FAZ 21.05.2026
17:35 Uhr

Erste Hybridschule: Wie eine gute Nachbarschaft entsteht


Frankfurt geht beim Schulbau neue Wege. In der ersten Hybridschule Deutschlands teilen sich eine Grundschule und Wohnungen dasselbe Gebäude. Das wird nicht ohne Streit bleiben. Aber man kann vorbeugen.

Erste Hybridschule: Wie eine gute Nachbarschaft entsteht

In Frankfurt entsteht die erste Hybridschule Deutschlands: In die ersten beiden Etagen des Blocks zieht eine Grundschule, darüber kommen fünf Wohngeschosse. Die Pause verbringen die Schüler an Spielgeräten im  Innenhof. Durch diese ungewöhnliche Kombination will man in der dicht besiedelten Großstadt Platz sparen und nur so wenig Fläche versiegeln, wie unbedingt nötig ist. So interessant das Konzept und lobenswert dieser Ansatz auch ist: Man darf nicht blauäugig an die Sache herangehen und eine heile Welt erwarten. Konflikte zwischen den Mietern der Wohnungen und den Nutzern der Schule werden kaum ausbleiben. Die Nassauische Heimstätte errichtet das Gebäude und vermietet die Schule an die Stadt. Die Wohnungsgesellschaft vergibt 90 Prozent der Wohnungen in dem Block als Sozialwohnungen. Das bedeutet: Die Mieter sind förderberechtigt und unter Umständen nicht ganz freiwillig hier. Sie müssen in Kauf nehmen, dass ihr Ruhebedürfnis auf den Drang der Kinder stößt, sich zu bewegen und dabei laut sein zu dürfen. Grundschulen sind inzwischen auch keine Halbtagsorte mehr. Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung wird es zunehmend auch am Nachmittag laut. Das sollte der Vermieter den Mietern vor dem Einzug klarmachen und bestenfalls auch vertraglich Vorkehrungen für ein gutes Miteinander treffen. Laubengänge weisen zum Innenhof So lässt sich zumindest ein wenig steuern, wie sich dieses Spannungsverhältnis im Alltag bewährt. Aber nicht nur die Wohnungsmieter und die Schüler haben Bedürfnisse. Die Eltern wollen sich darauf verlassen können, dass es ihren Kindern gut geht. Schulen sind Schutzräume, für Grundschulen gilt das ganz besonders. Eltern wollen vermeiden, dass ihre Kinder vom Balkon aus beobachtet und womöglich fotografiert werden und ihr Verhalten kommentiert wird. Das lässt sich in einem traditionellen, eigenständigen Schulgebäude leichter sicherstellen. Auch dort ist der Schulhof in der Regel von der Straße aus einsehbar. Aber eine derartige Nähe und ein fast schon privates Verhältnis zu den Nachbarn bestehen dort nicht. Zwar werden die Wohnungen durch separate Treppenhäuser erschlossen. Aber von dort aus gelangen die Mieter über Laubengänge, die zum Schulhof weisen, zu ihren Wohnungen. Die Erfahrung zeigt, dass diese Gänge oft als Abstellflächen genutzt werden. Auch hier muss die Nassauische Heimstätte vorbeugen, dass nichts hinabfallen kann. Auf alle Eventualitäten kann man sich nicht vorbereiten. Aber vielen Konflikten, die in dieser Konstruktion angelegt sind, kann man vorbeugen, damit in der ersten Hybridschule Deutschlands eine gute Nachbarschaft entsteht. Dass Konflikte gänzlich ausbleiben, ist nicht zu erwarten. Das bedeutet aber nicht, dass man das spannende Projekt deswegen nicht realisieren sollte. Es ist einen Versuch wert.