Bill Anderson bleibt angriffslustig, trotz eines Rückschlags. Der Vorstandsvorsitzende des Pharma- und Agrarchemiekonzerns Bayer hatte in seinem Heimatland USA viel lobbyiert, um eine Passage in die „Farm Bill“ einfließen zu lassen. Die sollte Herstellern von Pflanzenschutzmitteln einen gewissen Schutz davor verschaffen, nach Zulassung eines Mittels von Anwendern verklagt zu werden. Genau das erlebte Bayer nach der Übernahme des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto in Tausenden von Fällen. Ende April entschied sich der Kongress, diese Passage zu Produktlabeln aus dem Entwurf zu streichen. „Furcht hat gegen Fakten gewonnen“, kritisierte Bayer danach. „In diesem Fall hat der Kongress einfach seinen Job nicht gemacht“, sagte Anderson am Dienstag in einer Videokonferenz zur Vorlage der Quartalszahlen von Bayer. Bayer hofft auf den Supreme Court Für den Dax-Konzern fällt die Entscheidung in eine wichtige Phase: Im langjährigen Gerichtsstreit rund um die angeblich krebserregende Wirkung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat steht nicht nur ein milliardenschwerer Vergleich mit Klägern an, sondern auch eine wegweisende Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten. Für Bayer geht es um mehr als die Zukunft von Glyphosat, nämlich um die Vermarktung von Innovationen generell. Was das für Landwirte bedeutet, spricht Anderson offen an. Bayers Problem ist die fehlende Rechtssicherheit. Zahlreiche Genehmigungsstellen rund um die Welt stufen Glyphosat als sicher ein, darunter auch die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA. Bayer wurde trotzdem mitunter wegen mangelnder Warnhinweise auf dem Produkt erfolgreich verklagt, während das Unternehmen argumentiert, dass es gar nicht vor einem Produkt warnen dürfe, das als sicher klassifiziert sei. Die Argumentation der Gegner bezeichnet Anderson als „Nonsense“, also Unsinn. Wofür brauche es sonst eine Behörde mit Tausenden Forschern, wenn deren wissenschaftliche Einordnung kein Gewicht habe? Bayer droht offen damit, Glyphosat vom Markt zu nehmen, das Pflanzenschutzmittel kommt sonst nur aus China in die USA, was zu Abhängigkeiten führen könnte. Anderson spielt die Karte der Versorgungssicherheit offensiv und hat die Landwirte hinter sich. Milliardengrab Monsanto Es steht aber auch viel auf dem Spiel. Bayer hat schon mehr als zehn Milliarden Euro für Rechtsstreitigkeiten bezahlt und erwartet Belastungen in ähnlicher Größenordnung. Allein im ersten Quartal flossen rund zwei Milliarden Euro an freien Mitteln vom Konzern an die Kläger. Die Unsicherheit vor Gericht reicht so weit, dass Bayer ein neues Insektizid bislang nicht im wichtigen Agrarmarkt USA vermarktet. Das Produkt Plenexos soll Ernten gegen Schädlinge schützen, aber Bestäuber gleichzeitig verschonen. Dafür reicht eine sehr geringe Konzentration des Wirkstoffs. Für ein Sojafeld so groß wie ein Fußballplatz genügen weniger als 17 Gramm. Anfang Juni entscheidet sich, wie viele Kläger einen Vergleichsvorschlag annehmen, für den Bayer bis zu 7,25 Milliarden Dollar eingeplant hat. Genauso wichtig wird die Grundsatzentscheidung des Supreme Courts, erhofft sich der Konzern doch davon mehr Rechtssicherheit und die Möglichkeit, Klagen auf niedrigeren Instanzen die Grundlage zu entziehen. Auch daran entscheide sich, ob Mittel wie Plenexos davor geschützt seien, nachträglich rechtlich angegriffen zu werden. Bald zehn Jahre ist es her, dass Bayer angekündigt hat, Monsanto übernehmen zu wollen. Kurz nach Abschluss der Transaktion im Jahr 2018 gab es die ersten Klagen. Bayer-Chef Anderson sieht die Grundidee der Übernahme mit dem starken Portfolio Monsantos im Saatgut und der digitalen Plattform weiter als „gesund und munter“ an. „Die finanziellen Bedingungen haben sich im Rückblick offensichtlich nicht sonderlich gut ausgewirkt“, sagte Anderson. Der Rechtsstreit sei bei der Übernahme aber schließlich nicht geplant gewesen. Operativ stützt das Agrargeschäft den Konzern derzeit. Im ersten Quartal stieg der Spartenumsatz währungs- und portfoliobereinigt um fast sieben Prozent auf rund 7,6 Milliarden Euro. Ein Sondereffekt war eine Lizenzvereinbarung mit dem Konkurrenten Corteva, die Bayer rund 450 Millionen Euro Extraumsatz einbrachte. Aber auch im Bereich Sojabohnensaatgut und Pflanzeneigenschaften verdoppelte sich das Geschäft, während die Pflanzenschutzmittel derzeit schwächeln. Obwohl der schwache Dollar auf Bayer lastet, stieg nicht nur der Umsatz auf Konzernebene, auch das operative Ergebnis (Ebitda) legte um neun Prozent auf 4,4 Milliarden zu. An der Börse kamen die Zahlen gut an, der Aktienkurs lag im Tagesverlauf um mehr als fünf Prozent im Plus.
