FAZ 12.09.2026
10:29 Uhr

Esther Kinsky zum 70.: Man sieht mehr vom Rand als aus der Mitte


In der Welt ist sie herumgekommen, aber ankommen will sie nirgendwo, weil es sich in der Fremde aufmerksamer schreiben lässt. Zum siebzigsten Geburtstag der Schriftstellerin Esther Kinsky.

Esther Kinsky zum 70.: Man sieht mehr vom Rand als aus der Mitte

„Was ist ein Erdbeben?“, fragte Esther Kinsky vor vier Jahren in ihrem Roman „Rombo“. Und antwortete darauf: „Ein Erdbeben ist doch, als bewegte sich etwas Gewaltiges im Traum. Oder als wäre einem Riesen nicht wohl im Schlaf. Und das Erwachen ist eine neue Ordnung der Dinge in der Welt.“ Den Schrecken in solche Formulierungen und Bilder kleiden, das ist Literatur. So zu schreiben gelernt hat Esther Kinsky durch ihre Tätigkeit als Übersetzerin. Zunächst vor allem aus dem Polnischen und Russischen, darunter die ersten deutschen Ausgaben aus dem Werk der späteren Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk. Dass Kinsky diese Autorin nicht mehr weiter übersetzte, begründete sie 2009 mit dem abnehmenden Reiz von Tokarczuks Prosa. Im selben Jahr kam Kinskys erster eigener Roman heraus: „Sommerfrische“, angesiedelt in einem ungarischen Sumpfgebiet. Ungeachtet des auf den ersten Blick wenig spektakulären Schauplatzes und seines geringen Umfangs bot das Buch eine Beobachtungsdichte und Eleganz der Beschreibung, die sofort erkennen ließ, dass da ein Prosaistin eigenen Rechts aufgetreten war. Sie wurde damit zur Exponentin des sich etablierenden deutschsprachigen Nature Writings. Und sie verschrieb sich dieser Erzählform auch als Übersetzerin, die mit Henry David Thoreau, John Clare, Lewis Grassic Gibbon und James Leslie Mitchell einige Klassiker des im angelsächsischen Raum längst etablierten Genres ins Deutsche brachte. Vor allem aber trat Kinsky nun auch als Lyrikerin hervor, die bei aller Verknappung große Naturtableaus zu schaffen verstand, etwa in diesen Versen aus dem 2022 erschienenen Gedichtband „Schiefern“: „Im nacken noch die wegrands / ersammelten wörter: bracken lichen / die starre von fichtenföhren brauner farn die hellen flechten gelblich auf granit / lebendiges im schlaf und hier erst dieser wind / der alles zu boden beugt“. Neue Blicke durch neue Umgebungen Die lyrische Stimme veränderte auch die Prosa, die vor allem mit den Romanen „Hain“ und eben „Rombo“ fortgesetzt wurde. Für ersteren Band bekam Kinsky 2018 den Preis der Leipziger Buchmesse, und er enthält eine der schönsten literarischen Gemäldebetrachtungen: zu einer Predella Fra Angelicos, die die Totenmesse für Franz von Assisi zeigt. Darin gelingt Kinsky das Kunststück einer Vermählung von Kultur- und Naturbeschreibung. Sie schließt mit den Worten: „Es ist ein Bild der Trauer, auf dem das blaue Dreieck über den Türmen und Mauern des Klosterhofes niemandem im Bild ins Auge fällt und niemandem etwas bedeutet, es hängt wie eine kleine Pflichtübung dort am oberen Rand, der kostbare Lapislazuli wurde umsonst mühsam gewonnen und zu Pulver gestoßen, er gereicht zu keinem Trost in der Hinterbliebenenschaft.“ Das war eine Frucht von Kinskys Wegzug ins nordöstliche Italien, nach langen Jahren in England, Ungarn und Berlin. In der heutigen Ausgabe von „Bilder und Zeiten“ kann man nachlesen, was ihr die Landschaft im Friaul bedeutet: „Berge, Hügel, Flüsse, Meer, alles da, und ich lebe gern in einer anderen Sprache als der, in der ich schreibe. Als Fremde hat man einen anderen Blick, man steht am Rand und nicht mittendrin, und das gefällt mir, man sieht mehr vom Rand als aus der Mitte.“ Mit „Rombo“ hat sie diesem neuen Lebensmittelpunkt ein Denkmal gesetzt, auch durch ihre Schilderung der schlimmen Zerstörung, die das dortige Erdbeben von 1976 bedeutete. „Da wird der Mensch mit seinem Leben so klein wie der kleinste Stein im Fluss.“ Das Leben der großen Esther Kinsky hat heute vor siebzig Jahren begonnen.