FAZ 05.06.2026
15:06 Uhr

Ebola in Ostkongo: „Sie sehen aus wie Aliens!“


Misstrauen gegenüber Helfern und Mythen um die Krankheit erschweren den Kampf gegen Ebola in Afrika. Vielerorts ist die Skepsis größer als die Panik.

Ebola in Ostkongo: „Sie sehen aus wie Aliens!“

In Rwampara laufen die Aufräumarbeiten. Vor gut einer Woche standen Isolationszelte nahe des Allgemeinen Krankenhauses in der Stadt in Ostkongo in Flammen. Eine Hilfsorganisation hatte sie eilig für verdächtige Ebola-Patienten errichtet. Die Brandstifter hatten aus Wut gehandelt, weil das Klinikpersonal die Übergabe eines Leichnams verweigert hatte. Wie es in afrikanischen Ländern üblich ist, wollte die Familie den Mann, der vermutlich an Ebola verstorben ist, traditionsgemäß bestatten – ohne Sicherheitsvorkehrungen, begleitet von der gesamten Familie und Dorfgemeinschaft. Letztlich gelang es ihnen mit Gewalt, die Leiche mitzunehmen. In Ostkongo grassiert das Ebola-Virus. Am 15. Mai hatte die Regierung in Kinshasa einen abermaligen Ausbruch bestätigt. Zwei Tage später deklarierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch zu einer gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite. Es ist der siebzehnte seit der Entdeckung des Virus in den Siebzigerjahren. Doch dieses Mal handelt es sich um den seltenen Bundibugyo-Strang, für den es noch keinen zugelassenen Impfstoff und keine spezifischen Medikamente gibt. Einen genauen Überblick hat niemand Vielerorts ist die Skepsis dennoch größer als die Panik. Wie Anwohner berichten, geht das Alltagsleben auch im Epizentrum des Ausbruchs, in der Provinz Ituri, seinen gewohnten Gang. In den Krankenhäusern aber kämpfen Ärzte und das Gesundheitspersonal um das Überleben der Patienten und gehen dabei selbst ein hohes Risiko ein. Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen befürchten, dass sich das Virus schneller verbreitet, als die mit Ebola-Ausbrüchen vertrauten Gesundheitssysteme reagieren können. Einen genauen Überblick hat derzeit niemand, einige Verdachtsfälle erwiesen sich zuletzt als falsch. Das zeigt sich in den Bekanntmachungen der WHO und der Gesundheitsagentur der Afrikanischen Union (Africa-CDC). Nach den zuletzt veröffentlichten Daten sind es aktuell mehr als 300 bestätigte Infektionen und gut 100 Verdachtsfälle, 48 Menschen starben bislang an der Krankheit. Einige Tage vorher hatte die WHO mehr als 900 vermutete Verdachts- und mehr als 200 vermutete Todesfälle gemeldet. Einige bestätigte Infektionen und einen Todesfall gab es im benachbarten Uganda. Bis ein Impfstoff entwickelt und einsatzfähig ist, ist es ein Wettlauf mit einfachen Mitteln gegen ein gefährliches Virus – und zugleich gegen Mythen und ein tiefsitzendes Misstrauen. „Diese Leute haben unser Krankenhaus angegriffen, weil sie nicht die richtigen Informationen hatten und die Krankheit nicht wirklich verstanden haben“, sagt Isaac Mugeni, der Leiter des Allgemeinen Krankenhauses in Rwampara. Patienten seien in dem Chaos nach Hause geflüchtet. „Oft kommen die Patienten erst in einer kritischen Lage hierher“ Er befürchtet, dass einige Anwohner nun erkrankte Verwandte zu Hause versteckten und so wertvolle Zeit für die Behandlung verstreicht. „Oft kommen die Patienten erst in einer kritischen Lage hierher, sie bluten stark, sind dehydriert, leiden unter Erbrechen und Durchfall.“ Die Proteste haben auch unmittelbar schlimme Folgen. In einem anderen Krankenhaus in Ituri, das mehrfach von einem Mob angegriffen wurden, starb ein Patient, als er aus seinem Bett flüchten wollte. Ausschreitungen dieser Art sind kein neues Phänomen. Während eines Ebola-Ausbruchs in Ostkongo von 2018 bis 2020 hatten Anwohner Behandlungszentren und medizinisches Personal attackiert. Mehr als 25 Beschäftigte im Gesundheitswesen wurden getötet. Forscher fanden später heraus, dass in einigen Fällen Milizen dahintersteckten, die den Ausbruch für ihre eigenen Ziele nutzten. Drei Jahre vorher hatten sich ähnliche Szenen in Sierra Leone abgespielt. Charlie Herbert verfolgte die Lage dort damals aus der Nähe. Der frühere britische Generalmajor leitete eine Gemeinsame Einsatztruppe mit humanitärem Auftrag in Sierra Leone, an der Großbritannien, Irland und Kanada beteiligt waren. „Es gab viele Mythen über Ebola – die sich an manchen Orten auch nicht vertreiben ließen. Ich hörte oft, dass Ebola als künstlich hergestelltes Virus bezeichnet wurde, das die ‚Weißen‘ in Westafrika freigesetzt hätten. Manche Leute glaubten, dass die Dekontaminationsteams, die die betroffenen Häuser reinigten, in Wirklichkeit Ebola versprühten“, erinnert er sich in einem Gespräch mit der F.A.S. In abgelegenen Dörfern, die weitgehend von der modernen Medizin abgeschnitten waren, hatten die Einheimischen auch Vorbehalte gegenüber Gesundheitspersonal und Einsatzkräfte, die von Kopf bis Fuß in Schutzanzüge gekleidet waren. „Wie mir damals jemand sagte: ‚Sie sehen aus wie Aliens‘.“ In Ostkongo scheint die Skepsis nun besonders groß zu sein. Laut einer Studie der Hilfsorganisation Action-Aid in drei Gesundheitszonen in Ituri bezweifelt jeder Dritte die Existenz von Ebola. Nur 34 Prozent der Befragten konnten mindestens drei Übertragungswege des Virus korrekt benennen, lediglich 64 Prozent glaubten, dass Ebola real ist und nicht auf spirituelle oder mystische Ursachen zurückzuführen ist. Viele fühlen sich von Kinshasa im Stich gelassen Ein Grund ist, dass gängige Ebola-Tests in mehreren Fällen negative Ergebnisse geliefert hatten, weil sie für bekanntere Stränge des Virus entwickelt worden waren. Die jüngste Korrektur der Zahl der Verdachtsfälle dürfte auch nicht zur Vertrauensbildung beigetragen haben. Darüber hinaus verbreitet sich das Virus in Gegenden, in denen die Bewohner über Jahrzehnte hinweg Konflikte, Korruption und Gräueltaten erlebten. Geschätzt sind mehr als 100 bewaffnete Gruppen im Osten des riesigen Landes aktiv, eine von Ruanda unterstützte Rebellengruppe hat Anfang 2025 große Gebiete in den Provinzen Nord- und Südkivu, einschließlich der Provinzhauptstädte, eingenommen. Viele Menschen fühlten sich von der nationalen Regierung im 2600 Kilometer entfernten Kinshasa im Stich gelassen, berichtet eine Studentin aus Goma. Das Vertrauen sei gering, dass der Ebola-Ausbruch daran etwas ändere. Balobaki Check, eine Fakt-Checking-Organisation in Kongo, fand sogar Posts in den sozialen Medien, die dem Staatspräsidenten unterstellten, hinter dem Ausbruch zu stecken, um die Kontrolle in Ostkongo wiederzuerlangen und die Bevölkerung zu „bestrafen“. Ein Glaubwürdigkeitsproblem haben aber auch Hilfsorganisationen. Die Fakten-Checker stießen auf Behauptungen, die Organisationen dramatisierten den Ausbruch oder hätten ihn sogar erfunden, um Spendengelder einzusammeln. Auch medizinische Helfer bleiben von solchen Verdächtigungen nicht verschont. „Wir haben es sehr schwer, die Menschen zu überzeugen, dass die Krankheit existiert“, sagt Mugeni, der Arzt in Rwampara. „Sie sagen, es handle sich um ein Komplott des Krankenhauspersonals, um ihre Einkünfte zu steigern, das Virus werde in den Krankenhäusern zu diesem Zweck erzeugt“. Nur eines von vielen lebensbedrohlichen Risiken Für die einzelne Person in Ostkongo ist eine Ebola-Infektion gegenwärtig nur eines von vielen lebensbedrohlichen Risiken. Die bewaffneten Gruppen, einige mit Verbindungen zum Islamischen Staat, terrorisieren seit Jahren die Bevölkerung. Nach UN-Schätzungen wurden mehr als 7,8 Millionen Menschen durch die Gewalt vertrieben. „Manche verstehen nicht, warum eine Krankheit so viel Aufmerksamkeit erregt, während die Bevölkerung seit Jahrzehnten weitaus Schlimmeres erleidet“, sagte der Konfliktforscher Reagan Miviri kürzlich in einem Podcast. Während die USA beispielsweise innerhalb weniger Wochen mehrere Millionen Dollar zur Bekämpfung der Epidemie mobilisierten, fehle es Millionen von Binnenvertriebenen in derselben Region an den grundlegenden Dingen. Solche Widersprüche schürten zusätzlich die Zweifel an der Epidemie und an dem dringenden Handlungsbedarf. Derweil kursieren Verschwörungstheorien und höchst fragwürdige Ratschläge in den sozialen Medien, wie bei früheren Ebola-Ausbrüchen, in der Corona-Pandemie oder über HIV-Aids. Da empfahl etwa eine Frau in einem 13 Minuten langen Tiktok-Video, Guaven-Blätter, rote Zwiebel und Knoblauch gegen das Virus zu essen. Auch altbekannte Behauptungen, das Ebola-Virus sei im Labor erzeugt worden, um die „Bevölkerung in Ostkongo auszulöschen“, oder der Westen führe in Afrika medizinische Versuche durch, tauchen wieder auf. Manche Nutzer stellen einen Zusammenhang mit dem Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff her, selbst Verbindungen mit der Fußballweltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada halten einige für plausibel. Auffällig sei, dass viele Falschmeldungen offenbar von Accounts in den USA stammten und vor allem den heimischen amerikanischen Markt bedienten, heißt es in einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). Schon am 17. Mai seien Posts von „Health Influencers“, Impfgegnern, mit Künstlicher Intelligenz unterstützten Verschwörungskanälen und Vermarktern von Nahrungsergänzungsmitteln und „Medikamenten“ in den USA im Umlauf gewesen. Die Beiträge hätten aber keine nennenswerte Resonanz gefunden. Besorgniserregender seien die reichlichen Desinformationskommentare zur Berichterstattung in bekannten internationalen Medien. Noch bestimmen online Gesundheitsbehörden den Diskurs Russische Onlineakteure, die frühere Ebola-Ausbrüche für Propaganda gegen westliche Regierungen genutzt hatten, fielen indes bisher noch nicht auf. Bei russischen Auslandsmedien sei bislang lediglich ein positives „Russland-Framing“ zu beobachten, etwa durch Berichte über entsandte Hilfe, schreiben die Autoren der Studie. Getarnte russische Kanäle, wie die dem russischen Geheimdienst zugeordnete Nachrichtenplattform „African Initiative“, berichteten zusätzlich über einen angeblich existierenden russischen Impfstoff. Unlängst erklärte der Africa-CDC-Chef, es handle sich um ein Vakzin gegen den bekannteren Zaire-Strang. Seine Wirksamkeit gegen den Bundibugyo-Strang werde geprüft. Fraglich ist, welchen Einfluss die Posts auf die Bevölkerung in Ostkongo haben. Im Onlineraum in Kongo und Uganda ergab eine Stichprobenuntersuchung von 30.000 Posts auf der Plattform X, dass dort bisher Gesundheitsbehörden und Traditionsmedien den Diskurs bestimmten, und zwar mit Fakten, Warnungen und seriösen Ratschlägen. Verschwörungs- und Desinformationsnarrative schwappten demnach noch nicht breitflächig über, heißt es in der KAS-Studie. Das könne sich mit dem Fortschreiten der Epidemie aber ändern. „Wir müssen diese fragilen Staaten unterstützen“ Charlie Herbert, der frühere britische Generalmajor, appelliert nach seiner Erfahrung in Sierra Leone an internationale Regierungen, der Ebola-Epidemie nicht tatenlos zuzusehen. „Wir müssen diese fragilen Staaten unterstützen.“ Abgesehen von der humanitären Lage, wären auch die globalen wirtschaftlichen Folgen gravierend, wenn sich die Krise auf Ostafrika ausweitete und beispielsweise Nairobi erreiche. „Dann stünden wir vor einem viel größeren Problem. Es ist leicht gesagt, das geht uns nichts an, wir haben schon genug Probleme. Strategisch ist es wichtig, dass wir den Ausbruch unter Kontrolle bekommen“, sagt er. Am wichtigsten sei es in diesem Stadium, die Bevölkerung aufzuklären. „Man muss sich anstrengen, um das Vertrauen zu gewinnen. Man muss die Angst und die Sorgen abbauen. Denn es sind die Menschen, die diese Pandemie beenden werden. Wenn Fälle verheimlicht werden, wenn gefährliche Bestattungspraktiken angewendet werden, wenn die Toten gewaschen werden, wenn Fälle nicht gemeldet werden, wird sich das Ganze wie ein Feuer immer weiter ausbreiten.“ Wichtig sei die Einbeziehung des lokalen Gesundheitswesens, örtlicher Respektspersonen und der dortigen Medien. „Ich hatte in Sierra Leone den Eindruck, dass sich die internationale Gemeinschaft zu sehr auf die Bedürfnisse internationaler Medien konzentriert. Selten hatte ich das Gefühl, dass genug getan wurde, um die einheimischen Medien einzubinden.“ Die überzeugendsten Kommunikatoren seien damals Ebola-Überlebende gewesen, die der Beweis waren, dass die Krankheit überwunden werden kann, wenn sie früh entdeckt wird. In Ostkongo muss man darauf warten. Das ist eine weitere Crux der neuen Virusvariante. Vier genesene Ebola-Patienten wurden vor einigen Tagen mit ihren Zertifikaten der Presse vorgestellt. Nach den jüngsten Angaben der WHO haben bislang erst sechs Menschen die Krankheit offiziell überstanden.