Monate sind vergangen, seit Oke Göttlich, Präsident des Fußballklubs FC St. Pauli, brachial, aber nachvollziehbar versucht hat, den DFB, zu dessen Präsidium er gehört, dahin zu bringen, sich Gedanken zu machen, was man sagen will, wenn das deutsche Herren-Nationalteam zur WM ins Land von Donald Trump reist, dem Friedenspreisträger der FIFA – und dann wieder diese Fragen kommen. Diese unangenehmen Fragen nach den politischen Verhältnissen in Ländern, in denen man antritt. Nach dem Umgang mit dem WM-Teilnehmer Iran, gegen den Trump Krieg führt. Nach dem Grenzschutzkommando ICE, das auch in den US-amerikanischen Stadien patrouillieren wird, wie das Heimatschutzministerium angekündigt hat. Und als solche Fragen jetzt Rudi Völler, der Sportdirektor des Männer-Teams, bei einer Pressekonferenz vor dem Abflug des DFB-Trosses nach Chicago beantworten sollte, nach der Vorbildfunktion der Nationalspieler: Da fiel dem gestandenen Mann des internationalen Fußballs als Erstes ein, lieber diejenigen abzukanzeln, die sie stellen. Und danach in einem Satz dies (keine „Maulkörbe“ für Spieler, die was zu Trump sagen wollen) und im anderen das („normalerweise“ aber solle „das auch nicht mehr passieren“) zu erklären. Wie soll man den Sportdirektor Völler verstehen? Wie sollte man das verstehen? Dass sich der DFB mit den Erfahrungen der vorigen WM im homophoben Qatar 2022 beschäftigt hat, wo es zu einem blamablen Hin und Her mit der FIFA wegen einer solidarisch gemeinten Kapitänsbinde („One Love“) gekommen war, die Manuel Neuer zum Schluss nicht tragen durfte, und deshalb jetzt auf die individuelle Verantwortung der Spieler setzt? Aber gleichzeitig erwartet, dass sie nichts sagen? Völler ist ein impulsiver Typ, vielleicht war diese Pressekonferenz vor Abflug nur die Generalprobe, auf die jetzt der DFB reagiert und die Leute nach der Landung besser brieft, die er in den nächsten Wochen bei der amerikanischen WM ans Mikrofon lässt, und natürlich ist eine Medienstrategie noch keine schlüssige Haltung zum immer schon komplexen Verhältnis von Sport und Politik. Der DFB scheint darauf zu setzen, dass Unzeit für immer ist Aber der Verdacht drängt sich auf, dass sie im DFB die Debatte, die Oke Göttlich also schon im Februar anstoßen wollte, dann doch einfach lieber gar nicht erst geführt haben. Oder ihr Ergebnis gewesen sein könnte, auch nach den Erfahrungen in Russland und Qatar, einfach alles auszusitzen. Göttlichs Vorstoß komme „zur Unzeit“, hatte DFB-Neumann im Februar gefaucht, eine Debatte sei „zum jetzigen Zeitpunkt völlig verfehlt“. Und so, wie die Deutsche Bahn offenbar darauf hofft, dass es im Winter nicht schneit und im Sommer nicht heiß wird, um durch die äußeren Verhältnisse durchzukommen, so scheint der DFB darauf zu setzen, dass Unzeit für immer ist. Die USA sind nicht Russland oder Qatar, was Demokratie und Menschenrechte angeht, klar – aber selbst das zu sagen, könnte ja der Anfang des Versuchs einer Antwort sein, wenn der Kapitän Joshua Kimmich, Bundestrainer Nagelsmann oder der aktuell unsichtbare Präsident Neumann gefragt würden, wie sie die Regierungskultur im Gastgeberland USA so finden. Ein Gastgeber droht seinen Gästen, noch bevor sie angekommen sind Wo den Gästen gedroht wird, bevor sie überhaupt angekommen sind. Wo der Vizepräsident Witze darüber macht, dass ausländische Fans, die zu den Spielen anreisen, besser auch wieder abreisen, weil sie es sonst mit ICE zu tun bekommen. „Die iranische Fußballnationalmannschaft“, schrieb Trump, „ist bei der Weltmeisterschaft willkommen, aber ich halte es wirklich nicht für angemessen, dass sie dabei sind, was ihr eigenes Leben und ihre Sicherheit angeht.“ Bei jeder zufälligen Straßenumfrage im „Mittagsmagazin“ von ARD und ZDF würde man zu solchen Sätzen politisch aufgeklärtere Kommentare deutscher Mitbürgerinnen und Mitbürger bekommen als vom DFB, mit all seinen Ressourcen, in seiner Funktion als größter Verein in einer pluralen Demokratie.
