Diese Wohnung erzählt Geschichten. An den Wänden ist kaum noch ein Platz frei. Im Flur reihen sich gerahmte Schriftstücke und Landkarten aneinander. In einer Vitrine im Wohnzimmer steht das Modell einer Postkutsche, an der Wand hängt ein Posthorn. Elsbeth Muches Mann war Antiquar für Postgeschichte und hatte ein Faible für historische Dokumente. Die Wohnung ist wie ein Archiv zweier Menschenleben. Elsbeth Muche ist 92 Jahre alt und wohnt seit 51 Jahren in dem Altbau im Frankfurter Ostend. Noch länger aber ist sie politisch aktiv. Seit 74 Jahren ist Muche in der SPD. Das liegt bei ihr in der Familie: Schon ihre Großeltern waren in der Partei, und ihre Eltern auch. „Ich kenne das gar nicht anders.“ Muche wuchs in Hamburg auf und kokettiert noch heute mit ihrer großstädtischen Herkunft, wenn sie sagt: „Frankfurt ist für mich Provinz.“ 1933 kam sie zur Welt, sechs Jahre vor dem deutschen Überfall auf Polen. Sie hat den Krieg in Norddeutschland miterlebt und gesehen, wie ihre Heimatstadt brannte. Ihre Familie wurde ausgebombt und verbrachte die schlimmsten Kriegsjahre in der Lüneburger Heide. Danach zog sie zurück in die Hansestadt. Bei den Falken lernte sie ihren späteren Mann kennen. Damals begann das mit der SPD: Schon als junges Mädchen war Muche bei den Falken aktiv und lernte dort auch ihren späteren Mann kennen. Am 1.1. 1952 trat sie schließlich in die SPD ein. Nach der Schule lernte Muche zunächst Erzieherin, sattelte dann jedoch um und wurde Kriminalbeamtin. 1966 zog sie aus familiären Gründen von der Elbmündung an den Main, denn ihr Mann hatte hier eine gute Stelle gefunden. In Frankfurt wollte Muche wieder zur Kripo, doch inzwischen war sie Mutter von drei Söhnen, und die Arbeitszeiten ließen sich nicht mit den Öffnungszeiten der Kita in Übereinstimmung bringen. Sie sollte um 7.15 Uhr antreten, doch die Kita öffnete erst um acht. Familienfreundliche Bedingungen waren damals noch nicht selbstverständlich. Einige Jahre arbeitete Muche deshalb bei C&A als Kaufhausdetektivin, doch 1969 fand sie ihre Bestimmung: Sie wurde Sozialpflegerin und leitete schließlich 44 Jahre lang den Sozialbezirk Bornheim. In dieser ehrenamtlichen Position arbeitete sie mit dem Jugend- und Sozialamt zusammen, machte Hausbesuche bei bedürftigen Familien, begleitete sie bei Behördengängen und vermittelte den Kontakt zu Hilfsangeboten. Sie erinnert sich an die Serbin mit zwei Kindern, deren Mann gestorben war. Oder an die alte Dame, die nicht allein essen wollte und Gesellschaft brauchte. Erst vor vier Jahren legte sie das Amt nieder. „Das Soziale kann keiner so gut wie die SPD“ Im Ortsverein der SPD engagiert sie sich weiterhin. Erst neulich, beim Heringsessen der Frankfurter Partei am Politischen Aschermittwoch, trat sie kurz auf die Bühne, denn sie hat diese Tradition mitbegründet. Warum ist man 74 Jahre in der SPD, Frau Muche? „Das Soziale ist mir ganz wichtig. Das kann keiner so gut wie die SPD“, sagt sie. Ihr Parteibuch ist voll von Sondermarken. Zeitlebens hat sie sich gesellschaftlich engagiert und schon in Hamburg Jugendgruppen geleitet. Helmut Schmidt hat sie persönlich kennengelernt, die Eltern waren mit ihm bekannt. Sie hat die SPD durch Höhen und Tiefen begleitet. Dass so viele einstige Stammwähler sich von der Partei abgewendet haben, versteht sie nicht. „Man geht doch nicht weg, wenn einem etwas mal nicht gefällt.“ In ihrer Wohnung steht noch ein besonderes Schmuckstück. Eine nachgebaute Gefängniszelle im Miniaturformat mit Teufelchen, die einen Besprechungsraum betreten und ihn als Engelchen wieder verlassen. Die Figur hinter dem Schreibtisch trägt Muches Gesicht. Insassen des Männergefängnisses in Frankfurt-Preungesheim haben es ihr gebastelt. Denn Muche war auch jahrzehntelang die Vorsitzende des Anstaltsbeirats und bot von 1992 bis 2022 alle zwei Monate Sprechstunden für Gefangene an. Wer sich über das Essen beschweren wollte, Konflikte mit anderen Insassen hatte, seine Kinder häufiger sehen wollte oder mit seiner Arbeit im Gewächshaus unzufrieden war, konnte das bei ihr loswerden. „Das ging querbeet durchs Leben. Manche wollten auch nur etwas erzählen oder einen Rat haben.“ Gemeinsam mit der Anstaltsleitung hat sie dann nach einer Lösung gesucht. Die Gefangenen seien immer höflich zu ihr gewesen. Und wenn sich jemand nicht benommen hat, hat Muche gesagt: „Wollen Sie weiter so mit mir reden? Dann ist da die Tür!“ Mit ihrer Partei ist Muche immer noch zufrieden. Ihre Schwäche für die Sozialdemokratie konnte sie allerdings nur an einen ihrer drei Söhne weiterreichen, der ebenfalls in die SPD eingetreten ist. Besonders den Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef hat sie ins Herz geschlossen: „Das ist ein ganz toller Kerl und ein so normaler Mensch!“ Wahlkampf hat sie vor der Kommunalwahl in Hessen allerdings nicht mehr gemacht. Aber wenn sie sich vorstellt, dass die CDU die roten Fahrradspuren zurückbauen will, dann wird ihr ganz anders. Für ihr ehrenamtliches Engagement wurde sie hochdekoriert, mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen, den Römerplaketten in Bronze, Silber und Gold und dem Bundesverdienstkreuz. Inzwischen ist aber auch ihr Kreis kleiner geworden. Seit ihr Mann vor 20 Jahren gestorben ist, wohnt Muche allein. Sie ist dankbar für drei Söhne und sieben Enkelkinder. Eine Enkelin macht gerade eine Tour durch Südamerika. Muche verfolgt die Route im Atlas, der aufgeschlagen auf dem Esszimmertisch liegt. Manchmal fehlen ihr die Gesprächspartner. Aber noch immer geht sie jeden Morgen die 69 Treppenstufen in dem Mehrfamilienhaus runter und holt sich die „Frankfurter Rundschau“ aus dem Briefkasten. „Sonst wäre ich nicht so fit!“ Dann setzt sie sich mit einer Lupe an den Schreibtisch und liest, was in ihrer Stadt und in der Welt wieder so passiert ist.
