FAZ 06.05.2026
12:08 Uhr

Die Angst der Union: Warum eine Frau das nächste Staatsoberhaupt wird


Die hessischen Grünen propagieren die Geschlechtergerechtigkeit, nehmen es damit bei ihren eigenen Personalentscheidungen aber nicht immer so genau. Im Unterschied zu den Regierungsparteien.

Die Angst der Union: Warum eine Frau das nächste Staatsoberhaupt wird

Vier weibliche Abgeordnete der hessischen Grünen schlagen Alarm. Auf den Podien der von den beiden Landesvertretungen organisierten Diskussionsveranstaltungen seien Frauen unterrepräsentiert. Für Berlin wurde ein Anteil von 37 Prozent errechnet. Brüssel liegt knapp darunter. Man mag sich fragen, ob die vier Politikerinnen in Zeiten wie diesen keine anderen Sorgen haben. Aber damit würde man sich eine weiter reichende Perspektive verstellen. Die von den Grünen ins Feld geführte Vorbildfunktion gilt ja auch für sie selbst. In der hessischen Landtagsfraktion verfügen die Frauen zwar über eine knappe Mehrheit, aber an ihrer Spitze steht seit mehr als einem Vierteljahrhundert ein Mann. Mathias Wagner, der amtierende Vorsitzende, ist zwar umstritten. Aber auf den Gedanken, dass eine Frau an seine Stelle treten könnte, ist anscheinend noch niemand gekommen. Stattdessen hält sich die Spekulation, ob der Bundestagsabgeordnete Tarek Al-Wazir nach Wiesbaden zurückkehrt. Er ist Wagners Vorgänger. CDU und FDP stehen besser da Die CDU steht mit ihrer Fraktionsvorsitzenden Ines Claus und der Landtagspräsidentin Astrid Wallmann besser da. Auch im Führungsduo der FDP-Abgeordneten ist mit Wiebke Knell eine Frau vertreten. Hingegen gab es bei den Grünen schon ein monatelanges Gerangel, als die Vizepräsidentin Angela Dorn sich aus der Politik verabschiedete. Martina Feldmayer konnte sich nur mit Mühe und Not als Nachfolgerin gegen zwei männliche Konkurrenten durchsetzen. Die Parteifreunde in Berlin zeigten mehr Entschlossenheit. Nachdem sie im vergangenen Jahr aus der Bundesregierung ausgeschieden waren, strebten Claudia Roth und Katrin Göring-Eckardt das Staatsamt einer Vizepräsidentin des Bundestags an. Den Frankfurter Abgeordneten Omid Nouripour hielt das nicht von einer Gegenkandidatur ab. Und die Parteifreunde entschieden sich für den Mann. Die Grünen haben sich um die Gleichberechtigung große Verdienste erworben, aber inzwischen entsteht bei Personalentscheidungen gelegentlich der Eindruck, dass viele in der Partei es mit dem Feminismus lieber nicht übertreiben wollen. Exakt in diesem Moment zeigt sich, wie nachhaltig die Grünen den gesellschaftlichen Diskurs geprägt haben. Nicht nur die SPD, sondern auch die Union verkündet, es sei an der Zeit, demnächst eine Frau zum Staatsoberhaupt zu wählen. Zu groß ist die Furcht, mit einem männlichen Kandidaten eine Welle des Protests auszulösen. Dies erklärt, warum kein nennenswerter Vertreter der Regierungsparteien sagen mag, dass auch ein Mann der nächste Bundespräsident werden könnte.