Vor den anstehenden Koalitionsverhandlungen in Frankfurt melden sich immer mehr Interessengruppen zu Stadtplanungsthemen zu Wort. Am Freitag haben sich mehrere Initiativen, die sich mit Klima- und Umweltschutz befassen, in einem offenen Brief an die neu gewählten Stadtverordneten gegen die „weitere Versiegelung wertvoller Flächen“ ausgesprochen – und damit indirekt gegen die Forderung der Industrie- und Handelskammer, jetzt schnell weitere Neubaugebiete auszuweisen, um den Bedarf an Wohnraum zu decken. „Die verbliebenen Freiflächen Frankfurts sind unverzichtbar für das Stadtklima, die Biodiversität und die Lebensqualität der Bevölkerung“, heißt es in dem Brief, den unter anderem die Naturschutzverbände BUND und NABU, aber auch die radikale Gruppierung Extinction Rebellion unterschrieben haben. Frischluftschneisen müssten offen gehalten, bereits versiegelte Grundstücke flächensparend bebaut werden, so die Forderung. Ausdrücklich sprechen sich die Initiativen gegen das Baugebiet Günthersburghöfe im Nordend aus, das sie als „Grüne Lunge“ bezeichnen. Parteien setzen auf Nachverdichtung Ein Weg, zusätzlichen Wohnraum ohne weitere Versiegelung zu schaffen, ist die Aufstockung von Bestandsgebäuden. Mehrere Frankfurter Parteien (CDU, Grüne, Linke, FDP, Volt) nennen diese Form der Nachverdichtung ausdrücklich in ihren Wahlprogrammen. Bei CDU und Grünen ähneln sich die Forderungen. Beide Parteien wollen, dass eine Nachverdichtung auch mit einer Aufwertung der Freiräume einhergeht. Die Grünen nennen als künftiges Projekt konkret die südliche Platensiedlung. Dieses würde anknüpfen an die größte jemals in Frankfurt realisierte Nachverdichtung, die Transformation der nördlichen Platensiedlung. Das im vergangenen Jahr abgeschlossene Projekt der städtischen ABG Holding, bei dem durch Aufstockung und Ergänzungsbauten 681 zusätzliche Wohnungen entstanden sind, hat überregionale Aufmerksamkeit erfahren. Mehrere Preise hat die vom Frankfurter Architekturbüro Stefan Forster entwickelte Planung bereits bekommen. In dieser Woche wurde das Konzept bei der Messe Digitalbau in Köln ausgezeichnet. Beim Deutschen Baupreis belegte die Platensiedlung in der Kategorie „Einfaches Bauen“ den dritten Platz. „Die Kombination aus Nachverdichtung, modularer Holzbauweise und einer neuen städtebaulichen Struktur schafft zusätzlichen Wohnraum auf bereits erschlossenen Flächen und gilt als Modellprojekt für nachhaltige Stadtentwicklung“, heißt es zur Begründung. „Modell für Weiterbauen am Bestand“ Nachdem im vergangenen Jahr die seit 2018 laufenden Arbeiten abgeschlossen wurden, hat das Büro Stefan Forster die Nachverdichtung der ursprünglich in den Fünfzigerjahren für die US-Army errichteten Siedlung in einer Broschüre dokumentiert. Darin wird das Projekt als „Modell für das konsequente Weiterbauen am Bestand“ bezeichnet. Es gehe nicht nur darum, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, ohne neue Flächen zu verbrauchen. Durch die Aufstockungen mit Holzmodulen und Anbauten seien „neue räumliche Qualitäten“ entstanden, zum Beispiel Grünanlagen und Gärten für die Mieter. Aus einer Siedlung sei ein Stadtquartier geworden, in dem es auch Läden und Gastronomie gebe. Auch die in Frankfurt ansässige Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte/Wohnstadt (NHW) wurde beim Deutschen Baupreis für ein Aufstockungsprojekt ausgezeichnet. In Mörfelden-Waldorf wurde ein Gebäude aus den Sechzigerjahren umfassend modernisiert und gleichzeitig um zusätzliche Wohnungen erweitert. Auch dort wurde für die Aufstockung Holz verwendet. Allerdings mussten dafür keine Bäume gefällt werden: Ein großer Teil des Materials stammt aus dem Gebäudebestand der NHW. Beispielsweise wurden gebrauchte Dachsparren, Fenster oder Fassadenplatten, die bei Umbauten und Modernisierungen anfielen, aufbereitet und wieder eingesetzt. Eine Quelle waren zum Beispiel zwei Wohnblocks in Fechenheim, bei denen für eine Aufstockung der alte Dachstuhl entfernt wurde. Für diese Recyclingstrategie erreichte die NHW den zweiten Platz in der Kategorie „Kreislauffähiges Bauen“. Abfall und CO₂-Emissionen würden bei dem Projekt deutlich reduziert, heißt es zur Begründung. Gegenüber einem vergleichbaren Neubau werde der Primärenergiebedarf um rund 32 Prozent und das Treibhauspotential um mehr als 28 Prozent verringert.
