So ändern sich die Zeiten: Bis Anfang der Neunzigerjahre hoben im sachsen-anhaltischen Cochstedt Kampfjets der sowjetischen Besatzungstruppen ab. Nun wollen die deutschen Behörden auf dem Flughafen Technologien zur Abwehr der hybriden Bedrohung durch Drohnen entwickeln. Das Eindringen einer sprengstoffbeladenen Drohne auf den Flughafen Leipzig hat die Brisanz dieses Themas erst vor wenigen Tagen noch einmal deutlich vor Augen geführt. „Das ist kein heißer Krieg, aber eine dunkle Bedrohung, die sich über unser Land legt“, erklärt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt am Dienstag zur Eröffnung des neuen „Technologiezentrums Drohnensicherheit“. Der CSU-Politiker wurde auf dem Termin auch nach neuen Erkenntnissen zur explosiven Drohne in Leipzig gefragt, zu dessen Hintergründen Dobrindt bislang auffällig schweigsam blieb. Aus amerikanischen Sicherheitskreisen wird kolportiert, dass Russland hinter der Attacke steht. Dobrindt sagte mit Blick auf die entsprechenden Medienberichte, Russland mache es einem durch sein aggressives Verhalten zwar leicht, in ihm den Urheber zu vermuten. Zugleich bleibe es aber „schwer, dies konkret nachzuweisen“. Er wolle daher bei der bewährten Reihenfolge bleiben: erstens Beweis, zweitens Zuweisung und drittens Konsequenz. Mit drei Säulen gegen Drohnen Dobrindt wies nebenbei auch auf die Zwangslage hin, in der die deutsche Regierung dabei steckt. „Zuweisung alleine reicht nicht“, erklärte Dobrindt. Denn eine „Zuweisung ohne Konsequenzen ist auch zu wenig“. Der Bundesinnenminister spielte damit darauf an, dass der Westen angesichts der hybriden Attacken aus Moskau wenig gewönne, wenn er diese Russland zuschriebe, dieser Zuschreibung aber keine Konsequenzen folgen ließe. Denn dann stünde er erst recht schwach da. Weitere Äußerungen Dobrindts in Cochstedt erlaubten womöglich indirekte Rückschlüsse auf die Richtung der derzeitigen Ermittlungen. Der Innenminister führte aus, dass die Attacke von Leipzig „nicht als singulärer Fall“, sondern im Kontext weiterer Vorkommnisse betrachtet werde. Konkret nannte Dobrindt einen Sprengstofffund nahe der serbischen Grenze im Frühjahr und sprach in diesem Zusammenhang von „Low-Level-Agenten“. Zudem nannte er eine Festnahme in Berlin, bei der es um Beschaffung von Munition und Waffen ging. „Diese Teile sehen wir zusammen“, sagte Dobrindt. Bei der künftigen Abwehr von Drohnen setzt der Innenminister auf drei Säulen. Die erste Säule bildet die mobile Abwehreinheit der Bundespolizei. Die Mannstärke dieser neuen Einheit wird nach dem Drohnenangriff in Leipzig kurzfristig auf 300 Beamten erhöht. Die zweite Säule bildet das Ende 2025 eingerichtete Gemeinsame Drohnenabwehrzentrum (GDAZ) von Bundespolizei, Landespolizeien und Bundeswehr. Die vielfach geäußerte Kritik, dass der Vorfall in Leipzig die fortbestehenden Unklarheiten im deutschen Sicherheitsföderalismus offengelegt habe, wies Dobrindt energisch zurück. „Es gibt kein Kompetenzgewirr“, die Zusammenarbeit sei vielmehr exzellent. „Wir brauchen keine neue Kompetenzverteilung, sondern die nötige Technik“, sagte Dobrindt. Kampf gegen Drohnen ist ein Wettrüsten Genau das ist die Aufgabe der dritten Säule, die nun in Cochstedt angesiedelt wird. Dort betreibt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) bereits seit rund fünf Jahren das „Nationale Erprobungszentrum für unbemannte Luftfahrtsysteme“. In diesem Rahmen erforscht das unter anderem in Braunschweig angesiedelte DLR die „gute“ Seite der Drohnentechnologie, die von der Waldbrandbekämpfung bis zur Landwirtschaft reicht. Mit dem neuen „Technologiezentrum Drohnensicherheit“ kommt daneben nun auch die „böse“ Seite in den Fokus. Die größte Herausforderung auf diesem Feld besteht darin, das enorme Tempo im Wettrüsten zwischen Drohnenabwehr und Drohnenabwehrüberwindungstechnik mitzugehen. „Der Innovationszyklus liegt zwischen 8 und 12 Wochen“, erklärt Dobrindt. Dafür kooperieren die beteiligten Behörden auch mit Unternehmen sowie mit Stellen in Israel und der Ukraine, die auf diesem Feld Erfahrung haben. Technologisch setzt die deutsche Forschung auf eine Kombination unterschiedlicher Detektions- und Abwehrmethoden. Über Einzelheiten sprach man am Dienstag in Cochstedt aus Geheimschutzgründen nur ungern. Die ebenfalls anwesende Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) sagte jedoch, es gehe nicht um „Goldrandlösungen“, sondern oft um eine rasche Übertragung von ziviler Technologie auf militärische Anwendungsgebiete. Deutschland müsse solche „Dual use“-Projekte künftig auch sonst „ohne Scheuklappen“ betrachten. Für den sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Sven Schulze war der Termin in Cochstedt beinahe eine Heimkehr. Der CDU-Politiker ist nur fünf Kilometer entfernt von dem Flughafen aufgewachsen. Er könne sich noch erinnern, wie die sowjetischen Jets damals mit einem lauten Knall die Schallmauer durchbrachen, erzählt Schulze. „Wir waren froh, als das vorbei war.“ Neue Jobs für Sachsen-Anhalt Die Ansiedlung des DLR in Cochstedt ist für Schulze auch eine kleine Hilfe in seinem Wahlkampf gegen die übermächtige AfD. Bisher hat das DLR in Cochstedt dort zwar nur 40 Jobs geschaffen. Die Zahl der Stellen soll nun auf 65 steigen. Aber die Landesregierung hat mit der Ansiedlung nach der Cyberagentur in Halle zum wiederholten Mal geschafft, im Zusammenspiel mit der Bundesregierung eine zukunftsträchtige Neuansiedlung nach Sachsen-Anhalt zu holen. Der Termin am Dienstag könnte bei einigen Wählern die Frage aufwerfen, ob das auch unter einer AfD-geführten Landesregierung weiterhin so geschehen würde. Die Drohnenforschung sei auch für Cochstedt und seine Umgebung ein wichtiger Schritt, erzählt der örtliche Landtagsabgeordnete Detlef Gürth. Der CDU-Mann ist der einzige Politiker in Sachsen-Anhalt, der seit der Gründung des Landes im Jahr 1990 ununterbrochen im Landtag sitzt. Gürth bekam damals sogar einen Passierschein für den Flughafen der Sowjets, bei deren Abschied es eine „tolle Party mit ganz viel Wodka“ gegeben habe. Danach ging es allerdings bergab mit der Stimmung. Gürth erzählt von „Investoren und Scheininvestoren“, die alle Träume von einem florierenden Zivilflughafen zerplatzen ließen. Auch der langjährige Ryanair-Chef, der in Cochstedt einen legendären Auftritt in einem Clowns-Kostüm hinlegte, macht da keine Ausnahme. Nun scheint der Flughafen mit der Drohnenforschung eine Zukunft gefunden zu haben. Gürth hält die Voraussetzung für ideal. Die Flugbahn sei so lang, dass in Cochstedt mit Ausnahme eines A380 alle Flugzeuge landen könnten, so könne man unter realen Bedingungen testen. Durch die Sattellage gebe es eine sehr gute Thermik. Und der Flugraum über Cochstedt sei nicht so stark frequentiert wie an anderen Orten und könne besser abgeschottet werden.
