Das Akronym CBAM, umgangssprachlich der EU-Klimazoll, treibt den meisten Stahl- und Aluminiumherstellern außerhalb der EU den blanken Schweiß auf die Stirn. Seit Januar fällt wegen des CO₂-Grenzausgleichssystems für jede in die EU importierte Tonne Stahl und Aluminium eine Extragebühr an – nur nicht bei Albert Valteri. Dem Manager des albanischen Unternehmers Everest, das in der Hauptstadt Tirana Aluminiumprofile herstellt, zaubert die Erwähnung des „Carbon Border Adjustment Mechanism“ vielmehr ein Lächeln ins Gesicht. Er sagt: „Für uns ist das ein echter Vorteil.“ Valteri setzt in der Herstellung seiner vielfach in der Auto- und Fensterbranche eingesetzten Aluprofile kein Kohlendioxid (CO₂) frei. Das Unternehmen greift in der Produktion nach eigenen Angaben komplett auf Recyclingmaterial zurück und nutzt ausschließlich Strom aus erneuerbaren Quellen. Der stammt zur Hälfte aus eigens installierten Photovoltaikpaneelen und zur Hälfte aus dem von Wasserkraft bestimmten albanischen Stromnetz. Das Aluminium sei „sozusagen doppelgrün“, scherzt Valteri. Das vermutlich einzige positive Erbe des Terrorregimes Das ist eine Spätfolge des Endes der Achtzigerjahre abgetretenen Regimes des Steinzeitkommunisten Enver Hodscha – und vermutlich das einzig positive Erbe. Hodschas Terrorregime, an das im Straßenbild bis heute die Einmannbetonbunker erinnern, hatte auf wirtschaftliche Autarkie und heimische Wasserkraft im abgeschiedenen Balkanland gesetzt. Mit chinesischer Hilfe ließ Hodscha riesige Talsperren bauen. Bis heute stammen nach Angaben der Internationalen Energieagentur 97 Prozent der Stromerzeugung aus 130 kleinen und großen Wasserkraftwerken, der Rest aus Photovoltaikanlagen. Für Everest erweist sich das als Glücksfall. Die Brüsseler Sondersteuer an der Grenze kann der größte Aluminiumverarbeiter und drittgrößte Exporteur im EU-Kandidatenland Albanien sich sparen. Dabei geht es um viel Geld. Im April hatte die EU die CO₂-Steuer auf zunächst 75,36 Euro je Tonne festgelegt. Multipliziert man sie mit der Everest-Kapazität für die Autozulieferproduktion von 26.000 Tonnen, ergibt allein das einen Millionenbetrag. EU-Klimazoll führt zu steigenden Importpreisen Anfang Juli wird die EU den Preis für das zweite Quartal bekannt geben. Von 2027 an wird der Preis, der sich an den Kosten der Emissionszertifikate ausrichtet, dann wöchentlich festgesetzt. Am Markt rechnet man mit langfristig steigenden Kosten für in die EU importierte, CO₂-intensive Waren. Valteri schätzt die Kosten, die seinen Konkurrenten außerhalb der EU durch den CO₂-Grenzausgleich entstehen, im kommenden Jahr auf 160 bis 260 Euro pro Tonne. Um die Größenordnung seines Vorteiles verständlich zu machen, wählt er einen Vergleich: Auf einen Lkw gerechnet sei das das Doppelte der Transportkosten für eine Lieferung nach Deutschland. Hier werden die Vorprodukte aus Tirana in Volkswagen- und Mercedes-Fahrzeugen sowie in Häusern verbaut. Vier Fünftel der Produktion würden exportiert, das meiste davon in die EU, sagt Valteri. Künftig dürfte es noch mehr sein. Denn der Kostenvorteil der albanischen Wasserkraft spricht sich herum. Heimische Wasserkraft macht Industrie wettbewerbsfähiger „Wir haben mehr Kundenanfragen als früher“, sagt der Manager, dessen Vater und Onkel das Familienunternehmen mit heute 600 Beschäftigten 1997 gegründet hatten. Viele Konkurrenten müssten nun die EU-Steuer zahlen. „Wir sind also sehr wettbewerbsfähig, das ist sehr gut für uns“, sagt er und fügt diplomatisch hinzu: „Es ist auch sehr gut für europäische Kunden.“ Die Everest-Pressen liefen rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Die heimische Wasserkraft hilft in Albanien nicht nur Industriebetrieben beim Export in die EU, sie schützt das Land auch ein wenig vor den inflationären Folgen der Ölpreiskrise infolge des Irankriegs. Der höhere Öl- und Gaspreis schlägt nur auf Benzin-, Diesel- und Transportkosten durch, nicht aber auf die Stromerzeugung. Deshalb erwartet der Internationale Währungsfonds auch in diesem Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 3,4 Prozent nach 3,5 Prozent im Vorjahr. Die Regierung hatte 3,8 Prozent Zuwachs errechnet. Tourismus ist Treiber für Albaniens Wirtschaft Treiber des Wachstums in Albanien war und ist der Tourismus. Im vergangenen Jahr zählte das 2,6-Millionen-Einwohner-Land zwölf Millionen Besucher. Das waren mehr als doppelt so viele wie 2021. „Beeindruckend für ein Land dieser Größe“ nennt das Volker Adams vom Deutschen Reiseverband. Seit 2021 verdreifachten die Einnahmen aus dem Tourismus sich auf 5,7 Milliarden Euro, sein Anteil am BIP stieg von zwölf auf 21 Prozent. Doch auch in Tirana hat man verstanden, dass Billigreisen nicht die Zukunft sind. Jared Kushner, der Schwiegersohn von Donald Trump, ist nicht der Einzige, der mit dem Bau von Luxushotels an albanischen Traumstränden Geld verdienen will. Einen Hauch von „Goldgräberstimmung in der albanischen Wirtschaft“ macht der Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Volker Treier, aus. Touristen brauchen nicht nur Sonne und Strand, sondern auch Hotels, Restaurants, Straßen und Flugplätze. Digitale Bezahlalternative zum Bargeld bald Pflicht Die Regierung setzt derweil auf eine Verbreiterung der Wirtschaftsstruktur – jenseits vom Tourismus und der sehr gut laufenden Bauwirtschaft, wo manches im Schatten der Steuergesetze blüht. Die Digitalwirtschaft steht bei den Regierungsplänen oben an. Albanien ist eines der wenigen Länder auf der Welt, das alle Behördengänge digital anbietet. Von Juli an muss jedes Hotel und jedes Restaurant zumindest eine digitale Bezahlalternative zum Bargeld offerieren. Ministerpräsident Edi Rama machte öffentlichkeitswirksam sogar eine Künstliche Intelligenz (KI) zur Ministerin, in der Hoffnung, die weitverbreitete Korruption bei Ausschreibungen zu verringern. Wirtschaftsvertreter bedauern, dass der Kampf gegen Korruption in der Wirtschaft wegen der unzureichenden Ausstattung der Justiz noch länger dauern werde. Als Hindernis besonderer Art beschreibt der IT-Manager Christian Dölker das in Deutschland vorherrschende Image Albaniens als Reiseland. Das verstelle, anders als in Rumänien oder Bulgarien, den Blick auf den Standort für Informationstechnik. Doch habe das kleine Land für Betriebe vor Ort wiederum den Vorteil, dass kein Microsoft eine Großinvestition tätige und dann die Mitarbeiter wegkaufe. Unterstützt von den stattlichen Überweisungen der Arbeitsmigranten ist Albanien das wachstumsstärkste Land auf dem Balkan. Die Verschuldung ist niedrig, die Staatsfinanzen gelten als solide, die Devisenreserven der Notenbank reichen aus, um Importe sieben Monate lang zu bezahlen. Darüber geraten sogar hartgesottene Manager ins Schwärmen. „Das ist das Dubai von morgen“, ruft Tobias Stricker vom deutschen Baustoffkonzern Knauf. Vizewirtschaftsminister Enkelejd Musabelliu antwortet darauf nüchtern mit dem zwölf Jahre alten Werbespruch des Landes: „We go our own way.“ Doch der eigene Weg, und das sagt nicht nur Valteri vom Aluminiumprofilhersteller Everest, müsse „so schnell wie möglich in die EU führen“.
