Am Samstag ist in der Alten Oper etwas Widersprüchliches zu erleben: ein enthusiastisches Requiem. Enthusiastisch – also voller Leidenschaft und Freude – verspricht es wegen des Namens des Ensembles zu werden: Der Enthusiastenchor bringt zum dritten Mal musikbegeisterte Laien zusammen, die sich anspruchsvolle Werke vornehmen. In diesem Jahr steht „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms auf dem Programm, das bei genauem Hinsehen weniger düster ist, als man es bei einer Totenmesse vermuten könnte. „Mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Herrn“, singt der Chor bei der Probe, bis Florian Lohmann, Professor für Chorleitung, unterbricht: „Ich möchte mehr Freude in den Gesichtern sehen!“ Die Sänger haben sich für die letzte ganztägige Probe in der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) versammelt, der Große Saal dort ist für die Menge der Chormitglieder allerdings fast schon zu klein geworden. Einige stehen sogar auf der Empore. Mehr als 500 Bewerbungen sind in diesem Jahr eingegangen, 280 Kandidaten erhielten nach dem Vorsingen im Februar eine Zusage. Hinzu kommen etwa 100 Sängerinnen und Sänger des Hochschulchores und gut 70 Musiker des Hochschulorchesters sowie als professionelle Solisten Ylva Stenberg und Samuel Hasselhorn. Für Lohmann ist das Brahms-Requiem eines der ergreifendsten Werke der Chorliteratur: „Es stellt nicht die Klage über den Verlust, sondern den Trost für die Hinterbliebenen ins Zentrum“, sagt er. „Wenn ich eine Seite der Partitur umschlage, bin ich zwar nicht überrascht, was da kommt, aber begeistert, wie ich mich doch auf jede Stelle freue“, sagt Lohmann. Es sei jedoch auch ein forderndes Werk. Als Dirigent müsse er die Spannung des Werks über die sieben Sätze mehr als eine Stunde aufrechterhalten. Für den Chor mit seinen fast 400 Mitgliedern sei es eine Herausforderung, immer wieder ins Piano zurückzufinden und die körperliche Kraftanstrengung zu meistern, die das Requiem einfordert. „Highlight des Jahres“ Für Chormitglied Tatjana Varvitsiotis ist das Singen in Gemeinschaft „pures Glück“. Sie spüre, wie gut es ihrem Körper tue. Varvitsiotis lebt in Karlsruhe. 20 Jahre arbeitete die studierte Pianistin als Tanzkorrepetitorin an der HfMDK, bis eine Erkrankung an Multipler Sklerose sie 2022 zwang, das Klavierspielen und damit ihren Beruf aufzugeben. Der Enthusiastenchor, bei dem sie nun zum zweiten Mal mitsingt, sei ihr „Highlight des Jahres“. Nach dem letzten Konzert habe sie sofort begonnen, das Requiem zu üben – an jedem einzelnen Tag. Zum Zeitpunkt des Vorsingens kannte sie es schon auswendig. Auf die Bühne der Alten Oper wird sie ohne Noten treten und sich auf ihre monatelange Vorbereitung verlassen: „Bei dem Werk kann man sich nicht verstecken, jede Silbe muss sitzen“, sagt Varvitsiotis. Sobald feststehe, was der Chor im nächsten Jahr singt, werde sie wieder anfangen zu üben – am liebsten direkt am Tag nach dem Konzert. Auch Bettina und Julien Mues-Boeuf sind aus Karlsruhe angereist, um bei dem Projekt mitzumachen. Im vergangenen Jahr haben sie das Verdi-Requiem des Chores gehört. Das sei so „bombastisch“ gewesen, dass sie selbst Teil davon werden wollten – und das gemeinsam mit ihrem Sohn Jakob Mues, der an der HfMDK Musik auf Lehramt studiert und als Mitglied des Hochschulchores ebenfalls mitsingt. Julien Mues-Boeuf hat bereits in anderen Chören gesungen, aber noch nie in einem solch großen Ensemble. „Anfangs hatte ich Bedenken, mich verloren zu fühlen, aber das ist nicht so“, sagt er. Er fühle sich frei beim Singen und empfinde die Atmosphäre als sehr angenehm. „Die Begeisterung für das gemeinsame Singen vereint hier alle“, pflichtet ihm Bettina Mues-Boeuf bei. Ihr Sohn ergänzt, Lohmann sei genau der Richtige, um das Beste aus einer so heterogenen Gruppe herauszuholen. Zwei Probenwochenenden hatte der Chorleiter Zeit, das Werk zu erarbeiten. Bei der letzten langen Probe an Christi Himmelfahrt ist für ihn ein deutlicher Sprung zu hören. „Die Noten sitzen, jetzt können wir an den Feinheiten arbeiten.“ Dass der Enthusiastenchor nun zum dritten Mal ein Requiem singt, sei Zufall. Das Werk von Brahms habe dabei wohl am ehesten einen enthusiastischen Charakter, weil hier „das Leben über den Tod triumphiert“, so Lohmann. Mit dem Namen des Chores ist er dennoch nicht ganz glücklich: „Alle hier sind mit Enthusiasmus dabei, aber das ist bei anderen Chören auch so.“ Langfristig sei er offen für eine Namensänderung. Am Samstag bleibt es aber zunächst dabei: Der Enthusiastenchor wird auf die Bühne treten und ein Werk singen, das im zartesten Pianissimo beginnt mit den Worten „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“. Der Enthusiastenchor tritt am 16. Mai um 19 Uhr in der Alten Oper auf.
