FAZ 07.05.2026
13:26 Uhr

Europäisches Hochschulinstitut: Die Deutungshoheit über Europa zurückerobern


Ein Kontinent am Katzentisch: Inmitten eines krisengeschüttelten Europa feiert das Europäische Hochschulinstitut in Florenz seinen fünfzigsten Geburtstag und präsentiert seine neue Strategie.

Europäisches Hochschulinstitut: Die Deutungshoheit über Europa zurückerobern

Bei der deprimierenden Diagnose gibt es immerhin keinen Dissens: Von Mario Draghi und Joseph Stiglitz über Michel Houellebecq und Alain Finkielkraut bis zu Douglas Murray und Timothy Garten Ash beklagen Politiker und Ökonomen, Publizisten und Historiker jeder weltanschaulichen Couleur die Krise Europas. Im Inneren ist die EU uneins. Im Streit um den Green Deal und die Migration droht der alte Graben zwischen dem Westen und dem Osten des Kontinents wieder aufzubrechen. Auch nach außen geben die Europäer ein Bild des Zwists. Die gemeinsame Sicherheits- und Außenpolitik bleibt eine Behauptung. Geostrategisch ist die EU irrelevant. Beim überstürzten Abzug der Amerikaner aus Afghanistan haben auch die Europäer geräuschlos das Feld geräumt. Erst die rabiaten Drohungen Donald Trumps in der NATO haben sie aus dem Traum der immerwährenden Friedensdividende nach dem Ende des Kalten Krieges gerissen. Bei den nicht weniger rabiaten Kriegszügen und Friedensbemühungen Trumps im Nahen Osten und in der Ukraine sitzen die Europäer am Katzentisch. Auch im Wettrennen um die Zukunftstechnologie KI haben sie den Anschluss an die Vereinigten Staaten und China verpasst. Auf dem Altar einer irrationalen Atomangst haben große Industrienationen wie Deutschland und Italien die grundlastfähige und klimaschonende Kernenergie geopfert. Ausgang aus der selbstverschuldeten Selbstreferenzialität Krisen der Gegenwart bergen Chancen für die Zukunft, und eine solche will das Europäische Hochschulinstitut (EUI) in Florenz ergreifen. Von Donnerstag bis Samstag begeht die von 24 europäischen Vertragsstaaten sowie von der EU getragene Institution in famoser Lage in Fiesole nahe Florenz ihr fünfzigjähriges Jubiläum. EU-Ratspräsident António Costa, EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola und Kommissions-Vizepräsidentin Roxana Minzatu werden die Leistungen des EUI im vergangenen halben Jahrhundert gewiss ordnungsgemäß zu würdigen wissen. 1976 empfing das EUI, von Beginn an mit viel Stolz vom Gastgeberland Italien beherbergt und bis heute mit noch mehr Geld von diesem unterstützt, die ersten siebzig Forscher für ihre postgraduierten Studien. Damals gab es die EU in der heutigen Form noch lange nicht. „Unser Campus ist wie Europa im Kleinen, wo Wissenschaftler und Bürger frei von einer einheitlichen nationalen Perspektive ausgebildet werden“, sagt EUI-Präsidentin Patrizia Nanz. Die deutsche Politologin promovierte um die Jahrtausendwende mit einer Arbeit zur europäischen Öffentlichkeit selbst an der EUI. Seit März 2024 leitet sie die Institution, die über die Jahre etwas behäbig geworden war und nicht immer den Ausgang des Akademikers aus seiner selbstverschuldeten Selbstrefenzialität gesucht hatte. Nutzung und kritische Reflexion von KI zählen zu den Schwerpunkten Heute umfasst die akademische Gemeinschaft des EUI – von Stipendiaten über Fellows und Professoren bis zu Assistenten – rund tausend Personen. Schwerpunkte der Ausbildung und Forschung für Postgraduierte waren und sind Wirtschaftswissenschaften, Geschichte und Kulturwissenschaften, Rechtswissenschaften sowie Politik- und Sozialwissenschaften. Erstmals in ihrer Geschichte hat sich das EUI eine Strategie für einen Zeitraum von fünf Jahren gegeben. Schwerpunkte sind der Ausbau der Spitzenforschung, die verstärkte Öffnung zu Politik und Gesellschaft und die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Öffentlichkeit. Strategische Prioritäten sind die kritische Auseinandersetzung mit der europäischen Integration, die Förderung interdisziplinärer Zusammenarbeit sowie die Nutzung und kritische Reflexion von KI in Forschung, Lehre und Praxis. Der frisch abgewählte ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hatte seit 2020 das Matthias Corvinus Collegium (MCC) – mit Sitz in Budapest und Dependance in Brüssel – zum finanziell üppig ausgestatteten Modell einer „national-patriotischen“ Institution entwickelt, die akademische Spitzenforschung mit den Funktionen einer Denkfabrik verband. Das MCC beanspruchte nicht weniger als die europäische Meinungshoheit zu einer Art Rückabwicklung der EU. Unter dem künftigen Regierungschef Péter Magyar ist die Zukunft des MCC ungewiss. Doch der Einfluss, den das MCC binnen kurzem zu erreichen vermochte, mag für das EUI nach fünfzig Jahren neuer Ansporn sein, das Diskursfeld der europäischen Krise zurückzuerobern.