FAZ 10.05.2026
15:42 Uhr

ESC-Tagebuch aus Wien (1): Der ESC feiert sein 70. Jubiläum


Die Proben für den Eurovision Song Contest laufen schon seit gut einer Woche – allerdings hinter verschlossenen Türen. Nun geht der ESC auch offiziell los. Gefeiert wird dabei vor allem sein 70. Jubiläum.

ESC-Tagebuch aus Wien (1): Der ESC feiert sein 70. Jubiläum

Wien hat sich bestens vorbereitet: Auch wenn nicht jede Laterne beflaggt ist und an jeder Straßenecke Plakate hängen: dass Eurovision Song Contest (ESC) in der Stadt ist, spürt man fast überall. Und am Sonntagnachmittag um 17 Uhr geht es auch offiziell los: mit dem Empfang am Wiener Rathaus. Die Künstler mit ihren Delegationen aus allen 35 teilnehmenden Nationen, das sind so wenige wie noch nie seit der Einführung der Halbfinals im Jahr 2004, werden zunächst über einen türkisfarbenen Teppich vom Burgtheater bis zum Rathaus laufen, wo sie dann von Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) begrüßt werden. Mit dabei ist natürlich auch Sarah Engels, die am Samstag ihre zweite Probe in der Stadthalle absolvierte. Die Proben finden hinter verschlossenen Türen statt, nur wenige Fotos und Videosequenzen sind bisher von der Europäischen Rundfunkunion (EBU) veröffentlicht worden. Die Künstler sollen sich freier entfalten können als früher, ohne allzu kritische Begleitung in den ersten Tagen, was manche allerdings als Zensur empfinden. Denn was wirklich bei den Proben passiert, darüber lässt sich bisher nur spekulieren. Durchgesickert ist, dass Sarah Engels etwas in Gold trägt, dass sie auf einem Würfel mit einer Balladenversion von ihrem Lied „Fire“ beginnt, dann geht es in die schon bekannte Dance-Pop-Nummer über, das Ganze wird begleitet von vier Tänzerinnen. Am Ende soll die Bühne in Flammen stehen, passend zum Lied. Finnland bleibt weiter der Favorit Plätze hat die Dreiunddreißigjährige bisher nicht gutmachen können: Sie liegt immer noch weit hinten. Favorit bleibt Finnland laut fast aller Wettbüros und Umfragen. Das Duo Linda Lampenius & Pete Parkkonen mit seinem Lied „Liekinheitin“ ist dabei nicht unumstritten, auch weil die EBU der Violinistin Lampenius kurzfristig in Wien die Erlaubnis erteilt hat, dass sie ihr Instrument live und in ein Mikrofon spielen darf. Laut Statuten muss die Musik auch von Soloinstrumenten eigentlich vom Band abgespielt werden, sie ist also zu 100 Prozent Playback. Der ESC in Wien steht ganz im Zeichen des diesjährigen Jubiläums. Der erste Grand Prix jährt sich zum 70. Mal. Dafür hat die Stadt mit 111 Nebenveranstaltungen das größte Nebenveranstaltungsprogramm in der Geschichte des Wettbewerbs organisiert, wie Bürgermeister Ludwig am Wochenende stolz verkündete. „Unzählige Museen und Galerien, mehr als 15.000 Konzerte und Festivals, drei Opernhäuser, über 100 Veranstaltungsorte für Musik und Theater sowie historische Paläste und Schlösser – es ist wirklich für jeden etwas dabei.“ Nach der Eröffnung am Wiener Rathaus verwandelt sich der Platz davor, der Rathausplatz, in das Eurovision Village. Dort finden dann Dutzende Livekonzerte in den nächsten Tagen statt und jeweils das größte Public Viewing ganz Österreichs (angeblich sogar der Welt) zu den beiden Halbfinals am Dienstag und Donnerstag sowie zum Finale am Samstag. Auch sonst findet sich der ESC an vielen Orten in der Stadt: etwa mit dem Eurovision Market Contest im Naschmarkt in der neuen Markthalle mit lokalen Spezialitäten und Live-Musik. Es werden Themenspaziergänge und ESC-Stadtführungen angeboten, in den Straßen soll es „stille Discos“ geben,  und auf der Donau verkehren Partyboote. Die Vielzahl an Veranstaltungen lässt sich kaum überblicken, aber einige wenige sind doch sehr besonders. Weil sie sich mit dem Song Contest vertieft auseinandersetzen. Schon seit dem 19. Februar und noch bis zum 24. Mai läuft eine spannende Ausstellung im queeren Kulturzentrum Qwien mit dem Titel „United by Queerness“. Regenbogen-Zebrastreifen und queere Ampelmännchen Spätestens seit dem Sieg von Conchita Wurst 2014 und der Rückkehr des ESC nach Wien ein Jahr später bemüht sich die Stadt um ihr queeres Selbstverständnis. Das zeigt sich etwa an den vielen Regenbogen-Zebrastreifen und den Ampelmännchen, die seit 2015 auch gleichgeschlechtliche Paare mit Herzchen zeigen. Die Ausstellung im Qwien, kuratiert von Marco Schreuder und Alkis Vlassakakis, will allerdings zeigen, dass der ESC keine queere Veranstaltung ist, dass er aber von Anbeginn an für Werte einstand, die seinen Teilnehmern und seinen Zuschauern Freiheiten ermöglichten, die vor 70 Jahren sonst noch vielerorts und teilweise in Europa bis heute eingeschränkt werden. Erzählt werden etwa die Geschichten von Dany Dauberson, die 1956 für Frankreich an den Start ging und 1960 zur „Miss Lesbos“ gewählt wurde, und auch die des ersten schwulen ESC-Siegers, des Franzosen Jean-Claude Pascal. Er gewann 1961 für Luxemburg mit dem Lied „Nous les amoureux“ („Wir Liebenden“). Es handelt von zwei Menschen, deren Liebe die Gesellschaft nicht zulässt. Schreuder und Vlassakakis sind zwei ausgewiesene ESC-Experten und vor allem auch durch ihren erfolgreichen Podcast „Merci, Chérie“ bekannt. Die beiden haben über Monate recherchiert und einzigartige Dokumente und Ausstellungsstücke zusammengetragen, darunter die originale Siegermedaille des ESC 1961, die Jean-Claude Pascal damals als Sieger bekam. Bewusst legen sie ein besonderes Augenmerk auf aktuelle Debatten, die Boykotte und Kontroversen rund um den diesjährigen ESC in Wien wegen der Teilnahme Israels. Für sie erscheint der Song Contest dabei als popkulturelles Ereignis, „das internationale Konflikte, Machtverhältnisse und Solidaritäten sichtbar macht“, wie sie sagen. Die Ausstellung wartet mit vielen Überraschungen auf, etwa mit Guildo Horns Bühnen-Outfit, das vom 2004 eröffneten Haus der Rock- und Popgeschichte, dem „rock’n’popmuseum“ in der westfälischen Stadt Gronau, nahe der niederländischen Grenze, ausgeliehen worden ist. Das Glitzerkleid von Conchita Wurst hingegen ist gewissermaßen ein Nationalheiligtum und wird im Haus der Geschichte Österreichs in Wien ausgestellt. Dort steht neuerdings auch das Schiff, auf dem JJ, der eigentlich Johannes Pietsch heißt, im vergangenen Jahr sein „Wasted Love“ sang, den ESC damit gewann und den Song Contest zum dritten Mal nach Wien holte. ESC hieß nur einmal offiziell „Grand Prix de la Chanson“ Im Jubiläumsjahr sind auch etliche Bücher erschienen, nur eines sei hier besonders erwähnt: „Das kleinste Buch zum größten Musikereignis der Welt“ von Lukas Heinser. Es ist tatsächlich handlich klein, und doch stehen jede Menge Fakten darin, die selbst ESC-Experten nicht alle wissen dürften. So wird bis heute kolportiert, dass die Veranstaltung jahrzehntelang offiziell „Grand Prix de la Chanson“ geheißen haben soll, bis sie schließlich etwa zur Jahrtausendwende den englischen Namen „Eurovision Song Contest“ bekam. Das aber stimmt nicht: Nur einmal, 1967 in Wien, hieß der ESC tatsächlich „Grand Prix de la Chanson“. Der erste offizielle „Eurovision Song Contest“ fand hingegen schon 1960 in London statt und wurde danach vielfach verwendet. Allerdings wechselte der Name immer wieder, je nachdem, wo er stattfand. Auch „Concours Eurovision de la Chanson“ war zeitweise geläufig. Und dass Guildo Horn für Deutschland fast nicht beim ESC hätte antreten dürfen, auch das findet sich in Heinsers Büchlein: Denn die Zahl der Länder war in den Neunzigerjahren so angewachsen, dass nicht alle teilnehmen konnten. Deutschland hätte 1998 eigentlich aussetzen müssen, doch genau in dem Jahr zog Italien sich vom Song Contest für einige Jahre zurück, und Guildo Horn rückte mit „Guildo hat euch lieb!“ nach. Eine andere Kunstfigur hingegen trat für Deutschland nicht an, weil sie zu feige war, wie Hape Kerkeling nun zum 70. Jubiläum verrät, in der ARD-Dokumentation „70 Jahre ESC – More than Music“, die am Montagabend zu sehen ist. Demnach hätte er 2009 für Deutschland in Moskau antreten sollen – als Uschi Blum mit dem Lied „Sklavin der Liebe“. Er sagte aber ab, und der NDR entschied sich für Alex Swings Oscar Sings! mit „Miss Kiss Kiss Bang“. Selbst Burlesque-Tänzerin Dita Von Teese konnte bei dem missratenen Auftritt nichts retten, es wurde damals der 20. Platz.