FAZ 11.09.2026
14:36 Uhr

Die AfD und die Medien: Wenn Politiker den Journalisten sagen, was sie fragen sollen


Wie wird sich der AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt auf das Verhältnis der Partei zu Journalisten auswirken? Erfahrungen aus zehn Jahren wecken wenig Hoffnung

Die AfD und die Medien: Wenn Politiker den Journalisten sagen, was sie fragen sollen

Man werde nun testen, ob man mit mir als Journalist zusammenarbeiten könne, sagte der sächsische AfD-Chef Jörg Urban gleich zur Begrüßung – als drohe er mit einer Prüfung, die ich erst einmal bestehen müsse. Der Satz verrät viel über das Verhältnis zwischen AfD und Presse. Wie soll ein Journalist über diese Partei berichten? Theoretisch ist die Antwort einfach: wie über jede andere Partei auch. Praktisch ist die Sache schwieriger. Denn die AfD ist keine normale Partei. Den Journalisten der „etablierten“ Medien steht sie skeptisch bis feindlich gegenüber. Sie werden als gelenkt dargestellt, mitunter beschimpft, in Einzelfällen von Veranstaltungen ausgeschlossen. Interviews mit AfD-Politikern werden oft bis zur Unkenntlichkeit in der Autorisierung umgeschrieben oder auch mal kurzfristig abgesagt. Einmal gemachte Aussagen werden bestritten. Gleichzeitig versuchen AfD-Politiker auch, Journalisten zu umgarnen und zu instrumentalisieren. Das alles habe ich in den zwölf Jahren erlebt, in denen ich über die AfD im Bund, in Brandenburg und nun in Thüringen und Sachsen berichtet habe und immer noch berichte. Daneben gibt es auch Vertreter dieser Partei, die korrekt mit Reportern umgehen. Informationen zu bekommen, beruht auch auf Vertrauen zwischen Politikern und Journalisten. Mit AfD-Leuten ist das aber schwierig. Ein lohnendes Thema Über die Rechtsaußen-Partei ist in den vergangenen Jahren viel berichtet worden. Wenn sie nun in Sachsen-Anhalt regieren sollte, wird das in neuer Weise der Fall sein. Dann geht es um den Ministerpräsidenten und die Minister, die Haltung der AfD-geführten Landesregierung im Bundesrat oder in den Ministerkonferenzen der Länder, von den Innen- bis zu den Kultusministern. Unklar ist, wie sich das Verhältnis der Partei zu den Medien durch eine Regierungsbeteiligung ändern wird. In den vergangenen Jahren hat die AfD erfolgreich ihr eigenes mediales Universum aufgebaut: Szene-Medien und zahlreiche Internet-Kanäle erreichen Millionen. Seinen Wahlkampf hat Ulrich Siegmund mit einem Team bestritten, das seine Auftritte pausenlos für die sozialen Medien filmte. Auf Präsenz in den angefeindeten öffentlich-rechtlichen Rundfunk und in Formaten der traditionellen Medienhäuser will die AfD dennoch nicht verzichten. Die Partei vom rechten Rand war für Journalisten von Anfang an ein lohnendes Thema. Erst zog sie Professoren, schnell auch Radikale, Glücksritter und Spinner an. Sie war damals noch nicht so extremistisch, wie oft behauptet wurde. Als die Partei und einzelne Landesverbände sich radikalisierten, hatte sich der Extremismus-Vorwurf abgenutzt. Zugleich war die AfD zerstritten, ein „gäriger Haufen“, wie der frühere Fraktionschef im Bundestag, Alexander Gauland, sie nannte. Der Richtungskampf zwischen Radikalen und Gemäßigten, tatsächlichen oder vermeintlichen, bot reichlich Stoff, über die AfD mit Verve zu schreiben. AfD-Mitglieder versorgten Journalisten oft mit ausführlichen, teils privaten Details über innerparteiliche Gegner. Das gibt es weiterhin, weil sich Gruppen und Seilschaften erbittert bekämpfen. Über Höckes Spektakel schreiben? Heute ist die Partei so groß, dass ein Politik-Journalist an ihr gar nicht mehr vorbeikommt. Vor zwei Jahren erreichte sie Wahlergebnisse von mehr als 30 Prozent in Thüringen und Sachsen, fast 21 Prozent bei der Bundestagswahl im Februar 2025. So wurde sie zur größten Oppositionspartei. In dieser Rolle agiert sie nicht als konstruktive Opposition, die versucht, mit eigenen, umsetzbaren Vorschlägen Politik mitzugestalten. Sie setzt stattdessen auf Obstruktion, darauf, die Arbeit des Parlaments zu lähmen, indem sie die parlamentarischen Regeln zu diesem Zweck ausnutzt. Nirgendwo zeigt sich das greller als in Thüringen, wo Björn Höcke die Bühne des Parlaments zur Dauerinszenierung nutzt. Für einen Journalisten führt das zu Fragen: Wie breit soll ich etwa über wiederholte Misstrauensvoten der AfD im Erfurter Landtag berichten, die in Wirklichkeit destruktiv sind, weil Höcke gar keine Chance hat, Ministerpräsident zu werden? Natürlich muss ich darüber schreiben und den Vorgang einordnen. Gleichzeitig wird das Spektakel aufgewertet. Das Stöckchen, über das man nicht springen sollte, ist in Zeiten medialer Aufgeregtheit zum Stock geworden, der nicht ignoriert werden kann. Freunde haben mich mitunter bedauert, über die AfD berichten zu müssen. Meine Antwort war immer, dass es nicht mein Beruf ist, nur mit angenehmen Menschen zu tun zu haben. Tatsächlich versuchen manche AfD-Politiker, Journalisten im direkten Kontakt einzuschüchtern. Als ich den eingangs erwähnten sächsischen AfD-Chef Jörg Urban vor zwei Jahren nach seinen Praktika und Studienaufenthalten in Russland Anfang der Neunzigerjahre fragte, die er in seinem Lebenslauf verschweigt, drohte er, das Gespräch abzubrechen. Das Gleiche tat er, als ich ihn nach seiner Meinung zu Björn Höcke fragte. „Ein linker Aktivist“ Der Thüringer AfD-Chef wiederum verweigert den Kontakt mit den meisten „etablierten“ Medien. Dennoch erklärt Höcke auf Pressekonferenzen den Journalisten gern, welche ihrer Fragen falsch seien und welche sie eigentlich stellen sollten. Wenn es um ihn persönlich geht, ist er allerdings höchst empfindlich. Als er unlängst bei einer Pressekonferenz im Erfurter Landtag den CDU-Ministerpräsidenten Mario Voigt wegen dessen aberkannten Doktortitels als unehrenhaft bezeichnete, wurde er von einem Kollegen gefragt, wie ehrenhaft er sich selbst als vorbestraften Mann einschätze – schließlich wurde Höcke wegen öffentlichen Verwendens einer verbotenen SA-Parole zweimal rechtskräftig verurteilt. Höcke sagte daraufhin, der Fragesteller sei „offensichtlich kein Journalist“, sondern ein „linker Aktivist“. Ein anderer AfD-Abgeordneter kritisierte im September 2025 zwei Journalisten vom Rednerpult des Thüringer Landtags aus namentlich – und ohne dass der debattierte Antrag damit in Verbindung stand. Allerdings gibt es auch Versuche, sich mit dem Kontakt zu Journalisten zu schmücken. Der frühere Berliner AfD-Chef Georg Pazderski wollte bei einem Parteiabend gleich am Eingang des Veranstaltungsraums Fotos mit mir machen. Bei einem Hintergrundgespräch, für das er die Lobby des Berliner Abgeordnetenhauses vorgeschlagen hatte, schwirrten plötzlich filmende Mitarbeiter um die Sessel herum. Interviews mit AfD-Politikern zu führen, ist oft herausfordernd. Da sie zur Freigabe vorgelegt werden, kann der Interviewte sie ändern, Aussagen streichen, abschwächen oder zuspitzen. Auch Politiker anderer Parteien ändern mitunter viel, bei AfD-Vertretern bleibt aber oft kein Stein auf dem anderen. Ein solches Interview muss dann mühsam nachverhandelt werden – oder es erscheint nicht. „Können Sie alles verwenden“ Dass ein vereinbartes Interview kurzfristig abgesagt wurde, habe ich mit einem Kollegen schon in den Anfangszeiten der AfD im Juli 2015 erlebt. Wir fuhren nach Dresden, um die damalige Parteichefin Frauke Petry zu interviewen. Vereinbart war mit ihrem Sprecher ein Interview zum Thema Migration und Asyl, Islam und Integration. Petry hatte damals gesagt, dass der Islam nicht zum Grundgesetz passe. Die Linie der Partei zu dem Thema war aber noch unbestimmt. Zu unserer Überraschung weigerte sich Petry, über das Thema zu sprechen. Sie wolle lieber über Familienpolitik reden. Uns blieb nichts anderes übrig, als einen Artikel über ein geplatztes Interview zu schreiben. Alexander Gauland ging mit den Inhalten seiner Gespräche großzügig um. „Können Sie alles verwenden“ war sein Standard-Satz zum Abschied. Im Mai 2016 sagte er in einem Gespräch, das ich gemeinsam mit einem Kollegen führte, einen abfälligen Satz über den damaligen Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng, der einen ghanaischen Vater hat: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Der Artikel darüber wurde zum Eklat, die Aussage wurde von vielen Politikern und von Boateng als rassistisch bewertet. Gauland bestritt zunächst die Äußerung. Später gab er zu, sie könne gefallen sein. Sie sei aber nicht rassistisch gemeint gewesen, er habe nur die verbreitete Haltung vieler Deutscher beschrieben, die einen dunkelhäutigen Nachbarn eher skeptisch sähen. Erst ein Satz, dann das Dementi, dann eine Rechtfertigung – das war nicht nur für Gauland typisch. Mittlerweile haben sich AfD-Politiker weit drastischer geäußert. Wahrscheinlich würde eine ähnliche Aussage keinen Aufschrei mehr auslösen. Doch käme sie von einem Minister oder Ministerpräsidenten, würde sie schwerer wiegen.