Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf den Fußball zugespitze Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus dem Fußball, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit Derry Scherhant. Der Offensivspieler ist mit dem SC Freiburg Tabellenführer der Fußball-Bundesliga. Seit Sommer 2025 spielt er im Breisgau. Seine ersten Schritte im Profifußball machte der gebürtige Berliner Scherhant bei Hertha BSC. Der heute 23-Jährige, der mit zweitem Vornamen Lionel heißt, machte für die U 20 und die U 21 auch schon je zwei Partien für eine Nationalmannschaft. Was ist für Sie das größte Glück als Fußballer? Es heißt immer, dass man sich auch Gedanken über einen Plan B machen soll. Falls es mit dem Fußball nicht klappt. Das haben auch meine Eltern damals gesagt. Sie meinten, ein Studium sei wichtig. Ich selbst habe mich damit allerdings nie auseinandergesetzt und hatte nur Fußball im Kopf. Nichtsdestotrotz ist auch viel Glück dabei, dass ich nun mit meiner größten Leidenschaft Geld verdienen darf. Ich liebe jeden einzelnen Tag. Ich bin jeden Tag in meinem Element. Ich habe Spaß, auch wenn die Trainings sehr hart sein können. Und was ist für Sie das größte Unglück als Fußballer? Dass viele Menschen, Fans und Experten ein Bild von uns haben, das meist sehr oberflächlich ist. Wir werden oft als jemand wahrgenommen, der wir in Wirklichkeit gar nicht sind. Die meisten bekommen ja nur einen sehr kleinen Ausschnitt von uns mit. Sie sehen ein paar Facetten, aufgrund derer sie sich ein Urteil erlauben. Wer und wie wir wirklich sind, das wissen nur die wenigsten wirklich. Woran erkennen Sie einen guten Spieler? Confidence! Gute Spieler haben ein großes Selbstvertrauen und eine dementsprechende Aura. Sie vertrauen auf das, was sie können, auf ihre Fähigkeiten. Sie wollen den Ball haben, um entscheidende Momente zu kreieren. Als wir vergangene Saison im Europa-League-Finale gegen Aston Villa gespielt haben, stand beispielsweise ein Morgan Rogers auf dem Platz, der diese Confidence hatte. Wer ist der beste Spieler, gegen den Sie gespielt haben? Als wir vergangene Saison gegen Bayern München gespielt haben, kam erst kurz vor Schluss Alphonso Davies. Aber die paar Minuten haben gereicht. Der war sehr gut. Dementsprechend hat er mit seinem Last-Minute-Assist uns auch das Unentschieden in letzter Sekunde zerstört. Welcher Spieler ist besser, als die Allgemeinheit glaubt? Hier fällt mir nichts ein ... Wer ist der wichtigste Trainer in Ihrer Karriere? Der wird Ihnen nichts sagen: Markus Schatte! Bei transfermarkt.de ist er nicht mal als mein Trainer aufgelistet. Ich war ja als einer von ganz wenigen „Nicht-Hertha-Spielern“, auf der Poelchau-Schule – Sportschule im Olympiapark. Markus Schatte war mein Lehrer dort und auch mein Trainer beim Berliner SC. Ich war damals weder Jugendnationalspieler noch in einem Nachwuchsleistungszentrum – und trotzdem hat er immer an mich geglaubt, mich gefördert und mich begeistert, weiterzumachen und an meinem Traum festzuhalten. Über was möchten Sie in der Kabine nicht sprechen? Ich bin davon überzeugt, dass Kabinen unterschiedlich funktionieren. Das hängt auch immer davon ab, wie eng eine Mannschaft ist. Wir in Freiburg sind ein sehr vertrautes Team. Wir reden eigentlich über alles, können uns alles anvertrauen. Aus meiner Sicht gibt es keine Tabu-Themen, wir sind füreinander da und reden offen miteinander. Wen bewundern Sie? Michael Jordan! Was bewundern Sie? Von ihm sind ja zahlreiche Zitate überliefert. Am meisten mag ich: „Ich habe in meiner sportlichen Karriere mehr als 9000 Würfe daneben geworfen. Ich habe fast 300 Spiele verloren. 26-mal wurde mir der alles entscheidende Wurf anvertraut – und ich habe ihn verfehlt. Ich habe immer und immer wieder versagt in meinem Leben. Und genau deshalb war ich so erfolgreich.“ Ich bewundere seine Zielstrebigkeit, mit der er immer weitergemacht hat. Was fürchten Sie in einem Spiel? Nichts! Ein Gedanke, der Sie während eines Spiels mal überrascht hat. „Krass, wie nah sind denn die Zuschauer dran.“ Ich hatte diesen Gedanken zweimal in der Europa League, davon einmal beim Finale in Istanbul im Beşiktaş Park. Das war eine Nähe, die ich so nie zuvor erlebt oder wahrgenommen habe. War aber cool. Welche Fußball-Regel würden Sie ändern? Ich würde kein Tor wegen Abseits zurücknehmen, wenn es selbst mit kalibrierter Linie kaum zu erkennen ist. Wer führt Ihre Gehaltsverhandlungen? Meine Agentur Sports360. Allen voran Martin Vontra. Aber es geht ja nicht nur darum: Es geht um die Begleitung meiner Karriere – mit allem, was dazu gehört. Dazu gehört vor allem auch Fabian Jöck, der Performance Coach. Was ist der Sinn des Spiels? Hat hier schon mal jemand was anderes geantwortet als: zu gewinnen? Ihr Lieblingsspieler? Früher Memphis Depay! Ich habe diese Mischung aus explosiven Dribblings und kreativen Finten geliebt. Ich glaube, dass der ein oder andere Torwart noch heute manchmal von seinen spektakulären Distanztoren schlecht träumt. Ihre Lieblingstrainer? Im Sommer 2025, ich war noch bei Hertha BSC und in Gesprächen mit anderen Vereinen, hat mir Julian Schuster eine besondere Nachricht geschrieben. Das meiste davon geht die Öffentlichkeit nichts an. Aber einen Satz kann ich verraten. Er schrieb: „Kein Trikot steht dir besser.“ Die Nachricht war wirklich besonders und hatte mir viel bedeutet. Damit hat er mir gezeigt, wie sehr er mich in seinem Team haben möchte. Das war nur eine von vielen Aktionen oder Momenten, in denen er bewiesen hat, wie besonders er ist. Er tut mir richtig gut. Ich finde aber auch Mourinho super spannend, von seiner Art her. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mitspieler am meisten? Hinter mir spielt Jordy Makengo als linker Verteidiger. Wir verstehen uns blind. Und wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Er für mich, ich für ihn – wir füreinander. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Freund am meisten? Verlässlichkeit und Vertrauen. Ihr größter Fehler? Dass ich mir manchmal vielleicht zu viel Gedanken mache. Ihre Helden der Gegenwart? Hier fällt mir nichts ein ... Was ist der größte Irrtum über das Leben als Fußballprofi? Dass wir nur wenige Stunden am Tag trainieren und einen sehr kurzen Arbeitstag haben. Da gehört schon mehr zu, Vor- und Nachbereitung, verpflichtende Termine, Mannschaftsbesprechungen, taktische Analysen, zusätzlichen Einheiten, die der Körper braucht, und Zeit für Regeneration, ohne die es heutzutage nicht mehr geht. Messi oder Ronaldo? Messi! Guardiola oder Klopp? Jürgen Klopp. Es wäre ein großer Traum, irgendwann einmal unter dem Bundestrainer spielen zu dürfen. Was lieben Sie am meisten am modernen Fußball? Ich liebe es grundsätzlich, wie sehr wir Menschen begeistern können. Wie wir für Emotionen sorgen können, wenn wir gewinnen, guten Fußball spielen und einfach alles geben. Was verabscheuen Sie am meisten am modernen Fußball? Die Niedertracht von Social Media. Unter dem Deckmantel der Anonymität wird oft vieles verbreitet, was Unsinn oder auch grenzüberschreitend ist. Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem spiel- und trainingsfreien Tag? Zeit mit der Familie oder Freunden zu verbringen.
