FAZ 28.03.2026
10:54 Uhr

„Digitale Welt“ in Hessen: Die digitale Bildung wird degradiert


Indem das hessische Kultusministerium das Schulfach „Digitale Welt“ zum freiwilligen Nachmittagsangebot macht, erweist es der digitalen Bildung breiter Schichten einen Bärendienst.

„Digitale Welt“ in Hessen: Die digitale Bildung wird degradiert

Nach vier Jahren beendet das Land Hessen den Schulversuch, Digitalunterricht zum regulären Schulfach zu machen. Stattdessen wird das Fach „Digitale Welt“, das bisher an 80 Pilotschulen probeweise unterrichtet wurde, in das Ganztagsprogramm an allen weiterführenden Schulen in Hessen integriert. Zu dieser Entwicklung gibt es zwei Lesarten. Lehrer betrachten sie als Degradierung: Ein ordentliches Schulfach, das von Eltern und Schülern goutiert wurde, wird zu einer Arbeitsgemeinschaft herabgestuft. Das Land Hessen hingegen sieht darin einen Katalysator: Durch die Überführung in die Ganztagsangebote könne man mit den Inhalten des Fachs nun sehr schnell viel mehr Schüler erreichen. Es spricht viel für die erste Lesart. Natürlich ist der Platz im Stundenplan begrenzt, die Stundentafel ist endlich. Aber ein reguläres Schulfach hat einen anderen Charakter als eine Arbeitsgemeinschaft. Es wirkt ernsthafter und verbindlicher, erreicht ganze Jahrgänge und nicht nur diejenigen, die sich freiwillig dafür anmelden. Wer die Digitalisierung nicht begreift, droht abgehängt zu werden Der Unmut der beteiligten Lehrer, die viel Arbeit in das Pilotprojekt gesteckt haben, ist nicht nur deshalb verständlich. Die Digitalisierung ist die Zukunftskompetenz schlechthin. Für viele Schüler war das Fach „Digitale Welt“ die erste Berührung mit Themen und Technologien, die die Zukunft dieses Landes bestimmen werden. Wer sich damit nicht beschäftigt, droht abgehängt zu werden. Vielen Schülern und Eltern war das durchaus bewusst, wie die vielen positiven Rückmeldungen gezeigt haben. Als Arbeitsgemeinschaft, die erfahrungsgemäß auch noch überlaufen ist, wird „Digitale Welt“ vielleicht an mehr Schulen angeboten. Aber das Angebot wird nur diejenigen erreichen, die ohnehin interessiert sind und das Glück haben, einen Platz zu ergattern. Außerdem hatte das Kultusministerium angekündigt, der Medienbildung an Schulen mehr Raum zu geben, als es die Regeln zur privaten Smartphone-Nutzung für Schüler sinnvollerweise verschärft hatte. Diese Ankündigung wird durch die Verdrängung des Fachs „Digitale Welt“ aus dem regulären Stundenplan konterkariert.