FAZ 27.03.2026
09:36 Uhr

Der Wandertipp: Lichterglanz über der Wetterau


Weithin sichtbar beherrscht die romanische Doppelturmfassade der Basilika St. Petrus und Paulus das Niddatal, auch „Dom der Wetterau“ genannt. Stimmungsvoll erhellt Kerzenschein das Hochfest in der Osternacht.

Der Wandertipp: Lichterglanz über der Wetterau

Sie sind selten geworden, jene mit der Gegenreformation aufgekommenen Inszenierungen für Straßen oder Kirchen, um dem biblischen Geschehen plastische Anschauung zu verleihen. Was Aufklärung und Säkularisation, Napoleon und Nationalsozialismus nicht gelang, ging meist nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil oder schlicht mangels Zuspruch verloren. Nur wenige historisch gewachsene Fronleichnamszüge überdauerten, wie jener im oberhessischen Mardorf, oder jesuitische Karfreitagsprozessionen wie in Lohr am Main. Mancherorts wie in der Wetterau-Gemeinde Ilbenstadt konnten die Feierlichkeiten der Osternacht bewahrt werden, allerdings mit der Einschränkung, dass sie in der jetzigen Gestalt erst vor 75 Jahren durch Papst Pius XII. eingeführt wurden. Entgegen regional sehr unterschiedlichen Praktiken und Zeitfenster sollte weder am Samstag noch am Sonntag, sondern in der „heiligen“ Nacht mit dramaturgisch gesteigerter Beleuchtung der überlieferten Auferstehung gedacht sein. So hält es unverändert die Ilbenstädter Gemeinde. Am Feuer vor dem Portal entzündet der Pfarrer eine große Kerze, die er in die abgedunkelte Kirche trägt. Nach und nach wird sie erhellt, wenn die Besucher daran eigene Kerzen anstecken. Bei Gebet und Musik klingt die Feier des ursprünglich höchsten Festtags der Christenheit aus. Katholische Enklave durch Gründung der Prämonstratenser Dass sich in dem kleinen Ilbenstadt dieser Brauch erhielt, dürfte in seiner Eigenständigkeit liegen. Die katholische Enklave inmitten eines protestantischen Umfelds geht auf eine Gründung der Prämonstratenser zurück. Weithin sichtbar beherrscht noch heute die romanische Doppelturmfassade der Basilika St. Petrus und Paulus das Niddatal auf einer Kuppe, volkstümlich auch „Dom der Wetterau“ genannt. Über Jahrhunderte galt Ilbenstadt als eine der wichtigsten Niederlassungen des Reformordens, seit sie der junge Graf Gottfried von Cappenberg nur drei Jahre nach dessen Gründung 1120 gestiftet und reich begütert hatte. Bestattet liegt der früh verstorbene Gottfried in einem 1149 geschaffenen Hochgrab. Zum Zeichen seiner selbstlosen Entäußerung wurde ihm die Klosterkirche sowohl in die Hand als auch um das Haupt gelegt. Allerdings ruht hier lediglich eine Hälfte. Die andere entnahm sein Bruder Otto, um sie an den Stammsitz der Cappenberger nahe Lünen zu verbringen. Dies war ein immens politischer Akt, denn dort trägt Gottfrieds Grabmal keine Kirche, sondern die vielleicht berühmteste Darstellung eines hochmittelalterlichen Herrschers. Als Zeichen des Cappenberger Anteils beim Ausgleich zwischen Papst und Staufern hält er die goldene Kopfplastik Kaiser Friedrich I. Barbarossa in der Hand. Ansehen und gedeihliche Entwicklung von Kloster Ilbenstadt, das auch einen räumlich abgesetzten Frauenkonvent besaß, konnte dies nur steigern. Die Abtei überstand selbst die Reformation und schwerste Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg. Gleichsam zum Triumph wurde im Barock die gesamte Anlage erneuert – die Kirche nur im Inneren. Erst seit der Aufhebung 1803 erlosch das monarchische Leben. Hernach zweckentfremdet und teilabgerissen, tat ein Großfeuer 1963 ein Übriges, die meisten Gebäude zu vernichten. Funktionaler wieder aufgebaut und ergänzt, dienten sie der Diözese Mainz bis 2020 als Bildungszentrum. Nach Leerstand nutzt sie nun die Verwaltung der Stadt Niddatal. Wegbeschreibung Von der Hauptdurchgangsstraße in Ilbenstadt, der B 45, ist der frühere Klosterteil unberührt. Platz zum Parken bieten das Sträßchen vor dem barocken Obertor (Zufahrt gen „Klosterschänke“) oder die Seitenstreifen der Bundesstraße. Dort, an der Haltestelle Friedberger Straße, hält auch ein von der S-Bahn-Station in Nieder-Wöllstadt kommender Bus. An der zentralen Achse läuft man bis zur Brücke über die Nidda am Ortsausgang und schwenkt dann gleich rechts in den Fuß- und Radweg gen Assenheim. Der ist zwar asphaltiert und verläuft nur geradeaus, bietet aber vielfältige Abwechslung: Dank der renaturierten Nidda sind Wasservögel und mit etwas Glück selbst Biber zu beobachten, während im Hintergrund die Basilika in ganzer Länge vorüberzieht. Erst nahe Assenheim entschwindet sie aus dem Blickfeld. Dessen bedeutendstes Bauwerk, das Solmser Schloss, verbirgt sich dagegen zunächst. Es bestehen zwei Möglichkeiten der Annäherung. Entweder außen herum – weiter entlang der Nidda, wobei die hier mündende Wetter überquert wird – oder im Gefolge grüner Radwegeschilder in den historischen Kern, der hochwassergeschützt zwischen der Nidda-Schleife erwuchs. Sie bietet ausreichend Platz für die als Querbau errichtete, frühklassizistische Pfarrkirche inmitten stattlicher Fachwerkhäuser. Das schönste Gebäude am Platz, das im 18. Jahrhundert erstellte Rathaus, gehört heute der örtlichen Nabu-Gruppe. Von ihr stammen die allerorten anzutreffenden Schautafeln zur Geschichte und Natur Assenheims. Natürlich fehlen Erläuterungen zum hoch aufragenden Schloss nicht. Unverändert bewohnt die Rödelheimer Linie der Solmser Grafen das dunkelgelbe Barockgebäude. Deshalb ist es unzugänglich, beim Gang durch den früheren Wirtschaftsteil mit umgebauten Remisen jedoch gut einzusehen. Möchte man etwas verkürzen, folgt man noch davor der Parkeinfriedung, entsprechend der Haupt- zur Bönstädter Straße. Sie sind am Friedhof nach rechts in den Steinweg zu verlassen. Ausgangs geht es in offene Flur, womit sich stets wandelnde Perspektiven über die Ilbenstädter Basilika ergeben, variantenreich aufgefächert von randnahen Bäumen anfangs einer Waldpartie. Wenn der Forstweg mit einem weiten Linksbogen etwas tiefer vordringt, biegt man an der Kreuzung nach gut 500 Metern rechts in die Wiesen. Für eine ausholende Runde durch typisches Offenland der Wetterau quert man unterhalb des Schlosses die Nidda auf einem Steg und läuft am Ufer dem eisernen Bahnviadukt entgegen. Noch vor der 300 Meter langen, 1881 errichteten Brücke wechselt man wieder die Flussseite und nimmt Kurs auf das in Hanglage erkennbare Bönstadt. Bald anzutreffende Blühstreifen sollen die ausgeräumten Felder durch mehr Artenvielfalt bereichern. Selbst Freizeitfischer sehen sich diesem Ansinnen verpflichtet. Nachdem ein Kilometer später rechts – hier steht die „Sonne“ eines begleitenden Planetenwegs – durch Ackerland auf Bönstadt zugehalten wurde, sichtet man zwei Teiche eines Angelvereins, die ausdrücklich auch dem Schutz von Wasservögeln dienen. Graureiher und Störche sind vom Uferpfad gut zu beobachten. An der Ortseinfahrt kreuzt man die Landstraße. Vor Neubauten sowie dem anschließenden Heckenzug geht es leicht bergauf. An seinem Ende lässt sich wählen: nach rechts über holprige, begraste Feldwege, bis man nach 500 Metern links zum Hauptweg findet, oder nach links, dann rechts und nochmals rechts zu dem erhöht verlaufenden asphaltierten Wirtschaftsweg. Er zielt schnurgerade auf die Bahnstrecke; dahinter, unter Mitnahme der Abkürzenden, geht es nach links. Nach zwei, drei Kurven durch Wiesen zeichnen sich die fast vollständig erhaltenen Gebäude und Stallungen des einstigen Nonnenklosters ab. Da unverputzt, blieb sichtbar, dass für die heutige Staatsdomäne im 18. Jahrhundert Abertausende Steine behauen und passgenau gesetzt werden mussten. Auf dem an der hohen Umfassungsmauer entlangführenden Weg geht es auf die Höhe, wo sie quasi ihre Fortsetzung findet. Nur umschließt die vier Meter hohe Wehr hier das Parkareal. Wegen Bauarbeiten ist es aktuell unzugänglich. Also läuft man weiter bis an der Rand Ilbenstadts und dort gleich links zum westlichen Seiteneingang. An der Mauer davor steht Gottfried von Cappenberg in barocker Ausführung, „seine“ Kirche in der Hand haltend. Anfahrt Der Niddataler Ortsteil Ilbenstadt liegt verkehrsgünstig an der B 45 südlich von Friedberg. Oberhalb der Klosteranlage sowie neben der Friedberger Straße gibt es viel Parkraum. Die dortige Bushaltestelle wird im Stundentakt vom Bus FB-71 angefahren, der mit dem S-Bahnhof (S 6) in Nieder-Wöllstadt verbindet. Sehenswert Anno 1123 wurde mit der Prämonstratenserabtei Ilbenstadt eines der bedeutendsten Klöster des Reformordens begründet. Auf die Blütezeit im 12. und 13. Jahrhundert geht die doppeltürmige, spätgotisch umgebaute Kirche zurück; 1929 zur Basilika erhoben. Ihre Ausstattung wie die nach 1803 teils abgerissenen und 1963 teils abgebrannten Konventgebäude entstammten dem Barock. Fast vollständig bewahrt ist das unterhalb liegende Nonnenkloster aus dem 18. Jahrhundert; jetzt Staatsdomäne. In Assenheim residiert die Rödelheimer Linie der Solmser Grafen. Zurückreichend auf eine Burg der Münzenberger in der Nidda-Schleife, ließen sie ein Schloss errichten, das 1786 spätbarock stark verändert wurde. Die Anlage und ihr von Heinrich Siesmayer geschaffener Park sind nicht zugänglich, aber gut einsehbar. Öffnungszeiten Die vormalige Klosterkirche von Ilbenstadt steht tagsüber offen. Das Hoch- und Lichterfest in der Osternacht am 2. April beginnt um 21 Uhr.