FAZ 11.05.2026
14:15 Uhr

Extremlauf in den USA: 604,5 Kilometer durch die Hitze – wie hat Arda Saatçi das geschafft?


Er lief mehr als 14 Marathons am Stück und machte immer nur kurze Schlafpausen: Der Extremsportler Arda Saatçi hat sein Ziel in Santa Monica erreicht. Wie ist das möglich?

Extremlauf in den USA: 604,5 Kilometer durch die Hitze – wie hat Arda Saatçi das geschafft?

Als Arda Saatçi das tiefblaue Zielband auf dem Santa Monica Pier durchreißt, skandieren auf einer Holztribüne Hunderte seinen Namen: „Saatçi! Saatçi!“ Die weiße Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen, schaut der Extremläufer in die Gesichter seiner Freunde und Fans. Aber nach 123 Stunden Extremlauf sucht er in der Menge nur die Blicke seiner Mutter. Wenige Schritte später fällt er in ihre Arme. Geschafft hat der 28 Jahre alte Ultraläufer am Sonntagnachmittag (kalifornischer Ortszeit) eine Strecke von 604,5 Kilometern. Eigentlich wollte der Deutsch-Türke 600 Kilometer in nur 96 Stunden zurücklegen, das hat nicht ganz geklappt. Über Livestreams sahen Millionen Menschen dem Berliner bei dem Versuch zu, die Extremstrecke fast ohne Pausen, fast ohne Schlaf zurückzulegen. Auf den Plattformen Twitch, auf Youtube und auf Tiktok streamte er nonstop. Dabei wurde er von einem bekannten Getränkedosenhersteller begleitet. Vom tiefsten Punkt der USA mitten im Death Valley ging es so einmal quer durch die kalifornische Wüste. Es sei sein Ziel gewesen, „so viele Menschen wie möglich zu inspirieren“. So sagt es Saatçi auf seinem Instagram-Profil. Er wolle „ein gutes Vorbild“ sein, „die Leute motivieren“. Warum er das tut? „Warum nicht“, sagte er einmal. „Ich will die Grenzen des Möglichen pushen.“ Asphalttemperaturen von beinahe 60 Grad Seinen Lauf begann er am 5. Mai: Über Wüstenpfade und schroffes Hinterland lief er schließlich über die Route 66. Und das bei Asphalttemperaturen von beinahe 60 Grad. Am Muttertag erreichte er schließlich sein Ziel: die Küstenstadt Santa Monica, nur ein paar Kilometer westwärts von Los Angeles gelegen. Eine Strecke von mehr als 14 Marathons, immer dem Pazifik entgegen. Saatçi ist nicht nur Extremläufer, sondern auch Influencer und Streamer. Wenn er läuft, begleiten seine 2,3 Millionen Follower ihn. „Du hast Geschichte geschrieben, Bruder! Nicht nur wegen den Kilometern, sondern auch wegen dem geisteskranken Impact“, schreibt ein Nutzer auf dem Instagram-Profil von Saatçi. Der Berliner hat im Netz Millionen Follower. Ein anderer Anhänger beschreibt sein Gefühl mit nur einem Wort: „Stolz“. Tausende Profile „liken“ diese und ähnliche Kommentare. Dass der deutsch-türkische Läufer nicht nur die Sportszene inspiriere, sagt der Streamer Elias „Eli“ Nerlich: „Arda hat die Challenge bereits geschafft, in dem Moment, als er sie begonnen hat, als er seinen ersten Schritt gesetzt hat, weil er damit Hunderttausende motiviert hat.“ Schon seit einigen Jahren läuft der Berliner Strecken, die scheinbar nicht zu schaffen sind: Vor zwei Jahren waren es mehr als 3000 Kilometer von seinem Wohnort bis nach New York. Er schaffte das in 74 Tagen. Damals unterbrach ihn ein Ermüdungsbruch im Bein. Doch schließlich kam er an. Ein Jahr darauf lief er die gesamte Länge Japans ab; mehr als 3028 Kilometer in 43 Tagen. Durch die sozialen Medien waren seine Zuschauer immer mit dabei. Als Sponsoren begleiten ihn namhafte Marken. „Hitze, Schlafentzug, Dauerbelastung“ Auf den Lauf durch die karge kalifornische Wüste bereitete sich Saatçi monatelang vor. Er habe sich dabei nicht nur auf „klassisches Lauftraining“ fokussiert, teilt sein Sponsor mit. Die mehrmonatige Vorbereitung habe aus „einer gezielten Simulation der Rennrealität“ bestanden. Denn: „Hitze, Schlafentzug, Dauerbelastung“, dazu noch „Energie- und Flüssigkeitsmanagement, mentale Stabilität“ und nicht zuletzt „öffentlicher Druck“ verlangten Saatçi vieles ab. Die Kombination aus Schlafentzug und Hochleistungssport simulierte Saatçi in einem siebentägigen Block. Eine 32‑Stunden-Phase ohne Schlaf begleiteten damals mehrere Mediziner. Auch beim Lauf waren mehrere Ärzte zugegen; Puls und Blutwerte wurden in Echtzeit überwacht. Auch unter Extremsportlern galt dieser Lauf als extrem. „Ich fühl’ mich gut“, sagte Saatçi aber am zweiten Tag im Stream, während die Sonne zwischen Dünen und Sand auf ihn brannte. Hinter sich hatte er da gerade den härtesten Anstieg der Route gebracht – mehr als 1500 Höhenmeter. Seine Füße schwollen, er verlor bis zu anderthalb Liter Flüssigkeit in der Stunde. Um das auszugleichen, konnte man ihm dabei zusehen, wie er immer wieder Snacks und Sodium „zuführte“.  So wird bei Läufern die Nahrungsaufnahme genannt. „Die 300 Kilometer haben sich angefühlt wie 3000“, sagte Saatçi bei Halbzeit. Als er zu halluzinieren begann, verordneten ihm die Ärzte 90 Minuten Schlaf. Darüber hinaus schlief er nur ab und zu für einige Minuten. Eigentlich wollte er schneller sein, sagte Saatçi im Ziel. „Erst“ nach 123 Stunden kam er schließlich in Santa Monica an. „Ich bin vielleicht nicht der Schnellste und nicht der Stärkste“, sagte er im Stream zu mehr als 300.000 Zuschauern. Aber er werde „immer weiter laufen“. Sein Spitzname ist vielleicht auch deshalb „Cyborg“.