Dafür, dass er gerade kopfüber mit mehr als 100 Kilometern pro Stunde in den Boden eingeschlagen ist, sieht Nicholas Proulx recht entspannt aus. Kurz schüttelt er den Kopf, dann nimmt er seine Videobrille ab, legt den Controller zur Seite und stapft in Richtung Feld. Am zweiten Hindernis liegt seine Drohne. Er inspiziert das knapp 500 Gramm schwere Fluggerät. Akku, Propeller, Motor – alles scheint intakt. Nicholas Proulx macht all das wortlos. Das Fluchen hat er sich längst abgewöhnt. Wer sogenannte FPV-Drohnen fliegt, der muss nicht nur an seiner Reaktionsgeschwindigkeit und Feinmotorik, sondern auch an der Frustrationstoleranz arbeiten. Denn jede noch so kleine Unachtsamkeit wird sofort bestraft. Mit seinen 24 Jahren gehört er schon zu den Senioren des Sports, der seit den Olympischen Winterspielen für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat. Denn Drohnenpiloten waren es, die für aufregende Kameraperspektiven gesorgt haben, als sie beispielsweise gemeinsam mit den Athleten die Skipiste hinab oder durch den Eiskanal gejagt sind. „Fliegerisch war das für die Piloten wahrscheinlich eher langweilig, logistisch war es eher herausfordernd“, sagt Thomas Hufmann. Bei den kalten Temperaturen halten seiner Erfahrung nach selbst die besten Akkus nicht lange. Und auch die Aufgabe, gestochen scharfe Kamerabilder zu liefern, sei nicht zu unterschätzen. Wenn Proulx schon als „alt“ in dem Sport gilt, muss Hufmann mit seinen 51 Jahren so etwas wie ein Fossil sein. Aber ein Fossil mit enormem Ehrgeiz. 100 Flugstunden am Simulator Auch er lässt seine Drohne um die Hindernisse sausen, auch er umfliegt Fahnen, durchstößt Tore, schraubt sich Leitern hoch. Nicht ganz so schnell wie Proulx, dafür aber unfallfrei. Zwischen dem Senior und dem Fossil sitzt noch der 42 Jahre alte Dennis Hochmann, ebenfalls ein Greis in der Rennszene. Sie alle haben sich an diesem kalten Nachmittag auf freiem Gelände bei Rüsselsheim getroffen. Hier, abseits großer Wohnsiedlungen, haben sie ein Stück Wiese gemietet, auf dem sie ihren Rennparcours Woche für Woche neu stecken. Hochmann zählt, ähnlich wie Proulx, zu den besten Fliegern der FPV-Racing-Szene. Das, was ihm die oft fast noch kindliche Konkurrenz in Sachen Reaktionsgeschwindigkeit voraus hat, macht er mit Erfahrung wett. Seit mehr als zehn Jahren ist er schon in dem Sport aktiv. Ein komplettes Jahr, das erste um genauer zu sein, habe er damit verbracht, die Steuerung der Drohne zu verinnerlichen. „Ich bin im ersten Jahr nur im Kreis um mich herum geflogen“, sagt er. Denn die 500 Gramm schweren Fluggeräte müssen manuell in der Luft stabilisiert werden, sie können nach links und rechts kippen, sich nach oben und unten neigen, sich um die eigene Achse drehen – und das alles in Höchstgeschwindigkeit. Flugfehler werden nicht verziehen. Das ist auch der Grund, weshalb viele Piloten seit einigen Jahren mit speziellen Flugsimulatoren am Computer üben. Der Controller wird angeschlossen, die Bildschirmdrohne durch fiktive Hindernisse gesteuert. Es geht um „Stick-Time“, also darum, möglichst viele Stunden am Controller zu sammeln. Und um „Muscle-Memory“ – also den Versuch, die Augen-Hand-Koordination so zu verinnerlichen, dass über das Steuern der Drohne nicht mehr aktiv nachgedacht werden muss, die Finger die Aufgabe fast automatisch übernehmen. 100 Stunden, so sagt Hufmann, habe er am Simulator absolviert, bevor er zum ersten Mal eine Drohne in die Luft habe steigen lassen. Seither tauscht der Frankfurter Banker regelmäßig den bequemen Stuhl im beheizten Arbeitszimmer gegen den harten Campinghocker auf dem zugigen Feld. Weil es eben doch etwas anderes ist, das Surren der Drohnen zu hören, im direkten Wettkampf gegen andere Flieger anzutreten, gemeinsam zu schrauben, zu löten, zu tüfteln. Denn auch das ist Teil des Hobbys. Neben jedem der Piloten steht ein Werkzeugkoffer. Gaffa-Tape, Lötkolben, Ersatzteile, Schraubenzieher. Alles haben sie dabei. Es wird sich ausgetauscht, es wird gemeinsam optimiert, gefachsimpelt. „Wir bauen ja alles selbst zusammen“, erklärt Proulx. Jede Drohne und jede Steuerung sei individuell auf den Piloten angepasst. „Jeder will ein anderes Fluggefühl haben.“ „Es sieht verdammt nerdig aus“ Die Rennszene ist klein. Und sie ist männlich. Proulx spricht von einem Männeranteil von 99 Prozent. „Es ist sehr computer- und elektrolastig“, sagt er. „Und es sieht verdammt nerdig aus. Aber es macht auch verdammt viel Spaß.“ Recht hat er. Zumindest mit dem ersten Punkt. Wie sie da mit ihren Brillen sitzen, an ihren mit Equipment überhäuften Tischen, während die Drohnen nur wenige Meter entfernt laut surrend über das Feld peitschen, hat es schon den Anschein, als habe man Profizocker in der freien Wildbahn ausgesetzt. Schnell wird auch klar, wieso sie in das Hobby so viel ihrer Freizeit und Budget investieren. Es ist die kompromisslose Gemeinschaft, die von Piloten-Tisch zu Piloten-Tisch gepflegt wird. Und es ist der erbarmungslose Konkurrenzkampf, der trotzdem für 90 Sekunden ausbricht. Solange etwa dauert nämlich ein Wett- oder Trainingskampf, bei dem es darum geht, so schnell wie möglich einen vorher abgesteckten Parcours zu durchfliegen. „Bei einem Wettkampf quetschen sich sechs Drohnen auf einmal durch die Tore durch“, erklärt Dennis Hochmann. Zusammenstöße inklusive. „Da kann man nicht bescheißen“, ergänzt Proulx. Die Flugdaten können ausgelesen werden, die Technik lügt nicht. Nach 90 Sekunden sind Mensch und Minimaschine an der Belastungsgrenze angekommen. Das Fliegen aus der Ich-Perspektive erfordert enorm viel Konzentration – und Akkukapazität. Wenn die Drohnen mit bis zu 200 Kilometern in der Stunde in engen Wendungen durch die Tore schießen, sind die Piloten komplett „locked in“, wie Proulx den Zustand der absoluten Fokussierung beschreibt. Dann wird die Welt draußen ausgeblendet, dann wird es innerlich ganz still, im Außen hingegen ist das laute, hektische Surren der Vier-Propeller-Drohnen zu hören. Hochmann und Proulx trainieren oft zusammen – und das auf Weltniveau. Sie kennen die Stärken und auch die Schwächen des jeweils anderen, messen sich aneinander, können nur besser werden, wenn auch der andere an seinem Können arbeitet. Bei Wettkämpfen sind sie oft Gegner und bleiben doch Sportfreunde. Sie geben sich gegenseitig Tipps, helfen sich aus, tüfteln gemeinsam am perfekten Fluggerät. Beide werden inzwischen von unterschiedlichen Herstellern gesponsert. Propeller, Motor, Akku – für jedes Element ein anderes Unternehmen. Meist, so sagt Proulx, säßen die Sponsoren in China. Dort gehöre das Drohnenfliegen zum Schulalltag dazu und wird in speziellen AGs unterrichtet. „Das ist Technik, kombiniert mit einem Real-Life-Videospiel“ Weil Proulx mittlerweile eine bekannte Größe in der Szene ist, ist auch das Militär auf ihn aufmerksam geworden. Das, so sagt er, könne auch daran liegen, dass er seine Masterarbeit zum Thema Drohnenverteidigung im öffentlichen und militärischen Raum geschrieben hat. Dass Drohnen zur modernen Kriegs- und Verteidigungsstrategie dazugehören, ist spätestens seit Ausbruch des Ukrainekriegs vielen ins Bewusstsein gerückt und wird auch in der aktuellen politischen Lage immer deutlicher. Drohnen können als Waffen, zur Aufklärung oder zum Transport kleiner Güter eingesetzt werden. Das Surren der Motoren, das für die Freizeitsportler auf dem Feld bei Rüsselsheim einzig und allein den typischen Sound ihres Hobbys anzeigt, kann in einem anderen Kontext für eine tödliche Gefahr aus der Luft stehen. Proulx weiß all das, hat sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt, wird oft wegen seiner Expertise, die er sich abseits seiner Steuerungsfähigkeiten zu dem Thema erarbeitet hat, angefragt. Die Diskrepanz zwischen spaßbringendem und forderndem Hobby und unbemannter Bedrohung aus der Luft, ist dem Software-Entwickler bewusst. Die Freude am Fliegen, am sportlichen Wettkampf und am wertschätzenden Miteinander will er sich dennoch nicht nehmen lassen. „Das ist Technik, kombiniert mit einem Real-Life-Videospiel“, sagt er, der schon als Jugendlicher für seinen Ehrgeiz bekannt war. Damals spielte er Golf im Hessenkader. Beim Race-Sport sei zwar der Einstieg etwas komplizierter, dafür zeige die Lernkurve nach den anfänglichen Steuerungsschwierigkeiten aber oft steil nach oben. Manchmal, das wird an diesem Tag deutlich, ist es auch ein frustrierender Zeitvertreib. Wenn die Zeit, die mit Schrauben, Tüfteln und Drohnenflicken verbracht werden muss, die in der Luft um ein Vielfaches überschreitet. Proulx stapft wieder los. Wieder wollte er zu eng um ein Hindernis steuern. Wieder liegt die Drohne am Boden. Kein Fluch zu hören. Dafür wenige Sekunden später wieder das typische Surren der Renndrohnen.
