschichte von Klassik zu Romantik“ oder „Antoine Morel, Der französische Mozart. Das Leben und Werk des François-Adrien Boieldieu“. Manche Bibliotheken warnen ihre Nutzer inzwischen mit Einträgen in ihren Katalogen, erklärt Wünsche und nennt zwei Beispiele. So ist im K10plus-Verbundkatalog zu dem Bach-Buch zu lesen: „Achtung! Der Inhalt des Buches wurde mit KI produziert und enthält wahllos zusammengestellte Texte aus dem Netz, die inhaltlich fehlerhaft und oft aus dem Zusammenhang gerissen sind.“ An der Hochschule für Musik in Weimar formuliert man zu dem pseudowissenschaftlichen Buch über Jadassohn etwas zurückhaltender: „Autorschaft ungeklärt, eventuell KI-generierte Texte“. Latußeck sagt: „Eine pauschale Gleichsetzung unseres Angebots mit minderwertigen Massenveröffentlichungen wird der Realität nicht gerecht. Der überwiegende Teil der über ‚Tredition‘ veröffentlichten Titel entsteht aus ernsthaften Autorenprojekten.“ Kann man denn aus dem verpflichtenden Buchimpressum nicht erkennen, wer der Verantwortliche für KI-Texte ist? Da müsste doch eine ladungsfähige Anschrift stehen. „Tredition“ bietet als Zusatzleistung allerdings auch dies an: „Verzicht auf die Privatadresse im Impressum“. Der Preis ist 99,90 Euro und umfasst praktischerweise gleich zehn Buchprojekte. Auf der Website heißt es: „Wenn du anonym bleiben möchtest, kannst du den Impressumsservice von Tredition nutzen. Dann verwendest du nicht mehr deine private Adresse, sondern alle rechtlichen Belange bezüglich deiner publizierten Inhalte werden direkt an uns gesendet.“ Wie praktisch.