Ist es noch legitim oder wünschenswert, die Menschen mit drastischen Zukunftsszenarien aus der Klimaforschung zu konfrontieren, wenn die halbe Welt durch Kriege und Gewalt sowieso schon in Flammen steht? Bedenkenswert ist die Frage sehr wohl. Aber Tatsache ist auch: Neue Erkenntnisse und die harte Klimarealität zwingen uns immer aufs Neue zum Nachdenken. Und idealerweise auch zum Reagieren. So zeigen etwa die aktuellen Bilder von der Extremhitze über weiten Teilen Nordamerikas, aber auch der Blick auf die aktuellen und langfristigen Klimagrafiken unerbittlich – und gegen jeden Wunsch nach klimapolitischer Deeskalationsstrategie: Der Trend ist nicht unser Freund. Die Ozeantemperaturen, die Eisschmelze, das globale Energieungleichgewicht – der Planet heizt sich weiter und stark beschleunigt auf. In den nächsten zehn, fünfzehn Jahren könnte das Zwei-Grad-Limit für die globale Erwärmung, das sich die Weltgemeinschaft mit dem Pariser Abkommen als maximal tolerable Obergrenze gesetzt hat, überschritten werden. Mit allen harten Konsequenzen für die Nahrungsmittelproduktion, den Wohlstand, die Industrieproduktion und die Bewohnbarkeit vieler Landstriche. „Worst-case-Szenarien“ Zwei aktuelle wissenschaftlichen Veröffentlichungen in „Nature“ streuen noch mehr Salz in diese Wunde: Schon bei einer Zwei-Grad-Erwärmung (bezogen auf die vorindustrielle Zeit) könnten viele für die Lebensmittelproduktion zentrale Regionen der Welt und solche, in denen Menschen extrem dicht zusammenleben, mit einiger Wahrscheinlichkeit von katastrophalem Extremwetter – Dürre, Hitze oder Überflutungen – getroffen werden. Krisenereignisse, die man lange Zeit in eine drei bis vier Grad wärmere Welt verortet hat. Nicht, dass solche Extremereignisse von den Klimaprojektionen übersehen wurden, die mit Klimamodellen erzeugt werden. Auch nicht, dass falsch gerechnet wurde oder Fehlannahmen getroffen wurden. Vielmehr sind diese potentiell katastrophalen Folgen der Erderhitzung in der Kommunikation der Mittelwerte untergegangen: Schon der Weltklimarat hat sich immer wieder darauf kapriziert, solche Worst-Case-Szenarien möglichst nur marginal zu kommunizieren. Emanuele Bevacqua und seine Kollegen vom Umweltforschungszentrum in Halle haben nun in vielen Einzelmodellrechnungen für klimasensible Weltregionen den Fokus genau darauf gelegt: Wie wahrscheinlich können diese Gebiete Situationen ausgesetzt sein, mit der man bei einer globalen Erwärmung von drei oder vier Grad großflächig rechnen muss. Mit extremen Regenfällen, die einige Tage anhalten, mit anhaltenden Hitzewellen und Extremtemperaturen. Ergebnis: Auf bis zu 15 Prozent der untersuchten hochwassergefährdeten Gebiete sind schon bei zwei Grad Megaüberflutungen wahrscheinlich, die man bisher erst ab einer Erwärmung von drei Grad erwartet hatte. Ein ähnliches Bild, was die Hitzefolgen in den größten Getreidekammern der Welt – etwa in Osteuropa oder im mittleren Westen der USA - angeht: In zehn der 42 regionalen Klimamodelle zeigte sich, dass folgenschwere, großflächige Dürren schon bei einer Erwärmung um zwei Grad 50 Prozent häufiger auftreten und nicht erst bei 4 Grad Erwärmung. Demnach soll jede Tonne Kohlendioxid, die seit 1990 in die Atmosphäre freigesetzt wurde – und auch nach Jahrzehnten ihre schädliche Klimawirkung entfaltet –, bis zum Jahr 2020 rund 180 Dollar an Klimafolgenschäden verursacht haben. Was etwa für den historisch gesehen größten Klimakrisenverursacher USA bedeutet: Ihre Emissionen bewirkten etwa zehn Billionen Dollar an Klimaschäden rund um den Globus. Noch beunruhigender erscheinen die ökonomischen Projektionen in die Zukunft: Bis zum Jahr 2100 sollen sich die kumulativen Klimaschäden jeder Tonne emittierten Kohlendioxids global auf 1840 Dollar summieren. Konkret für einen wichtigen Emittenten gerechnet: Ein einzelner Langstreckenflug pro Jahr dürfte bis zum Jahrhundertende Folgekosten in Höhe von rund 25.000 Dollar verursachen.
