FAZ 06.05.2026
19:36 Uhr

Emmanuel Moulin: Dieser Macron-Vertraute soll Notenbankchef werden


Der Nachfolger von François Villeroy de Galhau steht praktisch fest. Designierter Gouverneur der Bank von Frankreich ist Emmanuel Moulin – ein Technokrat und Politprofi.

Emmanuel Moulin: Dieser Macron-Vertraute soll Notenbankchef werden

Anfang Februar hatte François Villeroy de Galhau seinen vorzeitigen Abgang als Gouverneur der französischen Notenbank angekündigt, um Präsident der gemeinnützigen katholischen Kinder- und Jugendstiftung Fondation Apprentis d’Auteuil zu werden. Jetzt steht sein Nachfolger praktisch fest. Mit Emmanuel Moulin soll einer der engsten Vertrauten von Staatspräsident Emmanuel Macron die Geschicke der ehrwürdigen Banque de France leiten. Was in Paris schon seit Wochen ein offenes Geheimnis war, ist mit der formalen Nominierung am Dienstagabend nunmehr offiziell. Anfang Juni wird der Posten frei. Moulin war bis Anfang dieser Woche Generalsekretär des Élysée-Palasts und damit, bildlich gesprochen, die rechte Hand des Präsidenten. Gut ein Jahr war er in dieser Funktion tätig. Davor war Moulin einige Monate lang Kabinettschef von Premierminister Gabriel Attal, davor wiederum für mehr als drei Jahre Direktor des einflussreichen Schatzamtes im Finanz- und Wirtschaftsministerium. Schon seit Langem ist dieser Posten das Sprungbrett zur Bank von Frankreich: von Renaud de La Genière über Jacques de Larosière, von Jean-Claude Trichet bis zu Christian Noyer – seit 1984 waren alle Gouverneure der Zentralbank Direktoren des Schatzamtes. Auch der scheidende Villeroy machte dort in jungen Jahren Karriere. Gouverneur über die Präsidentenwahlen hinaus Der 57 Jahre alte Moulin gilt als erfahrener, fachlich versierter und bestens vernetzter Technokrat und Politprofi. Sein Hochschulstudium schloss er an der ENA ab, die bis zu ihrer Abschaffung vor vier Jahren die Kaderschmiede der französischen Verwaltungselite war. Danach verbrachte der gebürtige Versailler den weit überwiegenden Teil seiner Berufslaufbahn in politischen Sphären. Gleich nach Macrons Wahlsieg 2017 wurde er Kabinettschef im Finanz- und Wirtschaftsministerium von Bruno Le Maire. Schon während der großen Finanzkrise war er stellvertretender Kabinettschef in diesem Schlüsselministerium, ehe ihn Präsident Nicolas Sarkozy als Wirtschaftsberater in den Élysée-Palast holte. Die damalige französische Finanz- und Wirtschaftsministerin hieß Christine Lagarde. Allzu lang ist die heutige Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht mehr im Amt, doch zumindest in der ersten Zeit wird es für Moulin als französischer Notenbankgouverneur ein Wiedersehen mit einer alten Vertrauten. Es ist noch völlig offen, welche Töne Moulin im EZB-Rat anstimmen wird. Wie Lagarde vor ihrer Berufung an die EZB-Spitze ist auch er bislang nicht als Geldpolitiker in Erscheinung getreten, obwohl er schon 2015 als möglicher Kandidat für den Gouverneursposten gehandelt worden war. Dass die französische Linie sich unter neuer Führung grundsätzlich ändert, ist nach einhelliger Auffassung aber nicht zu erwarten. Villeroy stand aus deutscher Sicht im Zweifel eher für einen etwas lockereren geldpolitischen Kurs. Er hat sich aber immer bemüht, Brückenbauer zwischen den Lagern zu sein. Zustimmung von Senat und Nationalversammlung benötigt Der Gouverneur der Banque de France ist genauso unabhängig wie der Bundesbankpräsident. Er unterliegt keinen politischen Weisungen. Diese Autonomie hat auch Villeroy, der vom sozialistischen Präsidenten François Hollande nominiert worden war, immer wieder hochgehalten. Gleichwohl mangelt es gerade in Paris nicht an politischem Druck auf die Notenbank. Vielen wird Moulin weiter als Macron-Mann gelten. Auch deshalb ist seine Ernennung kein Selbstläufer. Noch braucht es die Zustimmung von Senat und Nationalversammlung, in denen die Präsidentenpartei keine Mehrheit hat. Doch gilt es als wahrscheinlich, dass das Parlament der Berufung Moulins nach Verhandlungen nicht im Wege stehen wird – auch wenn die Opposition schon die Nominierung der Macron-nahen Amélie de Montchalin an die Rechnungshofspitze laut kritisiert. Die Autonomie der Bank von Frankreich garantiert, dass Moulin für sechs Jahre und somit über die Präsidentenwahlen im Frühjahr 2027 hinaus Gouverneur bleiben könnte. Einmal ernannt, könnte daran auch ein Rechtspopulist an der Staatsspitze nichts ändern. Nach wie vor wird deshalb in Paris vermutet, dass Villeroys vorzeitiger Abgang mit den Präsidentenwahlen zusammenhängt. In Umfragen liegen die Rechtspopulisten um Marine Le Pen vorne. Hätte Villeroy sein Mandat regulär bis Herbst 2027 ausgeübt, hätte der künftige Präsident den neuen Gouverneur bestimmt. So aber schaffen Macron und Villeroy Fakten – auch wenn Letzterer einhellig beteuert, dass sein Abgang nicht politisch motiviert sei und ihn auch niemand dazu gedrängt habe. Große Fußstapfen Seinem Nachfolger hinterlässt er in jedem Fall große Fußstapfen. Nach mehr als zehn Jahren an der Spitze der Bank von Frankreich ist Villeroy allein qua Erfahrung eine tonangebende Figur in der europäischen Geldpolitik. Auch in der französischen Innenpolitik hat sein Wort viel Gewicht. Mit seiner Eloquenz ist Villeroy ein Medienliebling, und mit seiner Kritik an der Finanz- und Wirtschaftspolitik hält er selten hinterm Berg. „Implizit haben wir in den vergangenen fünfzehn Jahren Entscheidungen zugunsten der Senioren und eher gegen die Jugend getroffen“, schrieb er gerade erst im traditionellen Jahresbrief an den Präsidenten. Er mahnte seine Landsleute, nicht länger über die Verhältnisse zu wirtschaften, länger und produktiver zu arbeiten und auch mal von europäischen Nachbarn zu lernen. In puncto Erwerbsquote und Renteneintritt meint das unter anderem Deutschland, zu dem Villeroy als Mitglied einer in Lothringen und im Saarland beheimateten Industriellenfamilie ein besonderes Verhältnis pflegt. Bundesbankpräsident Joachim Nagel bezeichnet er bei allen möglichen Gelegenheiten als seinen Freund. Ob auch Moulin so vertraut werden wird mit dem Nachbarn, wird sich weisen. Terra incognita ist Deutschland für den designierten Gouverneur nicht. Nicht zuletzt an den schwierigen Verhandlungen um die Reform des Stabilitäts- und Wachstumspakts war er beteiligt. Deutsche Finanzpolitiker haben Moulin, der privat gerne bergsteigt, als etwas unscheinbaren, ruhigen und zugleich kundigen und verlässlichen Helfer des machtbewussten Ministers Le Maire in Erinnerung.