FAZ 23.09.2026
07:42 Uhr

„Ein Nobody gegen russland“ im Kino: Die Schule als patriotische Anstalt


Der mit einem Oscar prämierte Dokumentarfilm „Ein Nobody gegen Putin“ zeigt, wie eine Schule am Ural mit Russlandstolz indoktriniert wird, gefilmt von einem Lehrer, der dadurch zum Spion wurde und fliehen musste.

„Ein Nobody gegen russland“ im Kino: Die Schule als patriotische Anstalt

In der Stadt Karabasch am östlichen Ural sieht vieles aus, als hätte die Sowjetunion nie ein Ende gefunden. Die Struktur der Wohnblöcke können Kundige den jeweiligen Generalsekretären der Kommunistischen Partei zuordnen, unter denen sie gebaut werden. Eine Kupferhütte macht die schwerindustrielle Basis der örtlichen Wirtschaft aus und trug Karabasch den zweifelhaften Ehrentitel der „giftigsten Stadt der Welt“ ein. Wenn man einen Ort suchen wollte, an dem die Russische Föderation in ihrer charakteristischen Spannung zwischen dem frühen 21. Jahrhundert und mächtig nachwirkenden Vergangenheiten prägnant erkennbar ist, dann wäre Karabasch eine gute Wahl. Man könnte dann zum Beispiel bei Frau Talankin anfangen, die perfekt dem Typus einer sowjetischen Kollektivmutter entspricht. Zerfledderte Bücher klebt sie sorgfältig wieder zusammen, der Computerraum der lokalen Schule scheint zugleich ihr Büro zu sein. In dem Dokumentarfilm „Ein Nobody gegen Putin“ kommt ihr eine wichtige Nebenrolle zu, denn es ist ihr Sohn Pascha (Pawel), der darin zu einem Helden wird. Zu einem Helden jedenfalls aus einer spezifischen Sicht. Denn der junge Mann hat in der Schule 1 von Karabasch im Jahr 2022 eine wichtige Aufgabe. Er ist für Projektunterricht zuständig, in seinem Büro kommen junge Menschen zusammen, die sich mit audiovisuellen Medien beschäftigen. In diesem Raum herrscht auch ein gewisser Geist, der durch eine blau-weiße Flagge signalisiert wird. Sie steht in Putins Russland für eine demokratische Opposition, der Pawel sich zurechnet. Die Botschaften müssen bei jedem Siebenjährigen ankommen Als im Februar 2022 der Krieg gegen die Ukraine in den Versuch einer Vollinvasion übergeht, wird die Rolle des leicht nerdig wirkenden Projektlehrers prekär. Er muss mit ansehen, wie nun plötzlich Fahnenappelle zum Protokoll des Unterrichts gehören. Und weil er auch die Rolle eines Videographen des Schulalltags versieht, muss er diese Szenen filmen. Pawel Talankin mikrophoniert nun also morgens Lehrerinnen, die vor ihren Klassen offizielle Verlautbarungen verlesen müssen. Er muss diese Aufnahmen sogar auf eine Plattform hochladen, auf der zentral überprüft wird, dass Putins Botschaften bei jedem Siebenjährigen in Karabasch ankommen. Beim Geschichtslehrer Abdulmanow treffen die neuen Pflichten auf einen Begeisterten. Er war wohl immer schon ein Anhänger von Putins Nationalismus; nun ist seine Stunde gekommen, und er kann aus der Schule eine patriotische Anstalt machen. Eine Weile sah Pawel Talankin sich die neuen „Eingriffe in den Bildungsprozess“ an; eine Weile brauchte er, um seine zunehmende Isolation zu begreifen. Als er schließlich die Konsequenzen zog und der Schule seine Kündigung mitteilte, geschah etwas Überraschendes: Er bekam auf Instagram eine Nachricht aus Amerika. Der Dokumentarfilmemacher David Borenstein meldete sich mit einer Anregung. Talankin könnte doch seine Position nutzen und noch ein wenig länger den Zeugen für die Veränderungen in Russland machen. Diese Verabredung wird in dem nunmehrigen Film „Ein Nobody gegen Putin“ nur sehr beiläufig erwähnt, dabei ist sie doch dessen Grundlage. Denn Borenstein und Talankin werden gemeinsam als dessen Urheber geführt, beide teilten sich auch den Oscar für den besten Dokumentarfilm, der ihnen im März dieses Jahres verliehen wurde. Ihre Rollen sind dabei klar verteilt: Von Talankin stammt das Material, während Borenstein dabei half, es zu einem Film zu machen und dafür eine Öffentlichkeit zu finden. Voraussetzung war, dass Talankin im Sommer 2024 Russland verließ. Wäre er noch dort, hätte er nur seine Videoaufnahmen in die Freiheit geschickt, er hätte sicher drastische Sanktionen zu gewärtigen gehabt. Streng genommen sieht man in dem Film allerdings nichts, was dem autoritären Machthaber missfallen müsste. Man sieht einfach, wie eine Gesellschaft in das Zeichen einer Ideologie gestellt wird, die einen grausamen Krieg gegen ein Nachbarland geradezu unabdingbar wirken lassen soll. Man sieht, wie junge Leute von einer Mobilmachung erfasst werden. Die Abschiedsrituale sind ruppig: Einem jungen Mann namens Wanja wird eine „Landebahn“ geschnitten, eine Frisur, die ihn so verunstaltet, dass der bald unvermeidliche Soldatenhaarschnitt wie eine Verbesserung wirken muss. Mascha, eine der begabtesten und wohl auch sensibelsten Projektschülerinnen von Pascha, sieht ihren Bruder in den Krieg ziehen – und steht Monate später an dessen Grab. Granatenweitwerfen als neuer Sport In dieser Zeit, in der Talankin sich bereits ausdrücklich als eine Art Spion begreift, fällt auch die Gründung der neuen Kinder- und Jugendbewegung, mit der Putin eine Nachfolge der sowjetischen Pionierorganisationen zu schaffen versucht – ein Institut zur Indoktrination, ganz zugeschnitten auf den imperialistischen Russlandstolz, den der zunehmend wahnhafte Präsident seiner Riesenföderation verordnet. Als schließlich Vertreter der Söldnergruppe Wagner in die Schule kommen und dort Schmetterlingsminen herumreichen, als Wettbewerbe in „militärisch angewandten Sportarten“ wie Granatenweitwerfen eingeführt werden, wird für Talankin klar, dass sein aufklärerisches Amt als Videograph für eine kritische Öffentlichkeit jenseits von Russland nicht mehr länger haltbar sein wird. Mit dem Abschluss des Schuljahres 2024 endet auch sein selbst auferlegtes Mandat. Er nimmt noch zu Protokoll, dass der Lehrer Abdulmanow, dieser reaktionäre Dandy mit der Krawattennadel und dem Habitus eines Nachfolgers des einstigen Kreml-Ideologen Suslow, für seine Beliebtheit ausgezeichnet wird; als Lohn bekommt er eine Neubauwohnung zugewiesen. Talankin führt Buch, wie der Tod an der fernen Front in die Gemeinschaft von Karabasch tiefe Schneisen schlägt. „Mutter Russland wird uns nie vergessen“, lautet eine Trostformel. Von Mutter Russland und von seiner leiblichen Mutter musste Talankin sich lossagen, um dann schon im Westen seinen Film zu machen. Dieser ist für zwei Öffentlichkeiten zugleich gemacht, er wird sicher auch bei digital Versierten in Russland zirkulieren, der Geheimdienst wird ihn sich genau angesehen haben. Für Öffentlichkeiten in Deutschland, in denen immer noch verstockte Rationalisierungen des russischen Angriffskriegs kursieren, ist „Ein Nobody gegen Putin“ ein wichtiges Zeugnis. Für diesen Zweck ist auch zu akzeptieren, dass Borenstein und Talankin auf eine reflexivere Form der Montage verzichtet haben. Sie hätten deutlicher offenlegen können, wie ihre Zusammenarbeit verlief. Manches muss dabei aber wohl auch im Angedeuteten verbleiben, weil die Menschen in Karabasch, die man zu sehen bekommt, weiterhin dort leben müssen, nicht zuletzt Mutter Talankin. Der Hoffnung, das sie alle irgendwann wieder „die reine Luft des Ural“ atmen können, ist „Ein Nobody gegen Putin“ gewidmet. Auch dieser Hoffnung wegen kommt der Film, der schon im Fernsehen lief, nun auch noch in die Kinos.