FAZ 23.03.2026
14:20 Uhr

Deutsche Erstmals ohne Sieg: Fünf Erkenntnisse der Biathlon-Saison


„Und am Ende gewinnt Frankreich“: Die Olympia-Saison dominieren die Athleten aus dem Nachbarland. Die deutschen Biathleten bleiben dagegen erstmals ohne Weltcup-Erfolg. Woran lag’s? Und wie geht’s weiter?

Deutsche Erstmals ohne Sieg: Fünf Erkenntnisse der Biathlon-Saison

Von Weltuntergangsstimmung will der scheidende Sportdirektor nichts wissen. Fest steht aber: So wenig wie in dieser Saison hatten die Biathletinnen und Biathleten des Deutschen Skiverbandes (DSV) noch nie zu feiern, seit Männer und Frauen gemeinsam im Weltcup starten. Wie lief’s bei den anderen? Und wie geht’s weiter? 1 Die deutsche Misere – nur Pech? Kein einziger Saisonsieg bei Männern und Frauen, lediglich eine Bronzemedaille in der Mixed-Staffel bei den Olympischen Spielen von Antholz. Im Biathlon geht es darum, auf dünnen Brettern schnell zu gleiten und mit dem Kleinkaliber-Gewehr zügig fünf Scheiben zu treffen. Wenn es ums Podium ging, klappte bei den Deutschen zu oft nur eins von beiden, verfehlten sie die letzte Zielscheibe oder machten ein gutes Schießergebnis mit fehlendem Tempo auf der Loipe zunichte. Im olympischen Einzelrennen wurde Vanessa Voigt nach 20 von 20 Treffern Vierte. In der Frauen-Staffel brachte eine Strafrunde von Franziska Preuß das Quartett um die Bronzemedaille. Im Massenstart der Männer rauschte der Franzose Quentin Fillon Maillet in der Schlussrunde scheinbar mühelos an Philipp Horn vorbei auf Platz drei. Im Weltcup gelang dem Nachwuchs-Duo Marlene Fichtner und Leonhard Pfund vermeintlich ein Coup – sie schlossen die Single-Mixed-Staffel in Nove Mesto als Erste ab. Doch die Disqualifikation folgte prompt, weil Fichtner ihre Waffe nicht ordnungsgemäß geschultert hatte. 2 Französischer Biathlon-Boom Sechs von elf möglichen Goldmedaillen gewann Team France bei den Olympischen Spielen, dazu viermal Silber und dreimal Bronze. Am Wochenende gab es Kristall für Lou Jeanmonnot, 27, und Eric Perrot, 24. Sie waren über die Saison hinweg, von November bis März, die konstantesten Biathleten und entschieden die Gesamtweltcup-Wertung überlegen für sich. „Biathlon“, schrieb Jeanmonnot nach der Ehrung auf Instagram, „das ist Skilaufen und Schießen. Und am Ende gewinnt Frankreich.“ Ihre Erfolge halten den Biathlon-Boom, den der sechsmalige Olympiasieger Martin Fourcade in den Zehnerjahren ausgelöst hat, in Frankreich am Laufen. „Wir müssen Abendkurse anbieten, weil so viele Leute kommen“, zitierte die Sport-Tageszeitung „L’Équipe“ jüngst einen Skilehrer, der sich vor Biathlon-Interessierten kaum retten kann. Derweil beklagte der deutsche Sportdirektor Felix Bitterling, dass sich in Deutschland immer weniger junge Menschen für Leistungssport entscheiden würden. 3 Überraschungen und Betrügereien Sturla Holm Lægreid, Gesamtweltcupsieger der vergangenen Saison, startet überraschend schwach in die Saison und reist ohne Einzel-Podestplatzierung zu den Olympischen Spielen. Dort sammelt er plötzlich bei jedem Start eine Medaille und nutzt die Publicity für eine Liebeserklärung. Unter Tränen. Vor laufender TV-Kamera. An seine ehemalige Freundin. Die er zuvor betrogen hatte. All das, während sein Teamkollege Johan-Olav Botn, Olympiasieger im Einzel, um seinen toten Teamkameraden Sivert Guttorm Bakken weint, der unter noch immer ungeklärten Umständen im Dezember gestorben war. Die öffentliche Empörung über sein Verhalten schüttelt Lægreid ab und gewinnt nach Olympia noch sechs Weltcup-Rennen und die Sprintwertung – seine Ex aber nicht zurück. Die Französin Julia Simon ist zum Saisonauftakt gar nicht dabei. Sie war im Oktober wegen Kreditkartenbetrugs verurteilt und suspendiert worden. Im Dezember kehrt sie in den Weltcup zurück, wird im Februar dreimal Olympiasiegerin und führt im März die Gesamtwertung im Massenstart an. Am Schießstand trifft sie eiskalt. Als wäre nichts gewesen. 4 Auf wen zu achten sein wird Philipp Nawrath, 33, als Neunter bester Deutscher im Gesamtweltcup, erreichte zum Abschluss in Oslo mit 20 Treffern und Platz zwei im Massenstart sein bestes Saisonergebnis. Er ließ danach durchblicken, dass er noch nicht genug vom Biathlon hat, sondern den Schwung mit ins Sommertraining nehmen will. Leonhard Pfund, 22, und Franz Schaser, 23, beeindruckten bei ihren Debüts im deutschen Weltcup-Team mit guten Schießergebnissen. Johannes Kühn, 34, und Roman Rees, 33, die 2022 noch bei Olympia starteten, spielten zuletzt keine Rolle mehr. Franziska Preuß, 32, Weltmeisterin und Gesamtweltcupsiegerin der Vorsaison, beendete nach für sie enttäuschenden Spielen in Antholz umgehend ihre Karriere. Marlene Fichtner, 23, wird weiter viel zugetraut, dagegen hatten Selina Grotian, 21, und Julia Tannheimer, 20, die die Verantwortlichen beim DSV immer wieder als größte Talente preisen, in dieser Saison Ladehemmungen. Grotian verpasste das erste Trimester weitgehend, weil sie krank war, erfüllte auf den letzten Drücker die nationale Olympia-Norm. Tannheimer hält auf der Loipe mit den Weltbesten mit, schießt aber zu unbeständig – was sich in Zukunft natürlich ändern kann. Hoffnung macht, dass die deutsche Juniorinnen-Staffel bei der Nachwuchs-WM vor zwei Wochen Gold gewann. Aktuell dominieren im Weltcup aber noch andere Nationen: die Norweger Maren Kirkeeide und Isak Frey führen die U-23-Wertung an, im IBU-Cup, dem Talentpool unterhalb des Weltcups, weht allerorten die Tricolore vorneweg. 5 Fragwürdiger Ausblick Felix Bitterling kehrt nach vier Jahren als deutscher Sportdirektor zurück zur Internationalen Biathlon-Union und übernimmt eine neue Marketing-Abteilung. Sein Nachfolger ist ein Bekannter: Von Mai an steht der 50 Jahre alte Bernd Eisenbichler an der Spitze des Teams, was er schon von 2019 bis 2022 tat. Ob er der Richtige ist, um die einst so erfolgreichen deutschen Skijäger mit neuen Ideen zu alter Stärke zurückzuführen? Bitterling deutete mehrmals an, dass es in der Vergangenheit Versäumnisse bei der Nachwuchsarbeit gegeben habe. In den vier Jahren seiner Amtszeit sei viel Neues angestoßen worden. Aber: „Die Ziele, die wir uns selber gesteckt haben, haben wir nicht erreicht“, sagte er beim Weltcup-Finale. „Trotzdem gab es viele gute Leistungen, wo es knapp war.“ Die Weltuntergangsstimmung, die teilweise in den Medien verbreitet worden ist, teile ich nicht und teilen auch meine Kollegen nicht.“ Schon in Abstimmung mit Eisenbichler gibt es nun Veränderungen im Trainerstab: Kristian Mehringer und Sverre Olsbu Røiseland, die für das Frauen-Team verantwortlich waren, werden das nicht mehr sein. Nachfolger stehen noch nicht fest.